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Highlight: Mittelmäßige Rocker und Comedians: Die Foo Fighters besitzen die Coolness von bierseligen Lehramtsstudenten

Popkolumne, Folge 5

Serienkiller, Crackhuren, Otto, Muff Potter und ein Radiohead-Rant: Die Popwoche auf einen Blick

LOGBUCH 2019, KALENDERWOCHE 5

Das Foto spricht ja für sich: Linus Volkmann hat sich die Fingernägel schwarz lackiert. Ganz allgemeine Frage an die Redaktion: Was stimmt nicht mit ihm?

PLATTE DER WOCHE: The TCHIK

The Toten Crackhuren im Kofferraum
„Bitchlifecrisis”
Destiny Records / Broken Silence / VÖ 01.02.2019

Aus Effizienzgründen (und weil sie sonst von der mittlerweile alles beherrschenden Blockier-Software unsichtbar gemacht werden) heißen die Toten Crackhuren im Kofferraum jetzt meist nur noch The TCHIK. Obwohl… zuletzt hießen sie ohnehin kaum noch was. Der natürliche Fade-Out aus Solo-Ambitionen und Auflösungserscheinungen nagte an Deutschlands betrunkenster Girl-Group. Diese neue Platte nach fünf Jahren Abstinenz stellt sich dem nun noch mal in den Weg.

Kooperation

Und sie ist toll geworden! Nicht nur der fantastische Titel zeigt, wie souverän die Band mittlerweile auf ihrem ganz eigenen Humor spielen kann. In dem TCHIK-eigenen Spannungsfeld aus clever vs. belämmert fallen auch wieder viele schöne Hit-Miniaturen ab. Die Stücke strotzen voller Ideen und Attitüde, daraus würden andere ein Doppel-Album machen. Okay, nicht immer halten die Refrain-Slogans das, was die furiosen Strophen vorgeben. Aber da kann man ja drum herum fahren – und es bleibt immer noch viel übrig, wo wirklich alles passt. So schön war’s schon lange nicht mehr in der Elektro-Pop-Klapsmühle.

Mein Fazit: Wer heute noch gern „Warum?“ von Tic Tac Toe hört und sich am unfreiwillig Komischen labt, der sollte unbedingt das freiwillig Komische „Behindert“ der Crackhuren versuchen. Nur für den Kick für den Augenblick! Gerade hat die Band auch ein neues Video zur Platte veröffentlicht – und zwar zu dem Song „Minus 1“ (feat. Juse Ju).

GEBURTSTAG DER WOCHE: Cro (29 Jahre / 31.01.1990)

Herzlichen Glückwunsch, Cro. Du bist und bleibst einer unserer Besten. Also wenn man mal von der dämlichen Maske, der Musik und natürlich diesen unterirdischen Texten absieht.

SERIE DER WOCHE Ted Bundy. Selbstporträt eines Serienmörders.

Dass der aktuelle True-Crime-Hype – und dessen besondere Ausformung des Serial-Killer-Porns – vor dem Fall Ted Bundy Halt machen würde… Es hätte einen doch gewundert. Zumal wenn die Materiallage so günstig scheint: In die Todeszelle, in der der mindestens 30-fache Frauenmörder Ted Bundy bis zu seiner Hinrichtung 1989 saß, hatte er sich einen Journalisten kommen lassen. Um die wahre Story seiner grausamen Morde zu erzählen.

Doch kein Grund zur Gänsehaut, denn früh eröffnet uns jener Reporter, dass Ted Bundy in diesen Gesprächen gar nicht vorhatte, über seine Taten zu sprechen – ihm schwebte eher „eine Art Celebrity-Biographie“ vor. Diese narzisstische Litanei zermürbte den Aufzeichnenden sichtlich, in einer Szene sieht man, wie eine seiner Kassetten folgendermaßen beschriftet ist: „A lot of bullshit“.

