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Jan Müllers „Reflektor“-Kolumne, Folge 3: Wie Haftbefehl Deutschrap wahrhaftig macht

von
Jan Müller
Jan Müller

Ich bin zwar Fan von Rockmusik, doch die Entwicklung des deutschen Rap habe ich durchaus mitverfolgt. 1992 beeindruckten mich die engagierten Advanced Chemistry, während mich der Jux-Rap der Fantastischen Vier kaltließ. Ende der 90er erlebte ich die Zweifel der Hamburger Rapper ob der Karl-May-Haftigkeit ihres eigenen Tuns. Anscheinend half einigen dann nur eine gewisse sprachliche Drastik, um glaubwürdiger zu werden. Es schlichen sich erste despektierliche Vokabeln wie „schwuchtelig“ ein. „Ist ja alles nicht so gemeint“, wurde damals gesagt. Seitdem wurden im Deutschrap Grenzen des Sagbaren immer weiter und bis ins Unerträgliche erweitert. Homophobie, Sexismus und Gewaltverherrlichung in den Texten eskalierten.

„Wenn er einmal guckt, dann kriegt er aufs Maul“

Rückblende in die 80er-Jahre: Ich erinnere mich noch gut an Teenager-Tage. In der U-Bahn sagte ein Typ aus der benachbarten Vierergruppe, auf mich hinweisend: „Wenn er einmal guckt, dann kriegt er aufs Maul.“ Ich erinnere mich, wie mir unter Androhung von Schlägen nachts auf dem Heimweg mein Geld geraubt wurde. Ich erinnere mich, wie ich vor einem Schläger, der glaubte, in mir eine Schwuchtel erkannt zu haben, zu Kreuze kroch und mich hinterher meiner Angst und Feigheit wegen schämte. Und so weiter und so fort. Als Opfer derartiger Gewalt kommen mir manche heutige Rap-Zeilen wie blanker Hohn vor. Es sind genau solche Typen, wie jene, die mich damals bedrohten, die ihre Gewaltfantasien nun in die Mikros quasseln.

Dennoch, diese Art der Rap-Musik gab es damals noch nicht, das ist auch der Beweis, dass sie nicht Ursache, sondern Symptom ist. Vielleicht gibt es sogar Texte, deren sprachliche Drastik mehr ist als nur Gewalt-Pornografie. Vielleicht ist Haftbefehl genau einer dieser Sonderfälle.

Auch er begann seine Karriere mit diversen üblen textlichen Fantasien. Jedoch konnte man bei ihm auch schon zu Beginn eine andere Ebene finden. Zum Beispiel klingt eine Zeile wie „Wenn nicht mit Rap, dann mit der Pumpgun“ doch viel eher schier verzweifelt als brutal. Nachdem Haftbefehl schon Rap-Star war, wurde er dann im Jahr 2012 mit „Chabos wissen wer der Babo ist“ sogar zum Liebling sämtlicher Feuilletons. Auch ich fand es wirklich beeindruckend, wie hier mit Sprache umgegangen wurde. „Ich spreche, wie ich will.“ Keine Gesetze.

Anders als viele andere Rapper, trieb der Erfolg ihn jedoch nicht dazu, immer wieder das Gleiche zu machen. Gewaltschilderungen und Angeberei scheinen bei ihm mittlerweile nur noch lästige Pflichtübungen zu sein. Spätestens seit dem Track „Depressionen im Ghetto“ begann eine Entwicklung, die dann mit dem WEISSEN ALBUM (2020) und dem SCHWARZEN ALBUM, das am 30. April erschienen ist, ihre Höhepunkte fand.

Haftbefehl thematisiert im Angeber-Genre Gangster-Rap Krisen im Kopf und Verletzlichkeit

Im Interview erzählte Haftbefehl mir: „Es geht nicht in erster Linie um Talent. Du musst ein Konzept haben, wenn du was machst.“ Wenn der talentierteste Rapper hierzulande seine Schwerpunkte beim Konzept setzt, so sollte man genau hinhören. Und tatsächlich: Haftbefehl gelingt die Quadratur des Kreises. Er thematisiert im Angeber-Genre Gangster-Rap Krisen im Kopf und Verletzlichkeit: „Mein totes Herz schlägt schon lang nicht mehr. Starb an Depression und Schmerz.“

Für mich ist das SCHWARZE ALBUM ein Meilenstein; es erzeugt den gleichen Sog wie Schuberts „Winterreise“. Hören mit Schmerzen. Der vertonte Stillstand lässt sich nur schlecht ertragen. Die kaputten Aufzüge, die sich weder auf noch ab bewegen, die immer gleichen drogendominierten Autofahrten, eine alles bestimmende Frage, die sich jedoch nicht formulieren lässt. All das dargeboten in einer radikal reduzierten Sprache. Auch das Plattencover entspricht nicht der im Rap üblichen Prahlerei: keine fette Schrift, kein protziges Porträt, keine Autos, kein Schmuck, sondern nur jeweils eine scheinbar nachlässig gekritzelte Zeichnung. Schwarzweiß beim WEISSEN ALBUM, Weißschwarz beim SCHWARZEN ALBUM.

Vermutlich macht es sich Haftbefehl mit Kunstwerken wie dem SCHWARZEN ALBUM kommerziell betrachtet nicht leicht. Allerdings ist durch seinen künstlerischen Beitrag der deutsche Rap nun endlich das geworden, was er schon immer sein wollte: wahrhaftig.

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 05/2021.


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