Sufjan Stevens im Interview: „Wir sind ein großes Durcheinander“

von

Niemand ist sich sicher, ob Sufjan Stevens tatsächlich über sein neues Album reden mag. Der Interviewtermin wackelt. Erst die letzte Bestätigung gibt uns Sicherheit, ist allerdings verbunden mit der Bitte, ihn nicht mit Fragen zu langweilen, die ihm schon zigmal gestellt wurden (zum Beispiel, wo denn nun seine restlichen Themen-Platten über die US-Staaten bleiben?!). Tatsächlich wird es am Ende das einzige Interview sein, das er für den deutschsprachigen Raum geben wird. Wir erreichen ihn in Brooklyn, am Telefon. Schon nach wenigen Minuten nimmt sich Stevens die erste kurze Auszeit, über einige Fragen denkt er sehr lange nach. Unser Gespräch kommt erst so richtig ins Fließen, als es darum geht, die humorvollen und positiven Seiten seiner Musik offenzulegen.

Musikexpress: Welche Rolle sollten Künstler:innen nach deiner Meinung in unserer heu­tigen Zeit einnehmen?

Sufjan Stevens: Ich kann natürlich nicht für alle sprechen, aber ich persönlich verspüre keine Verpflichtung, möglichst viele Menschen dazu zu bewegen, ihre politische Meinung oder ihr Wahlverhalten zu ändern. Ich möchte nicht an diesem psychologischen Kleinkrieg über die Meinungshoheit teilnehmen, der gerade insbesondere in den USA vorherrscht. Was meine Rolle betrifft … (überlegt) Ich denke, es geht darum, die Wahrheit auszusprechen. Besser: meine Wahrheit auszusprechen. Sie mit Hilfe meiner Lieder zum Leuchten zu bringen.

Es gibt die Legende, Goethes letz­te Worte auf dem Sterbebett hätten gelautet: „Mehr Licht!“

Gute letzte Worte. Ich würde auch gerne so etwas Gehaltvolles sagen. Aber wer weiß schon, worum es wirklich geht, kurz bevor es vorbei ist.

Woran zeigt sich, wenn Künstler:innen mit ihren Werken die Welt zum Leuchten bringen?

Diese Frage kann ich nicht beantworten, das können nur die Menschen, die meine Musik hören. Ich glaube, wir alle wissen, wie sich ein Herz anfühlt, das erleuchtet ist. Das strahlt dann auch auf den Geist ab, und ich bin der Überzeugung, dass Licht und Geist in enger Verbindung zueinander stehen und dass aus einem erleuchteten Geist heraus eine Harmonie entsteht, die ein gutes Zusammenleben zwischen uns Menschen möglich macht.

Stecken große Teile der USA dem­ nach im Dunklen fest?

Derzeit, ja. Aber wie Goethe es wohl getan hat, können ja auch andere Menschen einfordern: „Mehr Licht!“ Es hat nur manchmal den Anschein, als habe sich das Dunkel manifestiert – was daran liegt, dass wir aktuell ständig von immer neuen Konflikten und Katastrophen hören und dass wir sehr viel Energie einsetzen müssen, um uns davon nicht kleinkriegen zu lassen. Um uns der Angst und dem Chaos entgegenzustellen; ein Chaos, das andere herbeiführen, weil sie davon profitieren.

Sollte Kunst einen Gegenpol dazu darstellen, eine Art Anleitung zu einer erleuchteten Existenz?

Ich glaube, der erste Schritt sollte eher sein, das zu reflektieren, was unsere Welt auszeichnet. Kunst sollte nichts ausblenden. Deshalb sprach ich eben von der Wahrheit. Diese beinhaltet eben auch die Angst und das Chaos. Ohne Zweifel sind viele Menschen heute zerrissene Kreaturen. Sie werden in ein Leiden hineingeboren, nehmen dieses auf und entwickeln daraus eine Angst, eine gefährliche Mischung aus Selbsthass und dem Gefühl der andauernden Bedrohung. Aus diesem Gefühl heraus bauen sie Widerstände zu den Dingen auf, die andere als gut erachten. Nicht, weil sie eine bessere Lösung parat haben, sondern weil sie nicht erkennen können, wie einem das, was andere vorleben, helfen könnte. Es fällt mir allerdings schwer, diese Art von Selbsthass zu verstehen. Ich kenne zwar das Gefühl, sich selbst nicht sonderlich zu mögen …

… aber?

Ich entwickele mich dadurch nicht zu einem Antagonisten der Gesellschaft, sondern stelle mir selbst sehr viele Fragen.

Welche?

