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Japanese Breakfast Jubilee


Dead Oceans (VÖ: 4.6.)

von

Vergesst das sogenannte schwierige zweite Album. Auf das dritte kommt es an, meint Michelle Zauner und hat dabei unter anderem Meisterwerke wie Björks HOMOGENIC im Sinn. JUBILEE ist aus verschiedenen Gründen eine besondere Platte für die in Seoul geborene Künstlerin, aber es ist eben auch das dritte Album von Japanese Breakfast, Zauners bis dato langlebigstem Projekt. Ihre früheren in Eugene, Oregon gegründeten Bands Little Big League oder Post Post schafften es höchstens bis zur zweiten Veröffentlichung.

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JUBILEE bezeichnet jedoch mehr als das Erreichen einer magischen Zahl: Eine Feier des Lebens und der Freude nämlich, verpackt in schillerndes Goldgelb, siehe Cover. Japanese Breakfasts erste Alben PSYCHOPOMP (2016) und SOFT SOUNDS FROM ANOTHER PLANET (2017) kreisten inhaltlich um den Krebstod ihrer Mutter, die Musik changierte zwischen melancholischem Shoegaze und experimentellem Dream Pop. Die ersten Stücke von JUBILEE wirken dagegen, als hätte Zauner buchstäblich die Vorhänge aufgerissen, um die Sonne hereinzulassen.

Zauner sucht sich nur das Schönste aus der Pop-Historie aus, um es neu zusammenzufügen

Der Opener „Paprika“ öffnet sich weit ins Licht, die Lyrics sind ungewohnt euphorisch: „How does it feel to stand at the height of your powers / To captivate every heart? / Oh, it’s a rush!“, singt Zauner und scheint selbst von diesen Zeilen gleichermaßen erstaunt und begeistert. Die von Zauner mit Wild-Nothing-Chef Jack Tatum geschriebene Single „Be Sweet“ und das sanfte „Tactics“ spielen so authentisch-künstlich mit Versatzstücken aus den seligen Achtzigerjahren wie hellen Synthie-Arpeggien und Drumpad-Beats, dass man sich glatt an Pop-Darlings wie Tiffany oder den Soundtrack von „La Boum“ erinnert fühlt, aber – Privileg der Spätgeborenen – Zauner sucht sich nur das Schönste aus der Pop-Historie aus, um es neu und geschmackvoll zusammenzufügen.

„Slide Tackle“ zum Beispiel klingt wie ein Hybrid aus Postcard-Bands wie Orange Juice und Spandau Ballet: Warme Saxofonklänge tanzen auf einer funky Bassline, ein herrlicher Eighties-Fake, wie in „Be Sweet“ übrigens mit einer Bitte bzw. Forderung verbunden: „Be good to me / Be good to me / You and me always had a good time“.

Die Geister der Vergangenheit sind nicht komplett gebannt

Auch „Kokomo, IN“ schwelgt in Indie-Pop-Nostalgie, ein bisschen wie Nina Persson von den Cardigans klingt Zauner in diesem Song, in dem sie auch neu erlangte Skills ausprobiert: Co-Produzent und Breakfast-Schlagzeuger Craig Hendrix ermutigte Zauner, die Streicher- und Bläsersektionen selbst zu arrangieren, was offenbar kein großes Problem war. Das Stück klingt so klar wie kuschlig, eine Stimmung, die auf JUBILEE mehrfach gebrochen wird, denn die Geister der Vergangenheit sind nicht komplett gebannt: Die Bewältigung von Tod und Trauer spielt nach wie vor eine große Rolle in Zauners Kunst (siehe auch ihr im Frühjahr erschienenes autobiografisches Buch „Crying in H Mart“) und flankiert den neuen Optimismus wie eine dunkle Fee.

Dass „In Hell“ (war schon Bonustrack auf SOFT SOUNDS FROM ANOTHER PLANET) die letzten von Michelle Zauner begleiteten Momente im Leben der Mutter mit dem Einschläfern des geliebten Hundes verknüpft, wirkt nur auf Herzlose befremdlich. Abschiede für immer sind beide.

Gleich zwei Songs des – leider ziemlich kurzen – Albums tragen den Begriff „Posing“ im Titel: Die Elektroballade „Posing In Bondage“ handelt von Einsamkeit vor Bildschirmen, von Trennungsangst (nicht nur) zu coronabedingter Isolation und verweist am stärksten auf Zauners Chill- und Dreamwave-Background. Den letzten Track „Posing For Cars“ lässt Zauner nach zart gezupftem Beginn in ordentlich Fuzz ausrauschen, ein handfestes Aufb egehren gegen die Traurigkeit. Die Mission „Gutes drittes Album“ ist also mehr als erfüllt.


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