Zugute halten muss man der Serie, dass sie im Originaltitel auch nicht „Selbstporträt“ sondern „Conversations with a killer“ heißt. Schnipsel der Tapes nähren natürlich immer wieder die holistische Aura des Projekts, ein wenig erzählt er da auch über die Morde – viel ist es nicht. Eigentlich wird seine Geschichte in Super8-Bilderkaskaden und mit unzähligen Interviews sehr aufwändig über Dritte nacherzählt.

Fair enough. Der Fall ist spannend und haarsträubend genug (Ted Bundy gelingt zweimal die Flucht), so dass die Erzählung auch nicht den Fehler macht, alles noch dramatischer zu inszenieren oder die Zuschauer mit aufdringlichem Soundtrack rauszutreiben. Dass die Serie „Making A Murderer“ sich auf zehn Episoden gebläht hatte, hatte sie zumindest mir damals verstellt. Sorry, soviel muss ich zu einem Fall nicht wissen. „Ted Bundy. Selbstporträt eines Serienmörders“ macht es richtig, vier einstündige Folgen sind genug – und kurzweilig wie ein Rubbellos. Empfehlung, Case closed.

P.S.: Die liberale Überzeugung des Zuschauers fordern die Story und ihre Erzählung dabei sehr heraus. In den zähen, unbeholfen wirkenden Gerichtsverhandlungen gegen diesen adretten misogynen Frauenzerfleischer hat man ständig Sorge, er käme schon wieder davon. Wird er freigesprochen oder zum Tode verurteilt? Man wünscht sich nach der Bloßlegung der Taten schon hart letzteres. Sorry, eigene moralische Überzeugung! Netflix made me!

BUCH DER WOCHE: „Otto Waalkes – Kleinhirn an alle“ (Heyne, Mai 2018)

Ganz sicher bin ich nicht: Vielleicht liegt es doch nur am Stockholm-Syndrom, dass mir dieses Buch über weite Strecken gefallen hat? Wer will auch schon, dass ein Kindheitsheld tatsächlich der steindebile Lauch ist, als den man ihn seit bald Jahrzehnten in den Medien wahrnimmt?

Insofern Entwarnung: Der einstige Konsenskomiker Otto Waalkes hat doch noch mehr zu bieten, als groteske Selbstparodie. Selbstparodie, die höchstens noch jenes Publikum zu goutieren weiß, das ansonsten wohl auch eine Folge der Teletubbys für ein anspruchsvolles Theaterstück hält.

Nun denn, in „Kleinhirn an alle“ erfährt man etliche interessante Anekdoten (Nahtod bei Hotelbrand, zum Beispiel) und weniger interessante Kindheitsverkitschungen – typisch Biographie eben. Reizvoll sind allerdings die nicht wirklich tief gehenden, aber dennoch vorhandenen Reflexionen zum Thema Humorproduktion. Früh müsse man sich beispielsweise entscheiden als Bühnenkomiker: Geht es um dich als Typ oder um das Thema? Otto selbst habe nie anderes als das erste angestrebt – und gekonnt.

Wenn der Schreibstil im Buch nicht gerade wieder allzu witzig sein will und Otto ein interessantes Thema verfolgt, kommt man gut durch die fast 400 Seiten. Lediglich zum Schluss verliert er den Faden, füllt die Kapitel einfach mit erratischen Kommentaren zu Leuten, die sein Geburtsjahr teilen oder in diesem starben. Zudem kommt zwischen den Zeilen immer wieder rüber, was für ein geiler Bock Otto eigentlich sei. Aber was heißt eigentlich „zwischen den Zeilen“?

„Einmal habe ich den Fehler gemacht, mit meinen Eltern über die Reeperbahn zu gehen. Zum Entsetzen meiner Mutter wurden wir begleitet von herzlichen Begrüßungen durch Anreißer, Zuhälter und ‚käufliche Dirnen‘. ‚Hallo, Otto!‘ – ‚Otto, mein Süßer!‘ – ‚Na, auch mal wieder da!‘ So scholl es vielstimmig aus den Eingängen zu düsteren Striplokalen und helleren Freudenhäusern. Meine Mutter wollte natürlich wissen, woher die sündigen Damen und Herren mich kannten. ‚Vom Fernsehen!‘ Zumindest dem Grinsen meines Vaters war anzusehen, was er von der Ausrede hielt.“

Igitt! Da wird’s einem doch ganz anders. Ist es denn zu viel verlangt, wenn man sich wünscht, dass Eltern, Haustiere und Otto Waalkes bitte keine Sexualität besitzen mögen?

