Popkolumne, Folge 195

Von Hollywoods Monroe bis in den Iran: 5 Jahre „nach“ #metoo – eine Momentaufnahme

von
Paula Irmschler
Paula Irmschler

Prolog der Woche

Letztens sagte einer im Radio „5 Jahre nach #metoo“. Immer wieder sagen Leute “nach #metoo”, als wäre es eine Zäsur gewesen, wie die Wende zum Beispiel. Welt bis 2017, #metoo, die Pforte öffnete sich, die Welt nach #metoo. Wie sieht die aus? Besser, schlechter, gleich? Ich kann’s nicht sicher sagen. Aber ich denke seit dem Radiobeitrag schon die ganze Woche bei allem, was ich höre, lese, sehe: fünf Jahre nach #metoo. Ich trinke sogar meinen Kaffee auf die 5-Jahre-nach-#metoo-Art, esse meinen Superfoodporridge fünf Jahre nach #metoo, fahre zur Arbeit fünf Jahre nach #metoo, wisst ihr, wie ich meine? Deswegen wird das mit der Kolumne jetzt auch so laufen.

Es ist viel auf der Haben-Seite nach #metoo, schließlich kann man heute offener seine Geschichte erzählen und es gibt Menschen, die einem glauben und es gibt mehr Vorsicht an Arbeitsplätzen und mehr Repräsentation bisher weniger gesehener Gruppen. Man hat das Gefühl, dass #metoo in vielen Serien, Filmen und auch in der Musik herumschwebt, dass viele Leute umsichtiger „mit dem Thema“ sein wollen. Man hat das Gefühl, in einer Welt zu leben, in der alle Feminismus jetzt gut finden, aber das ist glaube ich eher, was einem Antifeministen einreden. Guckt man genauer hin, wirds ernüchternd, teilweise fällt einem sogar auf, dass es hier und da schlimmer geworden ist.

Es ist nämlich auch vieles richtig schief gegangen. So arbeitet man sich immer noch vor allem an den großen, bekannten „Monstern“ ab, während die Strukturen, die Gewalt gegen Frauen begünstigen, fortbestehen und den Backlash aus und gen Hollywood haben wir in diesem Jahr bei der Hexenjagd gegen Amber Heard auch schon live miterleben können. Für Angelina Jolie, die Gewaltvorwürfe gegen Ex-Mann Brad Pitt vorgebracht hat, werden momentan auch schon die Messer gewetzt. Die Trope der Frau als narzisstische Lügnerin is back – und war in der echten Welt auch nie weg.

Opferfrau der Woche: Marilyn Monroe

Ein aktuelles Beispiel dafür, was schief gelaufen ist seit #metoo, ist der neue Film über Marilyn Monroe, „Blonde“ (Netflix). Wie schon in dem Buch von Joyce Carol Oates, auf dem er basiert, ist es eine zum Teil fiktive Biographie der Schauspielerin, die zu einer Ikone von Weiblichkeit, Sexyness und Selbstbewusstsein wurde. Natürlich steckten hinter der Fassade eine Menge trauriger Geschichten, wie eben in jedem Leben und sowieso im Leben einer Frau, deren Körper und Intimleben auf eine Weise ausgebeutet und ausgestellt wurde wie Monroes. In „Blonde“ aber leidet sie nur. Ihr ganzes Leben wird hier zum Leid, Leid, Leid. Sie ist immer nur passiv, immer traurig, befindet sich immer in extremen Situationen. Man schaut zu, während auf sie immer nur eingedroschen wird. Dass sie eine wirklich intelligente, schlagfertige, lustige Frau war, kommt so gut wie gar nicht durch. Es ist, als würde man mit einer Barbiepuppe immer wieder düschdüschdüsch auf den Boden machen, weil man nun Teenie ist und mit was anderem spielen will. Am Ende kann nur die Zerstörung liegen, klar. In einer Review der „Los Angeles Times“ hieß es: “‘Blonde’ isn’t really about Marilyn Monroe. It’s about making her suffer”. Nagel, Kopf. So wurde Monroe 2022 mal wieder ausgebeutet und missbraucht, aber diesmal wegen der Beliebtheit von traurigen Betroffenengeschichten und ich weiß nicht, ob das jetzt der richtige Weg sein soll fünf Jahre nach … ihrwisstschon.

