Kolumne

Jan Müllers „Reflektor“-Kolumne, Folge 1: Die unverzichtbare Mäusepolizei

von
Jan Müller
Jan Müller
Kolumne

Herzlich willkommen bei „Reflektor“! Nachdem ich nun bereits 30 Episoden meines gleichnamigen Podcasts in die Weiten des Internets sendete, gibt es erfreulicherweise ab sofort auch eine begleitende Kolumne in diesem Heft und seiner Webseite.

Jan Müller von Tocotronic schmeißt auch seinen „Reflektor“-Podcast – und schreibt im Musikexpress darüber.

Podcast, Kolumne – warum habe ich überhaupt das Bedürfnis, Derartiges zu machen? Es ist doch toll und aufregend, in einer Band zu spielen: Albenproduktionen im Studio, Videodrehs und natürlich die Konzerte mit enthemmtem Publikum. Reicht das nicht? In der Tat macht mir alles das noch immer einen Riesenspaß. Das Problem ist nur, dass man natürlich nicht immer in diesen erregenden Zusammenhängen ist. Wenn man ehrlich ist, so ist festzustellen: Für Menschen in Bands gibt es viele Pausen-Phasen. Nicht nur in Pandemiezeiten. Dann fegt man zum dritten Mal den Proberaum, schlägt sich mit Buchhaltung herum oder googelt 25 Stunden, bis man endlich das heiß ersehnte Bernard-und-Bianca-Mäusepolizei-T-Shirt auf einer obskuren mexikanischen Print-on-Demand-Website gefunden hat, das einem als Bühnengarderobe plötzlich unverzichtbar erschien.

Im Jahr 2019 war es daher so weit, ich kam zu einem Entschluss: Nach nur 25 Jahren Tocotronic könnte ein kleiner Ausgleich nicht das Verkehrteste sein. Und dann saßen tatsächlich bald Marian Gold von Alphaville, Annette Benjamin von Hans-A-Plast und Frank Z von Abwärts bei mir im Studio. Allesamt Menschen, deren Musik ich schon im Knabenalter begeistert lauschte.

Das Tolle an dem zur Zeit hypenden Medium Podcast ist ja, dass man wirklich völlig frei bestimmen kann, was man macht. Zum Beispiel die wundervolle Ilgen-Nur zum Gespräch einladen. Im Interview hat sie mir erzählt, dass unser erstes Video „Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk“ ein Vorbild für ihr erstes Video „Cool“ war. Das macht mich einerseits ein wenig verlegen, aber andererseits auch unfassbar glücklich. Ich erinnere mich daran, wie begeistert ich war, als ich im Jahr 2017 ihren Clip sah.

Ich war erstaunt, wie sehr mich die Vokabel „cool“ noch immer berührt. Sie erinnert mich an die Anfänge von Tocotronic. Wir waren drei Außenseiter, die es nun gemeinsam endlich schafften, ihre Unsicherheiten und Verletzlichkeiten zu transformieren.

Coolness war Notwehr. Vermutlich hielten wir uns jedoch nur selbst für cool und kamen unserer Umwelt eher völlig überreizt vor.

Ilgen hingegen ist wirklich cool und in ihrer Coolness findet sie in großen Sprüngen zu einem künstlerischen Ausdruck, den ich einfach toll finde.

Im Jahr 2018 luden wir Ilgen-Nur als Support auf unsere Tour zum Album DIE UNENDLICHKEIT ein.

Meine Zweifel, ob Rockmusik noch zeitgemäß ist (die mich regelmäßig ereilen, seit ich selbst Rockmusik mache), sind wie weggeblasen, wenn ich junge Menschen wie Ilgen sehe, die unter Beweis stellen, dass das Konglomerat aus Gitarre, Schlagzeug, Bass und Gesang noch immer eine vollkommen adäquate Ausdrucksform ist.

Ein weiteres Jahr später sah ich sie noch einmal live. Wir spielten bei dem wunderbaren Festival „Heimspiel Knyphausen“, das der edle Indie-Ritter Gisbert alljährlich mit getreuen Vasallen auf die Beine stellt.

Ich freute mich, wie sehr Ilgens Musik in nur einem Jahr weiter gewachsen war. Sie erzählte mir nach dem Konzert, dass ihr manchmal vorgeworfen wird, sie sei auf der Bühne unterkühlt.

Ich wunderte mich nicht, denn heutzutage gleichen Rock- und Popkonzerte nicht selten Sportanimationen im Pauschalurlaub mit Begleitmusik.

Es ist zwar schade, dass manche Leute vor lauter Dienstleistungssucht nicht mehr in der Lage sind, Charisma wahrzunehmen, aber ich bin mir sicher: Ilgen wird sich nicht verunsichern lassen. Dafür ist sie viel zu cool.

Michael Petersohn

Im „Bar-Talk“-Podcast spricht Markus Kavka mit Clueso und Co. über seelische Krisen
Weiterlesen

3 Monate MUSIKEXPRESS nach Hause

Grafik Abo 3 Ausgaben für 9,95 €