Popkolumne, Folge 196

Verraten und gekauft: Was schiefläuft, wenn Popstars zu viel werben

von
Linus Volkmann
Linus Volkmann

Während ich diesen Text Zeile für Zeile mit leichter Hand in das Schreibprogramm des Rechners tippe, spüre ich einen Windhauch durch die geöffnete Verandatür, Licht fällt herein, ich höre Vögel und irgendwie kann ich das alles heute viel stärker wahrnehmen, Geräusche, Gerüche, Farben. Warum das so ist? Nun, ich habe gut geschlafen, das schärft die Sinne, macht Lust auf den Tag. An Nachtruhe hängt viel Wohlbefinden, Leute, und daher möchte ich mit euch teilen, dass ich auf einer neuen Matratze geschlafen habe und zwar von der hervorragenden Firma Seppel, ihre moderne Drei-Lagen-Zusammensetzung und Schaumbooster ermöglicht optimalen Liegekomfort …

… Na, haltet ihr mich nach dieser Passage bereits für den letzten korrupten Affen? Ich hoffe ehrlich gesagt, es ist so.
Denn, so geht’s schon mal los, natürlich habe ich keine Veranda, ich verfasse diese Zeilen ganz normal in einem fensterlosen, feuchten Keller, habe seit Jahren nie mehr als ein paar Stunden am Stück geschlafen und wenn sich hierhin ein Vogel verirren sollte, ich würde den Kammerjäger holen. Ach ja, und bevor ich mir eine dieser gerade in Podcasts vielzüngig beworbenen Matratzen kaufe, schlafe ich lieber auf einem rechteckig zusammengelegten Haufen aus Tierkadavern von der Autobahn.

Okay, das ist vielleicht etwas zu markig formuliert, aber ich ekele mich in den allermeisten Fällen einfach vor Werbung. Und Leute, die ihre mediale Sprecherposition nutzen, um einem etwas zu verkaufen, verströmen für mich Endgegner-Vibes.

Mein persönlicher Werbewiderwillen ist allerdings, das muss man leider auch sagen, auf dem besten Wege, als totale Boomer-Haltung gelesen zu werden. Schließlich definiert sich Erfolg der Jetztzeit über Reichweite und allzu viele Accounts lechzen nur noch danach, von irgendwelchen Firmen als (Mikro-)Influencer entdeckt zu werden. Um dann endlich selbst den Follower*innen die Gratisflasche Gin mit Hipster-Etikett anpreisen zu dürfen. Ich werbe, also bin ich.

Vorbei die Tage, in denen Ewiggestrige wie ich noch Blacklists führten, welche Musiker*innen sich durch bezahlte Markenbotschaften unhörbar gemacht haben. Auf großer Bühne fiel zuletzt zum Beispiel Katy Perry auf, wie sie sich weiträumig und hochbezahlt für Lieferando einspannen ließ. Ein Dienstleistungskonzern mit Gewerkschaftsaversion und Arbeitsbedingungen, die regelmäßig in der Kritik sind. Katy Perry aber verkauft es einem als geilen Lifestyle. Kriegt man doch gleich schlechte Laune bei dem Clip, oder?

Ich bin kein Zukunftsforscher oder Visionär – das muss man auch nicht sein, um zu konstatieren, dass die Verschränkung von originärem Content und bezahlter Werbung in dieser Dekade (gerade auch via TikTok) noch deutlich weiter voranschreiten wird. Besser also man gewöhnt sich daran. Als Desensibilisierungsmaßnahme verordne ich hier ein Rewatch von sieben Werbeklassikern mit Popbeteiligung. Was war lustig, was dämlich und was einfach nur korrupt?
Viel Spaß!

Smudo fährt GTI (aber sicher!)

STORY Die deutsche Post, Aldi, World Of Warcraft, Bosch … sich für Konzerne zum Maskottchen machen zu lassen und die Synergien einfach fließen zu lassen, das ist einfach das Größte für die vier Männer der Rap-Pop-Gruppe Fantastische Vier. Besonders vielarmig agiert dabei der emsige Smudo.
ARTIST Smudo
PRODUKT VW GTI
ENTSTEHUNGSJAHR DES SPOTS 2009
PERFORMANCE Smudo spielt einen PS-, aber auch Gurt-Fanatiker. Locker, lässig, kurvenreich. Til Schweiger spürt nach dieser gut geölten Darbietung schon den heißgelaufenen Motorkolben von Smudo im Rücken. Christopher Nolan, lesen Sie mit?! Der nächste Batman-Darsteller schwätzt schwäbisch!
WERBEWERT Man bekommt sofort Bock auf ein illegales Straßenrennen an den Docks, bei dem aber trotzdem gilt: Safety first. Neuer GTI bereits vorbestellt!