Bei meinem Album CARRIE & LOWELL waren es sehr persönliche Fragen, und ich habe durch die Beschäftigung mit diesen privaten Themen erfahren, wie nahe ich dem gekommen bin, was ich heute als Wahrheit bezeichnen würde. Das war eine schwere Arbeit, aber sie hat mir rückblickend mehr Kraft gegeben, als sie mich gekostet hat. Nun ist dieses Thema für mich abgeschlossen und ich fühlte mich bereit, ein erweitertes Panorama ins Blickfeld zu nehmen. Was mich hierbei besonders interessiert hat, ist diese Amnesie, an der wir offensichtlich leiden. Die Geschichte gibt uns ja mehr als genügend Beweise an die Hand, welche Konsequenzen bestimmte Verhaltensweisen für unsere Gesellschaften gehabt haben. Das gilt zum Beispiel auch für diese Spaltungen, die wir aktuell in den USA erleben. Wir wissen das alles. In der Theorie. Aber es gibt eine merkwürdige Angst davor, diese Wahrheit zu erkennen. Als ob sie ein Monster im Schrank wäre, vor dem man sich fürchtet. Dieses Veralten ist für mich als ein Mensch, der sich ständig der Suche nach Wahrheit widmet, schwer zu verstehen. Es macht mich zunehmend ratlos gegenüber dieser Gesellschaft … (überlegt sehr lange) Weil wir anfangs davon sprachen: Vielleicht ist es tatsächlich eine der zeitgemäßen Aufgaben von Kunst, den Menschen die Angst vor der Wahrheit zu nehmen. Aber da bin ich mir nicht ganz sicher.

In deinem neuen Song „Tell Me You Love Me“ gibt es einen Vers, der mir gleich beim ersten Hören aufgefal­len ist: „My love, I wish it was a pho­tograph, perfect and lovely in a fra­me“. Ich denke gerade noch einmal neu über diese Zeile nach: Artiku­liert sich in diesem Wunsch, ein gerahmtes Foto zu sein, vielleicht genau diese Angst, über die wir spre­chen?

Ein perfektes Bild abzugeben, eingerahmt – ich glaube, das ist eine Art Idealzustand, nach dem wir streben. Besonders dann, wenn die Betrachter erkennen, dass dieses Foto tatsächlich diesen Menschen zeigt, wie er gelernt hat, das Chaos seiner Gefühle so zusammenzubringen, dass sie über ein einziges Bild wiedergegeben werden können. Manchmal schaue ich mir einen dieser Pixar-Filme an und denke dann dabei: Ja, so könnte es aussehen, das perfekte Bild eines Menschen. Aber wir sind nun einmal Menschen, keine digitalen Wesen aus Animationsfilmen, wir sind ein großes Durcheinander –und prägen ein noch größeres Durcheinander, nämlich diese Welt. Die wiederum in einem noch viel gigantischeren Durcheinander unterwegs ist – dem Kosmos … Mir fällt außerdem noch eine Sache zu der Zeile ein, die du zitiert hast: Wenn uns ein Foto perfekt erscheint, dann ist es häufig eines von einer gerade verstorbenen Person. Ein Bild, das auf geheimnisvolle Weise genau zu zeigen scheint, was der Verstorbene für ein Mensch gewesen ist. Bis andere das bei einem Foto von mir denken, dürfen aber gerne noch ein paar Jahre vergehen. (lacht)

Du sprichst von dem großen Durch­einander: Macht uns Menschen im 21. Jahrhundert gerade deshalb dieses Chaos Angst, weil wir in der Moderne glaubten, es beherrschen zu können – und jetzt feststellen müssen, dass wir uns geirrt haben?

Ich denke tatsächlich, dass wir uns zu sehr auf die technischen Dinge konzentrieren und dabei außer Acht lassen, wie das natürliche Leben funktioniert. Es fällt mir nicht leicht, inmitten einer globalen Pandemie über das herrliche Durcheinander der Natur zu sprechen, aber es ist doch bewundernswert, wie sich Natur immer wieder selbst zerstört und neu aufbaut, wie sie in einem scheinbar vollkommenen Chaos wächst und neues Leben entstehen lässt. Wir nehmen dieses natürliche Leben, dessen Teil wir ja sind, heute kaum noch wahr. Die Menschheit ist kurzsichtig geworden, und es wird dringend Zeit, dass wir alle ein, zwei Schritte zurückgehen und aus anderer Perspektive heraus noch einmal neu auf unser Leben schauen.

Um was zu erreichen?

Eine gute Mischung aus natürlichem Instinkt und bewussten Entscheidungen. Zweiteres unterscheidet uns von den Tieren: Wenn ein Problem auftaucht, dann ist die Flucht nicht die einzige Option, wir können an Lösungen arbeiten, uns zusammentun und kooperieren.

