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Oral History

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Jacques Palminger: „Ich sah die neuen Nachbarn doppelt“

Jacques Palminger, Hamburger Musiker, Schauspieler und Autor, wurde vor 30 Jahren auch noch Jim-Bob Walton genannt. Damals, 25 Jahre jung, saß er nämlich bei der Berliner Cow-Punk-Band The Waltons hinterm Schlagzeug und schlug sich nebenbei mit Studentenjobs durch.

Ich lag in meiner Wohnung in der Graefestraße in Kreuzberg im Bett und konnte weder Licht noch Lautstärke ertragen, weil ich mir bei einem Waltons-Konzert im „Rider’s Café“ in Lübeck ein Schütteltrauma eingefangen hatte. Nach der Show war es noch mal richtig losgegangen, als „Riders“-Chef Kai-Uwe die Ramones-Live-Doppel-LP aufgedreht hatte und Lübecker Headbanger sich vor der Bühne zusammenrotteten und: headbangten. Und ich hatte mitgemacht, als Ramones-Fan mit langen Haaren.

Die damalige Berliner-Cowpunk-Institution The Waltons (hier auf Italien-Tour) mit, von links: Jason, Jim-Bob (alias Heinrich Ebber alias Jacques Palminger) und John-Boy.

Am nächsten Tag war mir dann fürchterlich schlecht. Zum üblichen Kater hatten sich ein Überdruck im Kopf und Dauerschwindel gesellt. Außerdem war es meinen Augen nicht mehr möglich, einen gemeinsamen Punkt zu fixieren.

Zurück in Berlin legte ich mich in meine verdunkelte Wohnung und stand nur auf, um zur Außentoilette zu gehen oder mir eine Konservendose warm zu machen. Ansonsten hörte ich Radio, am liebsten Hörspiele. Dazwischen Sondersendungen zu den Massenprotesten und Liveberichte von der Alexanderplatz-Demo.

Als sich am 9. November die Lage auf der Bornholmer Brücke zuspitzte und sich zu Mitternacht Tausende Ostberlinern durch den schmalen Grenzübergang quetschten, begann mein Telefon zu klingeln. Freunde wollten sich mit mir unters Feiervolk mischen und ein paar Freibiere abgreifen. Doch mein Zustand ließ das leider nicht zu.

Am nächsten Morgen lief ich schielend durch Kreuzberg und sah den Bürgern beim Vereinen zu. Autokorso-Fahrer hupten vor Glück und winkten mit Bierflaschen, während die Kreuzberger Jugend auf den Trabbis rumtrommelte und dabei versuchte, die Dächer der Autos einzudrücken. Es war wild, bunt und laut. Viel zu laut für mich.

Dazu sah ich die neuen Nachbarn auch noch doppelt. Deshalb wankte ich über reizarme Nebenstraßen zurück in meine Wohnung und blieb dort, bis sich die Nerven und die Mauerspechte beruhigt hatten.



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