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Popkolumne, Folge 75

Die Eiskönigin und der junge Kollegah – Volkmanns Popwoche im Überblick

von

LOGBUCH KALENDERWOCHE 29/2020

Ein Mann von der fernen (#Berlin) Redaktion des Musikexpress meldet sich bei mir. Wie es mir denn so gehe, will er wissen, doch bevor ich lange und umständlich antworten kann, rückt er mit seinem wirklichen Begehr heraus: Ich möge Helge Schneider interviewen. Den würde ich doch sicher kennen und ich könne dem Verlag ja nicht ewig nur mit dieser komischen Kolumne Kummer bereiten, ich müsse mich auch mal „normal“ einbringen. Normal, wie meint er das denn? Doch bevor ich etwas erwidern kann, bellt er unablässig Zahlenkombinationen in den Hörer und legt dann auf. Im Nachhinein wird klar, es handelte sich hierbei um GPS-Koordinaten. Ich schlage sie auf dem Globus nach – und sie führen meinen Finger nach Mülheim an der Ruhr. Ich fahre dorthin.

Der Rest ist Geschichte und steht im nächsten Musikexpress.

ABSCHIED FÜR ECHT JETZT: ADIEU SPEX

Es ist schon komisch, seit ich mich für Pop interessiere und believe me, das ist schon sehr lange, seit dieser Zeit lese ich immer wieder Abgesänge auf die „Spex“. Wurde ein Chefredakteur ersetzt, der Verlag verkauft, das Heft von Köln abberufen, der Kiosk-Verkauf eingestellt … immer wieder verabschiedeten sich ehemalige Gefährten, Interessierte oder Neider von dem stilprägenden Blatt der intellektuellen Pop-Linken. Doch jetzt ist wirklich so weit: Die „Spex“, die zuletzt hinter einer Bezahlschranke nach dem Ende der Print-Ausgabe 2018 online noch weitergemacht hatte, wurde eingestellt.

Sinnbildlich für den fortschreitenden Bedeutungsverlust ist, dass zum tatsächlichen Schluss erstmals keine große Farewell-Litanei mehr aufbrandet. Dabei haben die Online-Akteur*innen tapfer den Umständen getrotzt und die ewige Power-Marke noch zwei Jahre am Laufen gehalten. Die „Spex“ war einfach too big to fall. Deshalb war ihr Schicksal der Fadeout. Dass der sich nun final vollzogen hat, ist trotzdem schmerzlich.

NENA DER WOCHE: „Ich übernehme!“

Vollkommen zermürbt steht Nena hinter der Bühne, es riecht nach Diesel. Von wegen Feinstaub… ganz schön grob der Film, der sich auf die Haut der 60-jährigen NDW-Ikone gelegt hat. Sie muss heute auftreten in einem Autokino. So ein Quatsch. Aber was soll man machen, es ist halt Corona. Wann geht es endlich los? Draußen brummt und hupt es immer rastloser. Doch dann ergreift eine Radiomoderatorin das Wort und labert in salbungsvollem Gestus, heischt nach Applaus. Applaus, der eigentlich Nena gehört. Nena wird sauer. Sie will endlich wieder die Bühne für sich. Wann hört diese Frau da endlich auf zu reden?!

Nein, Nena kann einfach nicht mehr warten. Das nimmt sie jetzt besser mal selbst in die Hand…

Der Fairness halber sei gesagt: Nena hat sich in der Zwischenzeit entschuldigt. Sinngemäß sagte sie, sie wollte unbedingt da raus und habe überhört, dass gerade eine Danksagung passiere.

FLOP DER WOCHE: „Frozen 2“

Gut, wer auf zack war, der hat diesen griffigen Eisbecher schon letzten Winter im Kino weggesnackt. Aber ich bin ja ein sehr gefragter Mann und kann außerdem nicht dauernd Popcorn und Eiskonfekt verstoffwechseln. Also ruhig mal warten, bis der Film zufällig bei einem Streamingdienst aufploppt, dem man unablässig Geld in den Schlund wirft. So geschehen bei mir, Disney+ und „Frozen 2“.

Nun, ich sage es mal so: Wenn ich mich dafür in ein Kino voller schreiender kleiner Engelchen gequält hätte, wäre ich jetzt richtig sauer. Daheim vorm Bildschirm nun bin ich einfach nur enttäuscht. Was haben die Plot-Roboter der Produktionsfirma denn hier für eine Fehlfunktion gehabt? Weder Figuren, Story noch die Auflösung erzeugen irgendeine emotionale Anteilnahme, wer sich – wie ich – schon darauf gefreut hatte, auf jeden Fall am Schluss zu heulen, dem bleibt nur, sich eine Zigarette auf der Hand auszudrücken. Sonst blieben alle Augen trocken. Außerdem hasst man nach „Frozen 2“ den dämlichen Schneemann. Falls das das Ziel der Macher war: Das ist gelungen.


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DAS KLEINSTE INTERVIEW DER WOCHE: SNEAKY SCHULZ


Sneaky heißt eigentlich Maximilian und unterhält zusammen mit Robert Herr einen Podcast auf ruhrbarone.de. Mitunter macht er auch immer mal PR-Arbeit für Menschen mit Behinderung. Außerdem ist der Münchner Fan von Eintracht Frankfurt und ein hochaktiver Meme-Aggregator. Wie viel Gründe will er einem noch liefern, um ihn zu lieben?