Ist dein Song „Video Game“ eine Art Parabel dafür, dass wir häufig die fal­schen Perspektiven einnehmen?

Auch. Virtuelle Welten können die Natur nicht ersetzen. Wir werden die Welt nicht verbessern können, wenn wir sie fast nur noch aus digitalen Perspektiven betrachten. Hinter dem Song steckt aber auch das Unbehagen, dass wir in dieser virtuellen Welt merkwürdige Belohnungssysteme entwickeln, die eigentlich keinerlei Bedeutung haben, uns aber trotzdem enorm wichtig vorkommen. Es entsteht ein gefährlicher Feedback-Loop: Du bist erst etwas wert, wenn genügend Menschen diesen Wert durch einen Klick bestätigt haben. Das führt zu einer sehr gefährlichen Form von Identitätsentwicklung. Hinzu kommt, dass es furchtbar anstrengend ist, ständig neue Dinge adaptieren zu müssen. Wer weiter mitspielen will, darf dieses und jenes nicht verpassen. All das raubt mir Energie!

Jetzt klingst du alt.

Ja, klar, ich bin Mitte 40!

Dass im Clip zu „Video Game“ aus­ gerechnet die durch das Videopor­tal TikTok berühmt gewordene junge Tänzerin Jalaiah Harmon die Haupt­rolle spielt und das gesamte Album mit digitalen Sounds instrumentiert ist – da schwingt schon eine Menge Ironie mit, oder?

Ja, das tut es. Ich habe für die Texte auch ein paar Wortspiele gefunden, die zumindest ich ziemlich witzig finde.

An einer Stelle im Titelstück wird jemand beschrieben als „selfishly as a continent“ …

Ja, das ist ein Beispiel. Ich hatte da diese riesigen Landmassen vor Augen, die zusammen ganz früher ja mal einen Superkontinent ergeben haben und seitdem mit großer Selbstsicherheit vor sich herschwimmen. Ich finde, das ist eine ganz passende Metapher für Menschen, die unerschütterlich ihrer Wege gehen, ohne sich dabei um die Regungen von uns kleineren Einheiten zu kümmern. Natürlich ist THE ASCENSION ein Album, das von einer Krise erzählt. Das heißt aber nicht, dass Humor keine Rolle spielen darf.

Noch eine Zeile habe ich mir rausge­sucht: „I woke up in stereo, I spent the day in vertigo“.

(lacht) Ich habe keine Ahnung, was das eigentlich bedeuten soll.

Es beschreibt tatsächlich ganz gut mein Empfinden während der ersten Wochen der Corona­-Pandemie: Man wacht mit zwei Gefühlen auf – mit der Angst und gleichzeitig dem irgend­ wie sehr beruhigenden Gefühl, dass die Welt still zu stehen scheint. Den Tag verbringt man dann mit Blick auf die Nachrichtenlagen in einem per­manenten Schwindel.

Ja, so werde ich es vielleicht gemeint haben … auch wenn es die Pandemie noch gar nicht gab, als ich den Text schrieb. (lacht) Aber es kommt ja auch ganz ohne Virus häufig vor, dass man beim Aufwachen zunächst nur einen Gedanken hat, einen durchweg positiven oder negativen, und man sich erst beim Wachwerden bewusst wird, dass es auch einen Gegenpol dazu gibt. Wir leben fast ständig in dieser permanenten Ambivalenz, und das ist nicht einfach.

Das Stück „America“, eine Art Initialzündung für Inhalt und Sound von THE ASCENSION, geht zurück auf die Sessions zu CARRIE & LOWELL. Damals war Obama noch Präsident. Du hattest den Song zu den Akten gelegt, weil er thema­tisch nicht passte. Die Kernzei­le lautet „Don’t do to me what you did to America“. Mittlerweile sitzt Donald Trump im Weißen Haus. Wie ging es dir bei der Wiederent­deckung dieses Liedes in diesem anderen Amerika?

Ich war erschrocken! Meine Texte entstehen komplett aus dem Unterbewusstsein heraus. Du hast gerade ein paar Zeilen herausgezogen und wir haben sie gemeinsam interpretiert, doch die Rezeption der Worte spielt zuerst einmal keine Rolle bei der Entstehung meiner Texte. Umso erschreckender ist es dann, wenn sich Zeilen ergeben, die sich, einige Jahre nachdem ich sie geschrieben habe, mit neuem Sinn aufladen. Aber deshalb bin ich noch lange kein Prophet. Denn ganz ehrlich: Diese Entwicklung, die Amerika im Lauf dieser Präsidentschaft genommen hat, ergab sich ja nicht vollkommen aus dem Nichts. Es gab Warnungen und überdeutliche Anzeichen. Als Menetekel waren sie offenkundig, wir waren nur eben zu ängstlich, um sie zu lesen, zu verstehen und anzunehmen.

