Spezial-Abo

Kolumne

Jan Müllers „Reflektor“-Kolumne, Folge 2: Annette Benjamin – Die 35-Jahres-Zikade

von
Jan Müller
Jan Müller
Kolumne

Juli 2020

Ich sitze in einem Kreuzberger Proberaum. Eigentlich knie ich eher. Neben mir steht Max Gruber (Drangsal) und bearbeitet seine Gitarre. Hinter ihm Thomas Götz (Beatsteaks) am Schlagzeug. Daneben Julian Knoth (Die Nerven) am Bass. Keyboarder Konrad Betcher (Casper) ist leider heute nicht dabei, sondern produziert irgendwo in den Schweizer Bergen das neue Album von Dagobert. In der Mitte des Raums steht Annette Benjamin und schreit sich die Seele aus dem Leib. Sie hat mich zur Probe ihrer noch namenlosen Gruppe eingeladen. Kaum zu glauben, dass diese Frau seit 35 Jahren auf keiner Bühne stand. Gut, dass sie jetzt wieder eine Band hat. Und was für eine!

Juli 1980

Wenn man sich den Auftritt von Hans-A-Plast im „Rockpalast“ anschaut, kann man erahnen, wie lebendig Punkrock einmal war, bevor er mit Uniformität, Bierseligkeit und all den langweiligen Dogmen überzogen wurde. Und es ist festzustellen, obwohl die Parole damals „No More Heroes“ lautete: Die 19-jährige Sängerin Annette, diese charismatische und energetische Frau mit dem einzigartigen und bemerkenswert positiv-lebendigen Ausdruck im Gesicht, ist unbestritten der Star der Stunde.

Juni 2018

Plötzlich steht eben jene Annette, mit dem ihr eigenen ewig jugendlichen Blick in den Augen, inmitten eines Haufens stark alkoholisierter Punks beim jährlichen Festival von Höhnie Records. „Ich freu mich total Euch zu sehen! Es ist ungefähr 35 Jahre her. Aber ist schon okay, ist schon okay, ich habe Euch nicht vergessen!“, sagt sie ins Mikro. Und mit Fürsorglichkeit: „Pass mal auf Dich auf, Du blutest“ zu einer Punk-Dame, die auf die Bühne gestürmt ist, um sie begeistert-besoffen zu umarmen. Dann stimmen die Razor Smilez und Annette „Rock’n’Roll Freitag“ an und die Hölle von Peine bricht los.

Juli 2019

„Gerne gebe ich Auskunft zu alten Zeiten, vielleicht etwas bruchstückhaft … aber ja.“ Das war Annettes Antwort auf meine erste Kontaktaufnahme, meine Einladung zum Interview für meinen Reflektor-Podcast. Beim Gespräch spricht sie einen klugen Satz nach dem anderen ins Studio-Mikrofon. Nach dem Interview ist sie dennoch unsicher. Witzig, solche Zweifel stünden anderen Leuten besser zu Gesicht als ihr, denke ich. Wir sitzen in den Prinzessinnengärten in Kreuzberg und essen irgendeine Bio-Pampe. „Ist mir eigentlich etwas zu ökig“, gestehe ich ihr. „Mir auch“, antwortet sie, Gelächter.

August 2020

Jan Müller von Tocotronic schmeißt auch seinen „Reflektor“-Podcast – und schreibt im Musikexpress darüber.

Annette sitzt mit ihrer ältesten, erwachsenen Tochter und meiner Familie in unserem Garten. Sie ist wieder zur Band-Probe in Berlin. Wie immer hat sie köstliche Münsteraner Schokolade mitgebracht. Wir reden über ihre Musik. Ich freue mich auf das, was kommen wird. Über die klugen poetischen Texte, die sie schreibt und über die super Band, die sie im Rücken hat. Das ist auch Max zu verdanken, der sie für sie zusammengestellt hat. Und Thomas und Julian und Konrad dafür, dass sie mitmachen. Es wird kein zweiter Aufguss von Hans-A-Plast sein. Ich denke daran, wie ich mich schon vor 20 Jahren fragte: Wo ist eigentlich Annette Benjamin? Warum ist ausgerechnet sie abgetaucht?

Der Bruch von Hans-A-Plast ins bürgerliche Leben hat ihren künstlerischen Drang nicht erlöschen lassen. Er ruhte nur und entwickelte sich im Stillen weiter. Wie bei einer Zikade, die nach langen Jahren mit großer Lautstärke aus der Versenkung auftaucht. Zum Abschied bringe ich sie mit den Kindern zu ihrem Auto. Die beiden bestaunen den nagelneuen Wagen. „Ist das ein Agentenfahrzeug? Bist Du eine Agentin?“, fragen sie. „Ja“, antwortet Annette. „Aber verratet es nicht weiter.“ Genau, denke ich. Du bist eine Agentin des Punks und der Aufrichtigkeit: tapfer und mutig und unbesiegbar.

Hört hier die Podcastfolge mit Annette Benjamin:

reflektor.viertausendhertz.de

Michael Petersohn

Darum sind Docs die Schuhe für jeden Sound
Weiterlesen

3 Monate MUSIKEXPRESS nach Hause

Grafik Abo 3 Ausgaben für 9,95 €