Sneaky, wie hast du den Lockdown erlebt und wie ist es aktuell bei dir?

Ich befinde mich seit Anfang März in freiwilliger Selbstquarantäne, mittlerweile tippen sich diese Zeilen dank Autocorrect schon fast von selbst. Ich bin jemand, der sich zuhause sehr wohl fühlt, viele meiner Hobbys kreisen um die heimelige Sphäre, Filme schauen, Serien bingen, Videospiele spielen, Bücher lesen… Umso schmerzhafter vermisse ich aber die Ereignisse außerhalb, also in einer meiner Lieblingsbars versinken, durchs Museum scharwenzeln, mit Freunden beim Fußball abpöbeln, und selbstverständlich vermisse ich das Kino! So nach und nach suche ich mir kleine Auswege aus dem Lockdown, mit ein bis zwei Freunden oder mit Verwandten treffen. Zum Spazieren gehen oder um einfach einen zu trinken.

Kannst du all jenen, die deinen Podcast mit Robert Herr nicht kennen, kurz vermitteln, was euer Ansatz ist?

Robert und ich waren schon länger Facebook-Kumpels, und er arbeitet als freier Journalist für die Ruhrbarone – und wie ich ab und zu eine Meinung zu einem Film oder einer Serie raushaue, hat ihm so gut gefallen, dass er mir dieses gemeinsame Projekt vorschlug. So ein richtiges Konzept gibt es nicht, nur bei der letzten Staffel von „Game Of Thrones“ haben wir jede Woche einen Recap gebracht. Ansonsten ist das Konzept eben, dass sich einfach zwei Freunde was über Serien und Filme erzählen, so wie wir das im echten Leben auch tun würden. Wir ärgern uns dabei auch gern gemeinsam, meist über den Sky Ticket Player…


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Zuletzt hast du auf Instagram (@sneaky.schulz) eine grandiose Fotoserie von 2007 gepostet. Du mit sehr vielen heute bekannten Rapstars, ihr seht alle aus wie Buben. Mir hat es das Bild mit Kollegah vor seiner Masse-Phase besonders angetan. Hast du dazu noch eine Erinnerung?

Das war damals auf einem Konzert des Labels Selfmade, Casper war kurz davor dort gesigned worden. Ich mochte vor allem ihn und Favorite, mit Kollegah konnte ich nicht so viel anfangen, der Flow war schon damals zu monoton. Ein Foto wollte ich mir allerdings nicht entgehen lassen! Zumal Kollegah beim bloßen Anblick meiner Kamera mich gleich selbst gefragt hat, ob ich ein Foto will. Wer wollte da schon „Nein“ sagen? 

Sneaky Schulz (links) und Kollegah. 2007.

FANZINE DER WOCHE: „Femzine #1“

Dieser ganze spießige Crafting-Hype muss doch auch was Gutes haben. Na, zumindest die Zunahme an selbstgemachten Heftchen (a.k.a. Fanzines) ist doch schon mal nichts Schlechtes. Aus Regensburg kommt das Femzine. Eine neue Generation von jungen Frauen will popkulturelle Teilhabe durchsetzen und erobert sich per DIY neue Sprecher*innen-Positionen. Im Femzine geht es um Kampfbegriffe wie Fuckabilty, um den Gender Paygap, feministische Bands und es gibt ein Vulva-Poster. Wenn solche Projekte die Gegenwart sind, sehe ich eine rosige Zukunft für die hiesige Popkultur. Es möge sich viel ändern. Solche Magazine sind bereits ein Teil davon.

MEME DER WOCHE

GUILTY OR PLEASURE (90S-EDITION, PT.10):

Die Sache ist ganz einfach: Ein verhaltensauffälliger Act aus dem Trash-Kanon der 90er wird noch mal abgecheckt. Geil or fail? Urteilt selbst!

FOLGE 10:
Marusha

HERKUNFT: Nürnberg
DISKOGRAPHIE: 7 Studio-Alben
ERFOLGE: Platin für über eine halbe Millionen verkaufter Singles von dem Stück „Somewhere Over The Rainbow“
TRIVIA: Ihre griechische Mutter gab ihr den Namen Marusha, da dieser zu jener Zeit allerdings nicht im deutschen Namensregister geführt wurde, stand in ihrem Pass dennoch nur der Vorname „Marion“. In den Neunzigern konnte sie diesen dann offiziell in Marusha ändern lassen.

PRO
Marusha stellt eine feministische Schlüsselfigur des Rave-Jahrzehnts dar. Sie setzte durch, dass eine Frau in der männerdominierten Feierkultur allein für ihre Musik und ihre Technik geschätzt wurde – ohne sich über totale Sexyness vermarkten zu müssen. Marusha war Role-Model und ihre debilen beatunterfütterten Kinderlieder klangen auch nicht besser oder schlechter als der Kram der männlichen Rave-Granden damals.

CONTRA
Marushas Karriere ist eine endlose Dienstleistung an ihrem bescheidenen Promi-Status. Als schillernde Figur der schnell ästhetisch überholten Rave-Szene wurde sie irgendwann bis zur Grüßtante der Pro7-Casting-Show „Popstars“ runtergereicht. Einziges Vermächtnis: diese erste Single und war da nicht immer was mit ihren Augenbrauen?


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