Meinung

„The Handmaid’s Tale“ in Corona-Pause: Keine Zeit für Heldinnen?

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Egal ob „Batwoman“, „Supergirl“ oder die lang erwartete „Herr der Ringe“-Serie – dank Corona haben sämtliche Produktionen rund um den Globus erst einmal Pause. Auch die für den US-Sender Hulu produzierte Serie „The Handmaid’s Tale“ hat es erwischt. Eigentlich sollte die Dystopie mit der vierten Staffel um den fiktiven erzkonservativen Gottesstaat Gilead im Herbst diesen Jahres fortgesetzt werden. Die Serienmacher*innen signalisieren nun, dass mit dem Release frühestens im Winter, höchst wahrscheinlich jedoch erst Anfang 2021 zu rechnen ist.

Der vorläufige Produktionsstopp ist natürlich absolut richtig, um weitere Ansteckungen zu vermeiden. Bedauerlich ist der Schritt dennoch. Gerade jetzt können wir auf kluge Popkultur-Phänomene, die sich reflektiert zu gesellschaftlichen Entwicklungen positionieren, nicht verzichten. Befände sich die Welt gerade nicht im Shutdown, müsste man sagen: Wir leben in bewegten Zeiten. Der Populismus ist weltweit im Aufwind, erzkonservative und rechte Wertvorstellungen erwachen zu neuem Leben. Kurz: Die Sehnsucht nach einfachen Antworten auf eine immer komplexer werdende Welt, und ebenso vielschichtige Herausforderungen, erstarkt.

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June ist keine Superheldin – und das ist auch gut so

„The Handmaid’s Tale“ sticht aus einem allgemeinen Trend zu Helden-Sagas, wie sie uns in „Star Wars“, den „Avengers“ oder zuletzt in „Star Trek: Picard“ begegnen, hervor. Denn die Serie bricht mit dem altbekannten Erzähl-Schema, worin ein (meist männlicher) Held auszieht, um, dank besonderer Fähigkeiten oder Leistungen, die Welt vor einem klar definierten Bösen zu retten. Wir können uns währenddessen in unserer eigenen Durchschnittlichkeit entspannt zurücklehnen und in Sicherheit wähnen.

Zwar erfreuen sich solche Geschichten unglaublicher Popularität, aber als Problem-Anzeiger für aktuelle Herausforderungen, wie dem um sich greifenden Populismus, dienen sie nicht. Im Gegenteil. Das Lechzen nach Superheld*innen und ihren Geschichten scheint auf ein ähnliches Bedürfnis nach Sicherheit und Vereinfachung der Welt zurückzugehen, wie die gefährliche Sympathie für populistische Wortführer*innen. Beide versprechen, es im Alleingang mit „dem Establishment“ aufzunehmen und beider Weltsicht scheint wohltuend einfach. Statt komplexer Zusammenhänge, gibt es einen klar zu benennendes Böses, einen Sündenbock, auf den die Ruhestörung im sonst so großartigen Land/Universum zurückzuführen ist.

„The Handmaid’s Tale“ ist eben keine tröstlich-sedierende Heldengeschichte und ihre Protagonistin June keine Superheldin – und das ist auch gut so.

Gegen Gilead kommt man nur als Gemeinschaft an

Gegen das neue totalitäre Regime, das einmal die USA war, kommt Protagonistin June (gespielt von Elisabeth Moss) nun mal nicht allein an. Als Menschen durch Atomkatastrophen und Umweltzerstörung weltweit unfruchtbar werden, haben christlich-fundamentalistische Führer das Land zu einem Gottesstaat umstrukturiert, der jede Abweichung von seinen religiös-patriarchalen Normen drakonisch bestraft. Folter, Verstümmelungen und Hinrichtungen gehören zum düsteren Alltag.

