Roskilde Festival, Roskilde, Dänemark


Warum m die Ferne schweifen? Nun: Weil zum Beispiel im schönen Dänemark sogar die Riesenfestivals besser organisiert sind als bei uns… Schützenfeste?

Lange um den heißen Brei reden ist nicht bei einem Festival mit sieben Bühnen und gefühlten hundert Lieblingsbands. Drum kurz: super Organisation. Genug Klos, viele Imbissbuden, Bio, fair gehandelt. Tolles Wetter, Regen nur Sonntagabend, sonst viel Sonne, nicht zu heiß. 25.000 Freiwillige, die auch als Ordner arbeiten. Das führt zu einer friedlichen Atmosphäre, denn der Ordner, der dir sagt, dass du von den Schultern deines Freundes runterklettern sollst, unterscheidet sich nur durch seine orangene Weste von normalen Festivalbesuchern. So wird von Anfang an wirkungsvoll deeskaliert. In der Kleinstadt Roskilde nebenan gab es am Wochenende mehr kriminelle Delikte als unter den 100.000 Festivalmenschen hier.

Den grün duftenden Dunst über der Crowd bei MGMT hat dabei wahrscheinlich keiner mitgezählt. Das Hippie-Revival ist in Dänemark angekommen, die Leute können die Texte von oracular spectacular auswendig, die dänischen Jungs kleiden sich wie Ben Goldwasser und Andrew Van Wyngarden. Die haben drei Live-Musiker dabei, weswegen alles eine Spur erdiger klingt als auf Platte. Das ist gut und wird bejubelt. Am Abend der erste große Höhepunkt: Radiohead. Lange LED-Leuchtstangen hängen vom orangenen Bühnendach, Thom Yorke tanzt wie Rumpelstilzchen zum Opener „15 Step“. „Idioteque“ gerät zur nervösen Predigt, die die dänischen Festivalkids bei „Take the money and run!“ die Fäuste recken lässt, und dann, in der zweiten Zugabe nach zwei Stunden, spielen sie tatsächlich „Karma Police“! Ob es so was wie Kollektivgänsehaut gibt? Wenn, dann hier. Alle singen noch mit, als der Song längst vorbei ist, Thom Yorke steht mit der Akustikgitarre sanft lächelnd am Bühnenrand und begleitet.

Kings Of Leon am Freitag in der Sonne: Sie sind einfach nicht für die ganz großen Bühnen gemacht. Ihr behäbiger Ansatz hier (Caleb hat auch ein bisschen zugelegt) raubt ihrer Musik die Arschtreterei; die neuen Songs „Manhattan“ und „Crawl“, langsam und schnell, versprechen trotzdem viel fürs neue Album. CocoRosie enttäuschen dann richtig: Im Zelt ist es viel zu leise und düster. Weil man nichts sehen kann und das bisschen, das man von dem HipHop-lastigen Auftritt hört, auch noch lahm ist, gehen wir zu Grinderman. Richtige Entscheidung. Nick Cave und die bärtigen Gesellen hauen einem schmutzige, rumpelnde, raue Rockmusik um die Ohren. Die Nebenfrau sagt „Fickmusik“ dazu, obwohl Nick Cave wie ein manischer Windhund gerade den „No Pussy Blues“ singt.

Am nächsten Mittag zur Unzeit wirbeln die Leute bei den Ting Tings so viel Staub auf, dass Schwarzes ins Taschentuch geschneuzt wird. Doch die Alternative wäre Regen und Schlamm, also lieber Staub. Katie White und Jules de Martino sind live erfreulicherweise sehr gut. Das hatten ja viele bezweifelt. Doch das It-Girl aus London hat eine gute Stimme und bearbeitet die Gitarre, was das Zeug hält. Sie zeigen hier: we started nothing kann viel mehr, als die beiden Hits glauben machen. Dass „unsere Jungs“ von The Notwist viel können, ist eh klar; fern der Heimat sieht man auch einmal einen Markus Acher, der den Head bangt und mit gespreizten Beinen in die Höhe springt. Kein Witz! Ansonsten gewohnt traumhaft.

Den besten Merch-Amkel verkaufen Slayer: Neben dem üblichen bösen Metalkram gibt’s ein Slayer-Badehandtuch, das in einem kleinen Beutel mit blutigem Logo steckt. Sehr gut. Aber Sie haben es schon gemerkt: Wir reden um den heißen Brei herum. My Bloody Valentine spielen schließlich auch. Nach 17 Jahren sind die alten Shoegaze-Helden wieder da.‘ Sie spielen Songs von isn’t anything und loveless, kein neues Material, aber man hört: Ein neues Album soll vollendet werden. Hier stehen sie regungslos, spielen wortkarg die Gitarren, erzeugen Feedback-Schichten, die sich majestätisch und hypnotisch über das Publikum legen. Und vor allem: laut. Es ist ein surreales Bild: Diese energetische, intensive Musik, die kommt ja von denen, die da stehen und ihre Schuhe anstarren. Der letzte Song „You Made Me Realize“ mündet dann in eine Feedback-Lärm-Orgie, die 20 Minuten anhält. 20 Minuten! Und die Band steht da immer noch fast regungslos, bearbeitet die Instrumente, aber es sind keine Melodien, keine Harmonien, es ist reiner Krach. Dann ist es plötzlich vorbei, und allen ist klar: Gerade haben wir das beste Konzert auf unserem neuen Lieblingsfestival gesehen.

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