Auch hier wieder: Warum diese Angst?

Weil wir Privilegierte sind. Weil wir uns gerne in den Komfortzonen unseres Lebens aufhalten und uns dort angekettet haben. Weil wir den Gedanken nicht ertragen können, dass diese Privilegien nicht ausreichen werden, wenn wir uns eines Tages der Frage widmen müssen, was der Sinn unseres Lebens gewesen sein könnte.

Dann schlage ich das als neue Auf­gabe vor, die Kunst in diesen Tagen zu erledigen hat: die Menetekel zu erkennen!

Hm, ich weiß nicht, ob wir Künstler das übernehmen sollten. Es gibt die Philosophen, die nach dem Sinn des Lebens fragen, es gibt die Naturwissenschaftler, die nach Beweisen forschen. In dieser Gemengelage der Wissenschaftler sollten wir Künstler uns nicht zu wohl fühlen. Wir sollten lieber versuchen, die Schönheit und Verletzbarkeit der Dinge zu zeigen – in der Hoffnung, dass die Menschen sich auf das besinnen, was wirklich schützenswert ist. Und das ist sicherlich nicht die Idee eines Staates. Wir sollten als Menschen nicht zu sehr an irgendwelchen Nationen hängen, viel zielführender ist es doch, zu schauen, was wir an unserem Leben, wie wir es führen, als gut erachten – und wie wir das verstärken können. Wie wir unsere sensiblen Stellen vorbeugend bandagieren können, sodass wir weniger verletzlich sind. Das würde uns dann vielleicht die Angst nehmen, die uns lähmt.

Es geht also eigentlich um sehr indi­viduelle und private Fragen, die man sich stellen sollte?

Ja, wir liegen falsch, wenn wir glauben, unser Glück darin zu finden, wenn wir uns vor allem mit den großen Systemfragen beschäftigen. Wenn wir uns nur noch den ganz großen Themen widmen. Das überfordert uns – und fördert die Angst. Schrumpfen wir also ein bisschen zusammen! Blicken wir auf unser Umfeld! Achten wir darauf, was uns und den anderen um uns herum guttut. Ich bin mir sicher, dass wir das große Bild besser verstehen, wenn wir wissen, was direkt vor unserer Nase passiert.

Die unerschöpflichen Perspektiven des Sufjan Stevens

Sufjan Stevens – geboren am 1. Juli 1975 in Detroit – ist bekannt dafür, als Songwriter immer wieder neue, äußerst interessante und auch verblüffende Perspektiven einzunehmen. Er sang schon über biblische Geschichten, den Orbit und den chinesischen Tierkreis, nahm Weihnachtslieder auf und startete eine heute schon legendäre Serie mit Alben über die Staaten Amerikas, die er nach Folgen über Michigan und Illinois aber bald selbst als Witz bezeichnete. Nachdem Sufjan Stevens mit dem gefeierten Album CARRIE & LOWELL 2015 eine Art vertonte Familienaufstellung veröffentlicht und zusammen mit seinem Stiefvater Lowell Brams eine Ambient-Platte (APORIA, im März dieses Jahres erschienen) aufgenommen hat, fügt das neue (80 Minuten lange) Album THE ASCENSION nun einige Fäden zusammen. Die elektronisch arrangierten Songs behandeln Themen wie Religion und Humanismus, Sozial- und Kulturkritik, spielen dabei sehr nah am Ich, aber auch weit entfernt im Weltraum.

THE ASCENSION IM STREAM HÖREN:

Dieses Interview erschien zuerst im ME 11/20

Ladet Euch die aktuelle MUSIKEXPRESS-Ausgabe ganz einfach als PDF herunter: https://musikexpress.de/epaper

Keine MUSIKEXPRESS-Ausgabe verpassen, aber nicht zum Kiosk müssen: Bestell‘ Dir jetzt und nur für kurze Zeit 3 Hefte zum Sonderpreis im Spezial-Abo für nur 9,95 € direkt nach Hause!

https://abo.musikexpress.de/produkt/spezial-abo-2/

Du willst MUSIKEXPRESS lesen, aber kein Abo abschließen? Kein Problem! Die aktuelle Ausgabe portofrei nach Hause bestellen:

https://abo.musikexpress.de/produkt-kategorie/shop/einzelhefte/


Glossar: Was Ihr zu unserem Interview mit Die Ärzte wissen müsst
Weiterlesen