Kritik

„The Devil All The Time” auf Netflix: Viel Zynismus ohne Botschaft

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Mit düsteren Stoffen kennt sich Regisseur Antonio Campos aus. Bereits vor vier Jahren hat er mit „Christine” gezeigt, dass er tief in die Abgründe unserer Gesellschaft abtauchen kann. Doch im Vergleich zu seinem neuen Netflix-Film „The Devil All The Time“ war die Geschichte über die titelgebende Fernsehreporterin, die sich aus Protest gegen die zunehmend sensationsgetriebene Berichterstattung ihres Senders vor laufender Kamera erschießt, nur ein Sprung ins Planschbecken. Sein neues Werk stellt sich nämlich als wahres Sammelbecken der Grausamkeiten, als zynisches Fass ohne Boden heraus.

Mittendrin schwimmt der junge Arvin Russell (Tom Holland), der in einer sich zur ständigen Wiederholung verurteilten Zeit, nämlich zwischen dem Zweiten Welt- und dem Vietnamkrieg, aufwächst. In einer Welt, die sich ihm als durch und durch schlecht präsentiert, versucht er, ein besserer Mensch zu sein. Während um ihn und seine Familie ein Tornado aus Gewalt, Missbrauch und Fanatismus wütet. Dieser Film zieht echt runter.


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Gegen das Vergessen

Es ist ein nahezu schizophrener Film. Während sich seine Charaktere mit allen Mitteln gegen das Erinnern stemmen, kämpft er gegen das Verdrängen. Er zeigt eine Abwärtsspirale aus Terror, religiöser Verblendung und blinden Gehorsams, an deren Ende nichts als die Verweigerung steht, aus den Fehlern verlorener Generationen zu lernen.

„Der Herr mag keine dunklen Orte“, sagt Helen Hatton (Mia Wasikowska) ihrem Mann – einem Priester, dessen Scheinheiligkeit sie nicht zu erkennen vermag. Doch das ist offensichtlicher Quatsch. Denn wenn es einen Gott wie den gäbe, an den Helen Hatton, Arvins Vater Willard Russell (Bill Skarsgård) oder Preston Teagardin (Robert Pattinson) vorgeben zu glauben, dann hätte er das Amerika von „The Devil All The Time” schon längst niedergebrannt.

Kein Interesse an den Ursachen

Man fragt sich: Was ist die Botschaft des Films? Dass religiöser Fanatismus, Krieg, Gewalt schlecht sind? Wer davon noch überrascht ist, hat in den letzten Jahren wohl nicht einmal aus dem Fenster geschaut. Denn das ist trauriger Alltag. Dafür braucht es nicht Harry Melling als Prediger Roy Laferty, der im Wahn seine Frau ermordet, weil er glaubt, er hätte wiederbelebende Kräfte. Dafür braucht es keinen Robert Pattinson als Prediger Teagardin, dessen Stimme wohl kaum zufällig wie ein Reptil klingt, der sich links und rechts an jungen Frauen vergeht, sich bei ungewollten Schwangerschaften mit einem „Wie kann ich der Vater sein, wenn alles, was wir gemacht haben war, Zeit mit dem Herrn zu verbringen?“ aus der Affäre zieht. Der seine Machtposition nutzt, um die Realität zu leugnen.

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