90er-Gespräch

Wanda im Interview: „Kurt Cobain war das Ende des chauvinistischen 80er-Rocks“

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Lange wurde die lokale Musikszene in Österreich belächelt. Man erinnerte sich lieber an Austropop-Ikonen wie Rainhard Fendrich oder den einzigen internationalen Star Falco. Die Indie-Szene brodelte in den Nullerjahren, aber von neuen Bands war am Mainstream-Himmel keine Spur. Wer Erfolg wollte, musste unbedingt auf Englisch singen, denn der größte, österreichische Radiosender Ö3 spielte nur ungern neue, österreichische Lieder.

Aber 2014 platzte die Bombe. Bands wie Wanda standen auf der Bühne, sangen im Dialekt und siehe da – es kam gut an. Ihr Debütalbum AMORE machte sie zu Stars. Die Hitsingle „Bologna“ kannte jede*r. Nun erscheint im Herbst das fünfte, selbstbetitelte Album. MUSIKEXPRESS sprach mit Sänger Marco und Gitarrist Manuel über die 90er, Kurt Cobain und Kindheitserinnerungen.

Wanda 2022

ME: Was sind die ersten drei Dinge, die euch zu Musik aus den 90ern einfallen? 

Marco: Die Spice Girls, Backstreet Boys und Nirvana.

Manuel: Es beginnt mit BLOOD SUGAR SEX MAGIK und hört mit CALIFORNICATION auf. Dazwischen sind noch Nirvana und Oasis.

ME: Wofür steht Kurt Cobain eurer Meinung nach?

Marco: Ich glaube, er war eine wirklich wertvolle Identifikationsfigur für Teenager, die sich als Außenseiter empfinden. Mir hat er sehr viel weitergeholfen, in einer bestimmten Lebensphase. Gerade in dieser Teenager-Verzweiflung und in diesem elendigen Transformationsprozess von einem Kind in eine Halb-Kreatur, die noch nicht Mann ist.

Manuel: Für mich steht er auch für das Ende von diesem chauvinistischen Proleten-Rock aus den 80ern. Die Beendigung dieser Hair-Metal-Ära mit Guns N‘ Roses.

ME: Wie seid ihr damals auf Nirvana gestoßen?

Marco: Mir hat Nirvana ein Bekannter gezeigt, der am liebsten Frauen aufgerissen und Tennis gespielt hat. Er hat mir „In Bloom“ vorgespielt – ein Lied, in dem Kurt Cobain ein bisschen auf seine Fans schimpft. Er kritisiert, dass sie nur die süßen Lieder mögen und am liebsten mit ihren Waffen schießen. Ich fand das sehr lustig, weil man Verwandter eben so ein Waffen-Freak war, der sehr viel Paintball gespielt hat.

Manuel: Bei mir war es lustigerweise auch ein Typ, der Paintball-Fanatiker war. Auf einer Party hat er „Pennyroyal Tea“ aus dem Unplugged-Konzert in New York gespielt und meine Reaktion war: „Wow das ist das beste, das ich jemals gehört habe“. Ich wollte sofort wissen, wann Nirvana nach Österreich kommen. Dann wurde mir gesagt, dass sich Kurt Cobain erschossen hat. Das hat mir einen Dämpfer gegeben, aber es war schon um mich geschehen. „Pennyroyal Tea“ ist vermutlich mein Lieblingssong von Nirvana.

ME: Weißt du noch, was dich an „Pennyroyal Tea“ so begeistert hat?

Manuel: Es war im Refrain dieses hohe As, das Cobain singt und bei „Tea“ bricht. Das hat mich begeistert. Cobain hat den Song bei dem Unplugged-Konzert alleine im Original-Key gesungen und das war einfach der Wahnsinn.

Macro: Überhaupt alle Momente, wo seine Stimme bricht, finde ich toll. Das war Magie. Ich habe so etwas davor einfach noch nie gehört. Das hat mich magisch angezogen. Mittlerweile weiß ich, dass es aus der Rock ’n‘ Roll- und Blues-Tradition kommt, aber damals kannte ich das nicht.

