Highlight: 30 Jahre Mauerfall: Diese Songs hätte es ohne die Wiedervereinigung so nicht gegeben

Oral History

Musiker erzählen von den Abenteuern, die sie erlebt haben als die Berliner Mauer fiel

Ein kalter, immerhin trockener Donnerstagabend im November im Berlin der späten 80er-Jahre. Die alternative Szene in den heruntergerockten Straßen Kreuzbergs und Schönebergs kuschelt sich in ihre WGs und Kneipen, bröckelt allerdings schon seit einiger Zeit deutlich auseinander. Dafür werden die Künstler und Musiker im Osten, wo seit Wochen immer größere Demonstrationen gegen die SED-Führung stattfinden, noch lebendiger, lauter, aufmüpfiger.

Der Veranstaltungskalender des 9. November 1989 empfiehlt für den Stadtteil Schöneberg gleich zwei Konzerte zweier noch ziemlich frischer, lautstarker kalifornischer Bands: All und Faith No More. Auf der anderen Seite des Todesstreifens soll an diesem Abend einer der eher seltenen Auftritte des US-amerikanischen Jazzpianisten Walter Norris im Filmtheater „Babylon“ stattfinden. Und möglicherweise wird gar nicht weit weg von dort ein Köter namens Margot Gassi geführt.

Doch dann verkündet Günter Schabowski, der ebenfalls noch ziemlich frische Sekretär für Informationswesen in der DDR, live in Funk und Fernsehen, dass es eine neue Reiseregelung für Ostbürger in den Westen gibt, und stellt damit an diesem Tag zuerst Berlin und dann die ganze Welt auf den Kopf …

Wolfgang Müller: „Alles drängte in den Westen, wir in den Osten“

Der Künstler, Musiker (u.a. Die Tödliche Doris) und Autor Wolfgang Müller hatte Ende der 80er mit dem „Kumpelnest 3000“, einer von seinem Kunsthochschul-Kommilitonen Mark Ernestus eröffneten, zum Kunstwerk umgewidmeten Kneipe in Tiergarten, eine kreative Insel für sich gefunden. Doch der Mauerfall zeigte ihm bald, dass es wohl an der Zeit ist, sich eine neue Insel zu suchen. Er erzählt:

Bei mir in Kreuzberg lief schon seit Tagen DDR-Fernsehen. Weil es superaufregend war, immerzu veränderte sich etwas! Also sah ich auch die Pressekonferenz mit Schabowski. Ich war ja auch schon mit DDR-Fernsehen groß geworden, in Wolfsburg direkt an der Grenze, mit Sandmännchen Ost und West und später Löwenthal und Schnitzler. Der Austausch mit dem Osten war mir auch als Künstler immer wichtig. Mit Die Tödliche Doris war ich 1987 in Ungarn und Polen aufgetreten, und im Mai 1989 spielte ich „illegal“ mit meiner Band in einer Fabriketage in Ostberlin.

Und irgendwie hatte ich in den letzten Monaten schon gemerkt, dass die Angst der Leute gewichen war. Sie machten immer mehr Witze über die Staatsführung, die Repression funktionierte nicht mehr. Ich kannte zum Beispiel einen Punk aus Ostberlin, der nannte seinen Hund „Margot“.

Der Berliner Avantgarde-Künstler Wolfgang Müller Ende der 80er-Jahre.

Im „Kumpelnest“ kam ich später am Abend dann mit einer Schweizerin ins Gespräch und wir beschlossen spontan, über die Bornholmer Straße in den Osten zu gehen. Wir wurden dort einfach durchgewunken, sogar ohne Personalausweis, und liefen immer weiter nach Ostberlin hinein. Bis wir in dieser einsamen Straße landeten, weit und breit kein Mensch, und dann auch noch diese düstere Beleuchtung. Da packte mich die Paranoia: „Was ist, wenn jetzt doch noch die Panzer auffahren?! … Komm, wir gehen lieber wieder zurück!“

Ein halbes Jahr nach dem Mauerfall war ich dann zum ersten Mal in Island, habe gewissermaßen die nächste Insel für mich entdeckt. Und dort fuhren sogar auch Trabbis herum. Isländer importierten diese Autos, weil sie sich so einfach reparieren ließen, ziemlich geländegängig waren und nicht rosteten.

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