Ringo Starr nagt am Rand von Pizza Hut

STORY Beatles … herrje, wer waren die noch mal? Nichts sagen, irgendwas klingelt da. Komme ich bestimmt gleich drauf, einer der Musiker jedenfalls, Ringo Starr, trommelt hier die alte Band zusammen. Was will er mit seinen alten Herren machen? Selbstverständlich, gemeinsam verkäste Pizzaränder in Remouladenschlacke dippen, typisch Musiker! Am Ende des Spots dann tatsächlich die große Reunion – allerdings tunken die Monkees statt den Beatles ein. Wirklich zum Piepen!
ARTIST Ringo Starr
PRODUKT Cheezy Crust Pizza von Pizza Hut
ENTSTEHUNGSJAHR DES SPOTS 1995
PERFORMANCE Ringo Starr hat nichts verlernt, auch nach all den Jahren wirkt er immer noch so hölzern und ektoplasmisch vor der Kamera wie einst in Interviews in den Sechzigern. Stabile Leistung!
WERBEWERT Käsekruste … ein Guilty Pleasure, bei dem der Geschmack von Stars’n‘Stripes mitschwingt. In Deutschland ist dieses teigig laktosige Phänomen allerdings nie so ganz angekommen. Warum das so ist? Keine Ahnung, vielleicht wäre eine Sauerkraut-Crust durchgestartet, aber an diesem Spot von Ringo hat es sicher nicht gelegen. Das hier ist ein Cholosterinspiegelkabinett zum Träumen.

Jay Z – „Bin ich schon drin?“

STORY Computertechnologie kann auch langweilig sein.
ARTIST Jay Z
PRODUKT HP Personalcomputer
ENTSTEHUNGSJAHR DES SPOTS 2006
PERFORMANCE Stellt euch euren alten Sozialkundelehrer auf dem Holodeck von Star Trek vor – und spielt das Ergebnis mit halber Geschwindigkeit ab.
WERBEWERT Cybertechnik, die einschläfert statt begeistert. Jay Z nimmt die Faszination raus aus der Welt der Bits und Bytes – und schenkt uns mit diesem Clip einen Moment des Verweilens. Make boredom great again. Danke für die Entschleunigung!

Uhrenvergleich mit Nina Hagen

STORY „In einer Gesellschaft, in der man bunte Uhren trägt / in einer Gesellschaft wie dieser bin ich nur im Weg“ (Tocotronic „Digital ist besser“)
ARTIST Nina Hagen
PRODUKT Pop Swatch
ENTSTEHUNGSJAHR DES SPOTS 1992
PERFORMANCE Die freche Punk-Braut mit realsozialistischer DDR-Aura verzaubert die von visuellen Eindrücken überlasteten Zuschauer*innen. Sie läuft, sie schaut zur Uhr. Klingt nicht wirklich nach viel? Von wegen. In Deutschland haben Schauspieler*innen schon für weit weniger einen Bambi durch die Küchenfensterscheiben geworfen bekommen.
WERBEWERT Endlich hat man wieder Lust, Fremde nach der Uhrzeit fragen. Endlich mal wieder Handgelenke als Fetisch erleben dürfen. Danke Uhrenfirma, danke Nina!

Einstürzende Baumärkte mit Blixa Bargeld

STORY Der Baumarkt steht fürs Bauen, die Einstürzenden Neubauten fürs Einstürzen. So weit, so nachvollziehbar. Genial wird es allerdings erst, wenn jemand auf die Idee kommt, diese Antipoden in einer gemeinsamen Werbekampagne zu verstricken. Und da soll noch mal einer sagen, in der Branche wird nicht mehr gekokst!
ARTIST Blixa Bargeld
PRODUKT Hornbach
ENTSTEHUNGSJAHR DES SPOTS 2004
PERFORMANCE Prospekt-Textchen und andere Nichtigkeiten in bühnengestähltem Pathos zu deklamieren? Why not. Blixa Bargeld wirkt beim Zelebrieren von Worten wie „Bohrwinkelkontrolle“, als wäre Ben Becker etwas eleganter und doch noch mal zur Selbstironie fähig.
WERBEWERT So viel Metawitz war selten. Und vielleicht hat man sein popverbundenes und unpraktisches Hipsterlife ja doch vergeudet, weil man stets dachte, Heimwerken sei uncool. Der Clip hier ist quasi ein Wakeup-Call von Hornbach und Blixa. Also gleich den Kärcher Laubbläser bestellen – wenn schon nicht aus Überzeugung, so doch wenigstens aus Dankbarkeit für diese Werbung.