Ally-Album der Woche

Ich mach’s kurz, es gab ein Support-Album für Leute, die Zugang zu sicheren Schwangerschaftsabbrüchen brauchen und es heißt „Good Music to Ensure Safe Abortion Access to All“. Wie jetzt, GAB? Ja, es war nur für 24 Stunden auf Bandcamp erhältlich. Was megatraurig ist, weil unveröffentlichte Songs und Remixes von krassen Leuten drauf waren, wie von Cat Power, Death Cab For Cutie, Fleet Foxes, Mac DeMarco, Pearl Jam, R.E.M., Sleater-Kinney, Soccer Mommy, Tegan And Sara, Wet Leg und vielen anderen. Den Beitrag der Letztgenannten kann man zumindest auf YouTube nachhören. Und engagieren kann man sich eh weiterhin und zum Beispiel spenden, juhu!

Anthem der Woche: „Queen Bitch“ von Kailee Morgue

Ich hab’ so eine Playlist mit Songs zum E-Scooter-Fahren. Natürlich nur für das Gefühl, das ich damit verbinde, denn Musikhören auf E-Scootern, Fahrrädern und auch beim Laufen, also einfach generell als Verkehrsteilnehmende geht natürlich gar nicht, weil man immer damit rechnen muss, von diesen irren Autoheinis abgesch … sorry, zurück zum Thema. Auf diese Liste kommt auch mein aktuelles Lieblingslied „Queen Bitch“ von der coolen Kailee Morgue, das auch noch mal letzte Sommergefühle auslöst und irgendwie auch feministisch ist, so fünf Jahre nach #metoo. Jaaaaaa, bretterbretter!

Protestsongs der Woche

Seit nunmehr einem Monat gibt es die aktuelle Protestwelle im Iran, vor allem getragen von Mädchen und Frauen, die frei leben möchten. Natürlich spielt dabei auch Musik eine große Rolle. Zur Protesthymne wurde „Baraye Azadi“ (für die Freiheit) von Shervin Hajipour. Der Sänger wurde dafür sogar kurzzeitig inhaftiert.

Die iranisch-niederländische Musikerin Sevdaliza hat vor ein paar Tagen einen Song zur Unterstützung der Protestierenden namens „Woman Life Freedom“, plus eindrucksvollem Video, veröffentlicht. Selbst sagt sie dazu: „I wrote a song for oppressed women around the world. I stand proud as an Iranian woman and I am supporting the fight of my sisters who shed their blood, hair, hearts and brains to give us all the hope, that one day, we will be free.“

Buch der Woche: „50 Ways To Leave Your Ehemann“ von Jacinta Nandi

„50 Ways To Leave Your Ehemann“ von Jacinta Nandi ist eine unglaublich interessante, mutige und lustige Erzählung von einer Frau, die Alleinerziehende ist. Sie macht sich allein Gedanken oder spricht mit Freund*innen und schreibt das auch, berichtet von ihren Erfahrungen aus England und vergleicht sie mit denen, die sie in Deutschland macht, gesteht immer wieder „unfeministische“ Gedanken, beschreibt Angst und ihre Schamgefühle beim Muttersein, beobachtet Klassenunterschiede, zeigt sich kämpferisch, verletzlich, ist widersprüchlich – und zeigt dabei immer wieder auch Verbindungen zur Popkultur auf (zum Beispiel kommen auch Amber Heard und Taylor Swift in ihrem Buch vor). Beim Lesen hat man das Gefühl, sich ordentlich mit einer Freundin auszukotzen, nur um zwischendurch auch immer wieder zu träumen und zu philosophieren. Fünf Jahre nach #metoo ist dies das vielleicht unverkrampfteste und natürlichste Buch das ihr zum Lesen finden werdet.

Welten ohne Frauen: Fußball und Katar

Meiner Meinung nach ist der komplette Profifußball für’n Arsch, aber hey, zumindest was die WM in Katar angeht, scheinen sich alle einig zu sein, dass es sich um ein „problematisches“ Unterfangen handelt. Es geht um Korruption, eine undurchsichtige Politik, fragwürdige Methoden, mit denen die WM ins Land geholt wurde und die Ausbeutung von Arbeitern. Angeblich soll es nur ums Geld gehen! Das hat es vorher noch nie gegeben, wir sind schockiert. Wer mal ein bisschen mehr über Katar wissen will, wie es zu dem geworden ist, wofür es heute steht und wer da alles mit drinhängt (Deutschland, liebe Grüße!), dem sei der knackige Podcast „Geld Macht Katar“, der auf Recherchen von Journalist*innen der ARD und ZEIT beruht, ans Herz gelegt.

Und jetzt geh’mer wieder auf die Straße, was? Mit Mundschutz natürlich weil wir alle erkältet sind, hust.

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

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