Highlight: Mittelmäßige Rocker und Comedians: Die Foo Fighters besitzen die Coolness von bierseligen Lehramtsstudenten

Kolumne

Kollegah-Fans weinen Sturm, „Bandersnatch“ & Mainstream-Memes: Was Ihr in dieser Popwoche nicht verpasst haben dürft

LOGBUCH 2019, KALENDERWOCHE 1

Die Woche beginnt mit Silvester. Ich selbst habe mich zu folgenden Lächerlichkeiten hinreißen lassen:

  • einem guten Vorsatz
  • endlich mal das neue Jahr nicht mit einem Höllenkater zu starten
  • die Party verlassen, bevor es hell und hässlich wird

Stabile Ideen, klar.

Schnitt.

Kooperation

Der Morgen des ersten Januars in echt: Ich suche mittlerweile nicht mehr in den übervollen Aschenbechern (alle bereits abgegrast), sondern schon im Hausmüll der verblichenen Feier nach Zigarettenstummeln, die noch nicht bis zum Ende runtergebrannt sind – und die man für ein, zwei Züge noch mal anstecken kann. Dabei wird über YouTube ein Song abgespielt mit folgendem Refrain: „Pimmel raus Mofa fahren“. So ein Quatsch, aber jetzt ist auch egal, jetzt kann man das doch auch noch mitsingen.

Na, dann frohes neues Jahr 2019, liebe Musikexpress-Echsen! Hier nun – und das von jetzt an wöchentlich – ein paar popkulturelle und persönliche Aufreger sowie Tipps für die Woche.

VERLIERER DER WOCHE: Memes

Bildchen mit gleichem Motiv und variierenden Punchlines – wo früher ein Lied um die Welt ging, nimmt diesen Weg heute das Meme. Es passt perfekt in die Web-Mitmachkultur. Statt der Warhol‘schen 15 minutes of fame locken dabei 15 Millionen Likes. Doch der nerdige und übergeschnappte globale Gag-Pool ist mittlerweile so gut ausgeschildert, dass die Digital-Werber mit ihren Trottelkunden bereits ihre stinkenden Leiber darin ausbreiten.

Wir erinnern uns: Bereits die deformierte Netz-Kunstsprache um „I bims“ und „Was ist das für 1 life?“ erlebte vor zwei Jahren eine feindliche Übernahme von Sparkasse und Co.. Wer 2019 noch so spricht, ist entweder ein abgehängter Idiot oder dieser Typ von „Nachdenkliche Sprüche mit Bilder“.

Memes sind zum Glück nicht so leichte Beute. Denn sie tragen immer neue Gesichter, nicht aus jedem werden die Agenturen von McDonald’s und anderen Großunternehmen eine Anzeige bauen können. Aber dennoch: Memes starten 2019 auf mehreren Leveln höher in der Wahrnehmung als im Vorjahr, siehe Bild rechts. Hoffentlich bekommt ihnen das.

FILM DER WOCHE: Black Mirror – „Bandersnatch“

„Willst du Frosties oder Honey Puffs zum Frühstück?“

Wenn so eine Frage in einer Serie gestellt wird, muss sie von den Protagonisten beantwortet werden. Natürlich. Die Sonderfolge der Dystopie-Reihe „Black Mirror“ auf Netflix gibt solche Entscheidungen nun aber an den Zuschauer weiter. Reizvoll, gleich mal ausprobieren. Bald kommt man allerdings zu dem Schluss, dass es arg anstrengend ist, einen interaktiven Film zu bespielen. Denn stets fragt man sich: Was wäre, wenn ich hier nun doch auf „aus dem Fenster springen“ gedrückt hätte? Wo alles möglich ist, besitzt nichts eine Verbindlichkeit, man lässt sich emotional auf gar nichts ein. Diverse Entscheidungen darf man zum Schluss noch mal revidieren, um die weiteren Ausgänge der Episode zu betrachten. Das bestärkt allerdings nur das Gefühl, letztlich keinen Film richtig gesehen zu haben.

Reingeschaut haben sollte man dennoch mal.

RÄTSELSPASS DER WOCHE: Wann geht Autotune baden?