Frauen stehen in der neuen Hierarchie ganz unten: Fruchtbare werden zu Mägden gemacht und regimetreuen Ehepaaren zugeteilt, um für sie Kinder zu gebären. Um deutlich zu machen, dass sie ganz Teil des Besitzes sind, tragen sie von nun an die Vornamen der Männer. So wird aus June, als sie Commander Fred Waterford (Joseph Fiennes) und dessen Ehefrau Serena (Yvonne Strahovski) zugeteilt wird, schlicht Desfred. Unfruchtbare Marthas wiederum müssen in ihren Haushalten dienen. Und selbst die privilegierteren Ehefrauen der Kommandanten sind in ihren Rollen der hörigen, gottesfürchtigen Partnerin gefangen. Die sogenannten Tanten sind es wiederum, die die Mägde indoktrinieren und notfalls gewaltsam auf Spur bringen.

Obwohl Junes Schicksal im Zentrum der Story steht, wird sie nicht zur Heldin verklärt. Anders als wir es aus Helden-Sagas kennen, braucht es für den Widerstand einen Zusammenschluss vieler herrlich durchschnittlicher Mägde, Marthas und Ehefrauen. Von etwaigen Alleingängen der Protagonistin ist der organisierte Untergrund dagegen richtiggehend genervt.

Ein einfaches „Gut versus Böse“ gibt es nicht

Neben der alles überstrahlenden Heldenfigur fehlt in „The Handmaid’s Tale“ auch eine pamphletartige Unterteilung in Gut und Böse. In Gilead steckt das Hässliche, das Schändliche weder stets in der Uniform eines hochdekorierten Kommandanten, noch kommen Mut und Tugend ausschließlich in scharlachroter Mägde-Kluft daher.

Stattdessen erkennt die Serie Ambivalenzen an und erklärt sie. Die Beweggründe der Charaktere, die sich auf die Seite der Unterdrücker*innen gestellt haben, werden ausführlich beleuchtet – was sie zwar nicht sympathischer, aber zumindest verständlicher macht. Während Tante Lydia (Ann Dowd) so beispielsweise wirklich von der moralischen Überlegenheit Gileads überzeugt zu sein scheint, beruft sich Fred Waterford vor allem aus machttaktischen Gründen auf die Religion. Die Unterdrücker sind nie als Dämonen angelegt, die mit unserer Lebensrealität nichts zu tun hätten. Es gibt keine karikatureske Überzeichnung ihrer Boshaftigkeit, die uns davor bewahren würde, danach zu fragen, welche ihrer Seiten wir vielleicht ebenfalls in uns tragen.

Das Unheil ist menschengemacht

Das Unheil hat außerdem nicht etwa seine Wurzeln in einem übernatürlichen Konstrukt, das die Handelnden aus der Verantwortung entlassen würde. Es gibt keine „dunkle Seite der Macht“, wie in der Star-Wars-Saga, die einen ominösen Einfluss auf die Menschen ausübt. Dafür werden die Anfänge des Regimes, die schrittweise Ausweitung des Sagbaren und das Aushebeln der Demokratie eindrücklich nachgezeichnet. Das Unerhörte daran: Ursprung des Unheils ist auch nicht die Boshaftigkeit weniger, sondern vor allem die Untätigkeit der vielen Menschen. Gilead ist menschengemacht, ebenso wie das darin verursachte Leid.

Statt einer weiteren eskapistischen Heldengeschichte, stellt sich bei „The Handmaid’s Tale“ schnell das unangenehme Gefühl ein, dass das Bedrohungsszenario tatsächlich was mit uns zu tun hat. Die Serie neigt nicht zum Eskapismus, sondern ist teilweise schrecklich real. Und genau das macht sie so wunderbar.

In Deutschland erschien die Serie zunächst auf MagentaTV. Dort sind alle drei bisher erschienen Staffeln verfügbar. Die ersten beiden Staffeln sind mittlerweile außerdem in Abo von Amazon Prime Video und Joyn+ enthalten.

George Kraychyk / Hulu George Kraychyk / Hulu
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