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LIVE-COMEBACK DER WOCHE: Muff Potter

„Muff Potter, das funktioniert für mich nur über Mitleid.“ So sprach damals ein Freund, nachdem wir beim Melt Festival 2009 die Band von Buchautor und Punk-Entrepreneur Nagel angeschaut hatten. Diese Band löste sich kurz darauf auf.

Ich gehe stark davon aus, die beiden Ereignisse hingen nicht zusammen.

Jahrelange glaubhafte Dementi, dass es keine Reunion in Originalbesetzungen mehr geben werde, haben die Reunion 2019 in Originalbesetzung nun noch kostbarer gemacht. Ausverkauft, hochverlegt, mehr Hype für Muff Potter denn je. Tja! Und dieser Freund von damals hat letztens SPD gewählt. Na, wer braucht jetzt Mitleid?

DER VERHASSTE KLASSIKER: Radiohead – Kid A

Radiohead
„Kid A“
(Parlophone / Emi / VÖ: 02.10.2000)

Radiohead, die Zaubermäuse aus Oxford. Das schütterhaarige Fuckfest für den Sapiosexuellen. Verwackelt, verschüttet, verfranzt – Musik, als würde man ein iPad auf den Grill legen. (Der Grill ist in diesem Bild natürlich nicht an, versteht sich)

Wobei alles ja noch so harmlos begann: Es waren die Neunziger. In Deutschland fand die Wiedervereinigung, in England der Britpop statt. Britpop stand für aufgeregte Männchen mit Faust in der Luft (Blur) beziehungsweise aggressive Männchen mit Faust und Steifen in der Luft – beides brennend (Oasis). Dieser Möglichkeitsraum lockte auch Bücherwürmer an. So nestelten sich auch die Musiker von Radiohead linkisch zur Garderobe, hielten ihre Geldbörsen fest, sahen sich um und ahnten: Hier würden sie nie reinpassen. Ok tschüss!

Doch Moment, die All-Men-Band hatte ja bereits etwas auf Tasche für diese neue Zeit! Im Selbstversuch und einem Drogenexperiment geschuldet, hatte man im Proberaum einst zwei Schachteln „Edle Tropfen in Nuss“ aufgefressen, auf ex! (Quelle: Wikipedia) Das Ergebnis dieses Spiels mit dem Feuer wurde nun ihr größter Hit: „Creep“. Er wurde aber auch ihr größtes Trauma.

Denn die fünf Musiker mit der verführerischen Bürokaufmann-Aura blieben hängen, richtig tragisch. Manisch versuchen sie seitdem jeden Gedanken daran auszumerzen, dass sie einmal einen catchy Sauf-Song geschrieben haben. Und spätestens mit KID A war es dann auch so weit. Der Sound darauf klingt so, als würden Käferfressgeräusche digitalisiert. Sänger Thom Yorke lässt das Meckernde seiner Ziegenstimme elektronisch besonders hervorheben.
Dass man auch damit eine Art Zeitgeist treffen kann, macht Pop erst zu der Bedrohung des Weltfriedens, der er heute ist.

Aber die Britpop-Fans der ersten Rutsche waren im Jahre 2000 eben müde geworden. Außer Sodbrennen hatten sie nichts mehr, das ihnen das Gefühl gab, in Flammen zu stehen. Da kommen Songs, die wie ein kaputtes Fax-Modem klingen, wohl gerade recht.

„Iiiihhh—wääähhh—-kkrrrkk—tüüü“

Das ist zum Beispiel schon ein ziemlicher Ohrwurm. Muss man der Band lassen.

– Linus Volkmann („Musikjournalist“)

MEME DER WOCHE:

Was bisher geschah: 


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