Die Hipster-Werbeikone – MC Fitti mit dem Bart

STORY Gerade wir HipHop-Kids machen ja immer auch mal was kaputt. Oops, da fällt einem die Bong um; hoppla, da hat man beim Breakdance eine Vase heruntergekickt; ach Du liebe Zeit, der brennende Blunt hat die Vorhänge entzündet und das komplette Viertel ist niedergebrannt – was das wieder kostet!
ARTIST MC Fitti
PRODUKT LMV-Versicherungen
ENTSTEHUNGSJAHR DES CORPORATE-SONGS 2019
PERFORMANCE Andere sind Rapper, MC Fitti ist Testimonial. Ob Fritt Kaustreifen, Volkswagen, Adidas, Warsteiner, Saturn, Philipps … dieser Bart würde für acht Euro fuffzich auch deine Großmutter vermarkten. Vielleicht hat er das sogar schon.
WERBEWERT Wie dreist kann Werbung sein? Die Antwort darauf ist eindeutig MC Fitti. Ein Scammer aus Leidenschaft und das Perfide ist hier, dass der Song zwar klingt wie ein Rip-Off von Deichkind, aber eigentlich ziemlich geil ist. Doch MC Fitti nutzt ihn für die dunkle Seite. Gegen diesen andauernden Drang, Subkultur produktförmig zu machen, hätte er sich besser mal versichern sollen…

Roberto Blanco und die 100 Tage von Sodom

STORY Man kann ja auch mal für Dinge werben jenseits des Konsums. Zum Beispiel für die Deutsche Alzheimer Gesellschaft.
ARTIST Roberto Blanco und Sodom
PRODUKT Awareness für Demenz-Erkrankungen
ENTSTEHUNGSJAHR DES SPOTS 2011
PERFORMANCE Dieser Spot hier rekurriert auf Roberto Blancos Hit „Ein bisschen Spaß muss sein“, welcher schon mal durch eine Werbung im kollektiven Gedächtnis gehalten wurde. Singt mal „Tiramisu von Zott“ auf die Melodie von „Ein bisschen Spaß muss sein“, dann habt ihr es. Blanco kommt nun aus einer Szene ohne Berührungsängsten mit Kommerz, warb schon für dieses und jenes. Und spielt auch den zerstreuten Opa hier, als wäre er es selbst.
WERBEWERT Sodom und Roberto Blanco performen gemeinsam. Das ist eine ähnlich markige Combo wie Blixa Bargeld und der Baumarkt – und dementsprechend auch ähnlich erinnerungswürdig.

Es gäbe noch viele weitere gleichsam herrliche wie scheußliche Beispiele, aber wir sind hier ja nicht bei den Mainzelmännchen, irgendwann muss leider Schluss sein. Trotzdem möchte ich diese Trashparade nicht schließen, ohne noch auf David Bowie hinzuweisen, der einmal all seine Alter Egos an einen einzigen grellen Werbeclip für Vittel verscheuert hat. Als herauskam, dass das Grundwasser im namensgebenden Ort knapp wurde und Nestlé trotzdem immer weiter abpumpte, wurde die Marke Vittel Anfang dieses Jahres vom Markt genommen. David Bowie hat diesen weiteren Nestlé-PR-Gau zum Glück nicht mehr miterlebt.

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PS: Werbung in ganz anderer Sache

Gerade erst entdeckt: Die unbestechliche Hardcore-Band Amen81 aus Nürnberg hat auf ihrem großartigen Album ATTACK OF THE CHEMTRAILS bereits 2018 beeindruckend viel von rechten Verschwörungsmythen vorweggenommen. Rechte Verschwörungsmythen mit Reichsbürger-Flair, die einem erst so richtig in Corona-Zeit bewusst geworden sind – und die mittlerweile oft schon zum Alltag in „politischen Diskussionen“ auf Social Media gehören. Amen81 zerlegen jedenfalls auf dieser Prä-Pandemie-Platte Schwurbeleien von implantierten Mikrochips, Chemtrails, einer Gedankenpolizei etc. und klingen dabei wie eine gut sortierte Handgranate. Ich kann’s nur empfehlen. Wie einst Samy Deluxe die GEZ…

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