Der Schulhof, ja, eine ganze Generation spricht Autotune. Rapper, die ohne diesen Effekt auskommen, müssen schon einen echt guten Grund aufweisen oder sind halt einfach irrelevant in den ausgehenden Zehner Jahren. Nun kommt auch noch Cher diesen Herbst für fünf Dates nach Deutschland.

Die mother of autotune zeigt noch mal, dass das trötige Phänomen ja viel mehr Opfer zählt als nur die aktuellen Kids. Geht dieser Triumphmarsch 2019 wirklich so weiter – oder killt sich der Sound durch die aktuelle Übersättigung selbst? „Man darf gespannt sein“, wie der völlig derangierte Journalist gern sagt.

SOUND DER WOCHE: Noname – „Song 31“

Okay, noch nicht die ganze Musikwelt ist auf Autotune. Die Rapperin Noname stammt aus Chicago, ihr Debüt-Album ist smoother Neo-Soul, zum Jahreswechsel erscheint nun ein ganz neuer Song.

FEEDBACK DER WOCHE: Kollegah

Es ist der 24. Dezember, noch gar nicht so lange her. Im Handy suche ich die zum Datum passenden Glückwünsche. Ah, ok, Mutti gratuliert und hier sind auch noch ein paar hässliche Seasonal-Greetings-Bilder von irgendwelchen Social-Media-Karteileichen, die ich für ihren weitergeleiteten Kitsch sofort heftig hasse – auch wenn ich kaum weiß, wer sie eigentlich sind.

Soweit, so wie immer. Erstaunlich viele Weihnachtsgrüße aber erreichen mich von Profilen mit Namen wie 187ripper, king.99, Bossaura_nrw und so weiter. Und streng genommen sind es gar keine Weihnachtsgrüße, sondern Beschimpfungen. Was mir „elender Bastard“ einfallen würde, „halt dein Nuttenmaul“ und so. Ah, okay! Offensichtlich ist mein Text über den Rapper Kollegah auf musikexpress.de online gegangen. Da ächzt das Christkind.

Ich fühle mich an meine Zeit als „Intro“-Autor erinnert. Schon damals polterte die pimmelige Kollegah-Gefolgschaft an die Tore meiner Wohnung. Einer Wohnung finanziert von „Hartz 4 mehr hast du nicht geschafft!“, wie die Kids wissen. Wer hat gepetzt?!

Ob ich das Relikt aus jenem Konflikt hier verlinken darf? Intro ist immerhin Marktkonkurrent vom Musikexpress. Allerdings ist es bei genauerer Betrachtung auch tot. R.i.P.! (Anmerkung der Redaktion: Darfst Du, Linus, machen wir.)

Also, liebe Kollegah-Fans, bei mir seid Ihr richtig. Ich höre Euren Schmerz.

Mein Vorschlag zur Güte: Ich werde auch 2019 keine Rücksicht auf Eure lächerlichen Gefühle nehmen, die Ihr für den fellbehangenen Boss-Vorsitzenden hegt – no homo! Ihr liegt einfach falsch, wenn Ihr bei diesem Rapper mit den höchstens halbguten Skills auf alle noch so bizarren Marketing-Stunts reinfallt. Fair enough, ich selbst hatte mich blenden lassen, als Kollegah mit seinem Arbeitsehemann Farid die Klassenfahrt in ein KZ tätigte und danach geläutert daher laberte.

Aber in seinem epischen Interview mit hiphop.de – veröffentlicht am 80. Jahrestag der Reichspogromnacht, also am 9. November – sieht das nur wenige Monate später wieder ganz anders aus. Denn dort heißt es von seiner Seite, dass in den Palästinensergebieten „genau das Gleiche passiert, was bei uns mal passiert ist, in Deutschland, nämlich während des Holocausts“.

An der Stelle sehe ich keine Notwendigkeit mehr, dem Typen oder seinen Internet-Kindersoldaten entgegenzukommen. Aussagen wie die von Kollegah via hiphop.de sind doch nicht mehr diskutabel. Alle Schwerter über Kreuz – und was in dem von seinen Fans beanstandeten Artikel steht, gilt weiterhin:


Avril Lavigne ist Kanadas Antwort auf die Vogelgrippe – dazu Lemmy, Weezer und Oasis-Häme: Die Popwoche auf einen Blick
Weiterlesen