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Album der Woche

Feist Pleasure

Polydor/Universal

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Foto: Polydor/Universal

Vor fast zehn Jahren, im Herbst 2007, hätte Leslie Feist mit ihrem hellen Lied „1234“ durch die weit geöffnete Tür gehen können. Als Soundtrack einer iPod-Werbeschleife fuhr das Stück direkt in die Top-Ten im UK, den USA und ihrer Heimat Kanada. Jetzt hätte sie in ihrem blauen Pailletten-Catsuit aus dem Musikvideo nur noch hinübertanzen müssen, auf die shiny Popstarseite. Doch Feist wollte nicht.

Mit METALS, ihrem vierten Album, ließ sie sich vier Jahre Zeit. Sie holte Kollegen in ein großes Haus raus nach Big Sur und nahm mit ihnen einen derart intensiven und tiefmusikalischen Tonträger auf, dass keiner mehr nach einem „5678“ fragte. PLEASURE zeigt nun, dass sie damit nicht nur eine Option angespielt, sondern einen Weg eingeschlagen hat. Mit ihren neuen Songs forscht sie weiter nach dem Kern dessen, was Musik für sie bedeutet. Wäre es vermessen zu behaupten, Feist schreibe ihre Lieder und musiziere auch nur für sich selbst – und wir, ihr Publikum, bilden dafür den Resonanzkörper, wie der Bauch ihrer Akustikgitarre, die sie jetzt recht häufig gegen die Elektrische eintauscht?

Natürlich, das kann man ja nicht einfach so behaupten. Aber PLEASURE gibt sich doch einige Mühe, diesen Eindruck zu untermauern. Das beginnt schon mit diesem Rauschen in einigen Songs: Effektgeräte in Verbindung mit der alten Technik eines Gitarrenverstärkers geben White Noises wieder, die Engineers sonst gnadenlos jagen. Hier jedoch bleiben sie stehen wie im Frühwerk von Billy Bragg oder den 4-Track Demos von PJ Harvey. Allerdings: Gibt es ein billigeres Signal, um Unmittelbarkeit vorzugaukeln?

Nun, dann drehen Sie den Lautstärkeregler einfach mal noch ein Stück weiter auf und lauschen sie in diese Musik hinein! Dann werden Sie feststellen, dass es einen solchen rudimentären Geräteaufbau wohl einfach braucht, um wie in „I’m Not Running Away“ einzelne Saiten der Blues-Elektrischen genau so zum Schwingen zu bringen wie der alte Zeitanhalter Neil Young. Und Sie werden merken, dass dieses durch den Seelen-Shanty „I Wish I Didn’t Miss You“ wankende Gemüt unbedingt in die enge Echokammer gesperrt sein muss, um sich dort seine eigenen marternden Gedanken um die Ohren zu werfen. Anhand dieses Stücks lässt sich überdies bestens demonstrieren, dass hinter dieser sparsamen Musik sehr wohl entscheidende Arrangement- und Produktionsideen stecken.

Obwohl sich hier nur ein abrupter Delay-Effekt dazuschaltet, um die Anklage-Punkte aus der Bridge („You sent in spiders to fight for you“) mit Dornen zu versehen und Feists hoch fliegenden Chor in die Welt verwunschener Geister zu überführen, ist die Wirkung doch gewaltig. Oder diese Pause im Intro von „Get Not High, Get Not Low“: der Latin-Rhythmus und das Akkordmotiv aus einem schimmernden Etwas von Gitarre und Glockenspiel haben gerade konkretere Form angenommen, da löst sich alles wieder auf und Feist singt in die ganz vorsichtig neu aufkeimende Musik hinein: „I closed my eyes, opened up my eyes, that made me close my eyes, so then I opened my eyes like living in a dream.“ Beinahe ein Credo-Moment dieser äußerst feinen Platte.

An anderer Stelle wird Pleasure aber auch handfester. Das wunderbar charmante „Any Party“ feiert seine Folkrock-Momente. „Lost Dreams“ erinnert über das Demo-Rauschen hinaus an die junge, hartnäckige PJ Harvey. Doch grob muss Leslie Feist niemals werden. Denn dafür kennt ihre Stimme einfach zu viele Nuancen, Formen, Ausdrücke, Melodien. Singend und spielend kreist sie sich selbst immer weiter ein. Und wir schwingen mit.

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