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Lektionen in Demut: Was die Welt von einem geläuterten Liam Gallagher hat

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Genau jetzt, in diesem Moment wirkt Liam Gallagher absolut nicht wie ein Geläuterter, der begriffen hat, dass das womöglich seine letzte Chance sein könnte: dieses neue und erste Solo­album mit dem Titel AS YOU WERE.

Wir sitzen in einem Berliner Hotelzimmer, und der Mann, der Mitte der 90er-Jahre der Sänger der größten Band der Welt war, ist von seinem Sessel aufgesprungen und schreitet mit diesem weltbekannten Gang durch den Raum, der so typisch für ihn ist wie sonst nur noch seine Stimme: bisschen Berggorilla, bisschen Vorstadtproll, ganz viel Stolz.

Liam hat sich in Rage geredet. Sein Blick verrät, dass er ganz genau weiß, wie viel Aufmerksamkeit er mit diesem Getue auf sich zieht. Wie oft die Leute schon über seine Witze gelacht haben, wenn er derart gockelhaft durch den Raum stolziert.

Es ist der Habitus des Klassenclowns, und genau das ist Gallagher für viele Leute ja auch: ein Kindskopf, ein unterhaltsamer Proll. Für alle anderen ist er einer der größten Sänger und Rock’n’Roll-Bühnenakteure aller Zeiten, dazwischen gibt es eigentlich nichts. Liam Gallagher war schon immer ein Mann, zu dem man eine klare Meinung haben musste.

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Das Gesicht des Britpop hat in den letzten vier Jahren nach eigener Aussage nichts erlebt. Das hört man dem Solodebüt an.auf Musikexpress ansehen

Jedenfalls ist Gallagher mitten im Gespräch aufgesprungen, um sich mal wieder über seinen Bruder zu echauffieren: „Die Jungs von früher erzählen mir, wie ekelhaft und borniert er mit den Leuten umgeht“, sagt er. „Wäre ich noch da, würde so was nicht laufen. Mit mir hat Noel Gallagher seinen Realitätsanker verloren.“

Das letzte Wort lässt er eine Weile wirken, weil er genau weiß, wie absurd es klingt: Damals bei Oasis hatte Liam Gallagher ja nur äußerst selten den Eindruck eines „Realitätsankers“ hinterlassen. Aber wer 2017 mit ihm spricht, dem erscheint diese Einschätzung gar nicht mehr so abwegig.

„Mit mir hat Noel seinen Realitätsanker verloren.“ – Liam Gallagher

Liam Gallagher hat schwierige Zeiten hinter sich. Nachdem die ewigen Streitereien mit seinem Bruder am 28. August 2009 derart eskalierten, dass Noel noch in derselben Nacht die Konsequenzen zog und die Band verließ, hatte Liam zunächst weitergemacht als wäre nichts geschehen.

Beady Eye waren eben nicht Oasis

Mit den verbliebenen Oasis-Musikern Gem Archer, Andy Bell und Chris Sharrock gründete er sofort eine neue Band. Beady Eye veröffentlichten zwei Alben mit zweieinhalb guten Songs und stellten bei Festivals die gleichen Gagen in Rechnung wie Oasis.

Beady Eye – The Roller auf YouTube ansehen

Sie waren aber nicht Oasis: Bei einem Konzert auf dem „Melt“-Festival standen 2011 zur besten Auftrittszeit etwa 2 000 Leute vor der Hauptbühne, anderswo lief es nicht viel besser. Es war eine Katastrophe.

Als das mit Beady Eye endlich vorbei war, fiel Liam Gallagher in ein Loch. „Zu viel Alkohol, zu viel ungesundes Essen, zu viele Zigaretten, zu viele Drogen“, erzählt er. Liam saß wochenlang zu Hause, hatte Depressionen, er wusste nicht mehr weiter.

Mit Beady Eye hatte er den Schock über das Oasis-Ende hinausgezögert, nun traf er ihn trotzdem mit voller Wucht: Das Leben, das er geführt hatte, seit er als Teenager die Oasis-Vorläuferband Rain gegründet hatte, war endgültig vorbei.

Liam saß wochenlang zu Hause, hatte Depressionen, er wusste nicht mehr weiter.

Während Liam auf der Couch saß und soff, musste er beobachten, wie sein Bruder eine hochrespektable Solokarriere zum Laufen brachte. Noel Gallaghers erstes Album verkaufte sich besser als das Spätwerk von Oasis, die großen Hallen waren voll.

Noel Gallagher’s High Flying Birds – If I Had A Gun… auf YouTube ansehen



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