Manuel: Schön ist es auch, wenn er sich verspielt bei Auftritten.

Marco: Es war so schön jemand zu sehen, der rumschreit und sich verspielt und dann denkt man sich: „Hey das kann ich vielleicht auch!“ (lacht)

ME: Ihr habt ja in Berlin auch einmal ein Konzert gegeben, in dem ihr nur Songs von Nirvana gespielt habt. Wie ist das zustande gekommen?

Manuel: Das war die 20-Jahre-Feier von irgendeinem Magazin. Deren erste Ausgabe war NEVERMIND und sie wollten eigentlich, dass wir NEVERMIND covern. Wir haben gesagt: „Wir machen das, aber wir spielen bloß ein Lied von NEVERMIND und sonst nur Songs, die keine Singles waren.“

Marco: Das Konzert war, wie wenn ein Pianist Schubert spielt. So ist es Nirvana zu spielen. Du spielst einen Klassiker. Es ist ein wunderschönes Gefühl. Diese Songs sind so schön ausgearbeitet, es ist ein Vergnügen sie zu spielen.

ME: Was habt ihr in den 90ern sonst so für Musik gehört?

Manuel: Ich bin mit Rainhard Fendrich aufgewachsen. Meine Eltern waren geschieden und der Fendrich war das einzige, das überall war. Er war bei mir zuhause, bei den Freunden meiner Eltern, bei meinem Vater. Als ich sechs Jahre alt war, habe ich meiner Mutter dann gesagt, ich will eine Rock-CD haben. Sie hat sich für GREATEST HITS von Queen entschieden. Das Album habe ich die ganze Zeit gehört und dabei immer mein Zimmer verdunkelt. Das ging aber nur bis zum Song „Flash“. Da habe ich dann Angst bekommen und das Licht aufgedreht. (lacht)

Marco: Ganz früh in den 90ern habe ich vor allem die Charts, Boygroups und Girlbands gehört. Ich hatte aber auch erstmals Momente, in denen mich Musik sehr tief berührt hat. Einmal war, mit meiner Mutter im Auto, im Radio plötzlich irgendeine sentimentale Bridge zu hören. Die hat etwas in mir berührt, von dem ich nicht wusste, was es überhaupt ist. Als hätte ich das erste Mal meine Seele entdeckt. Bis heute weiß ich nicht, wie ich dieses Gefühl nennen soll.

Manuel: Vielleicht Harmonie?

Marco: Vielleicht.

ME: Habt ihr auch Falco in den 90ern gehört?

Manuel: Ich wusste, dass es ihn gab, aber ich habe ihn als Kind kaum gehört. Als er 1998 gestorben ist, war ich auf Urlaub und als wir vom Flughafen in Wien abgeholt worden sind, hatte meine Schwester Tränen in den Augen. Sie war älter und ein großer Fan von Falco. Sein Werk habe ich aber erst nach seinem Tod entdeckt.

Marco: Als Kind hatte ich das Gefühl, Falco ist ein Verwandter von allen Menschen in Österreich. Später habe ich dann als Musiker „Ganz Wien“ gehört und entschieden, dass ich auf Deutsch singen möchte. Das ist für mich das geilste Lied in der deutschen Sprache.

ME: Warum?

Marco: Es ist so cool. Es ist wie ein Broadway-Musical, wie ein Straßen-Typ mit Butterflymesser, der an der Ecke steht und sich denkt: „Oida, wen stech ich jetzt ab?“. Es hat so eine sexy Coolness, es ist zum Verlieben.

Manuel: Und musikalisch ist es sehr sehr clever. Am Anfang sind drei Major-7-Akkorde aufeinander zu hören. Dazu hat die Snare-Drum einen sehr bestimmten Ton, der sich in den Akkordklang hineinarbeitet. Das ist schon sehr experimentell für einen Rocksong.

ME: Könnt ihr euch noch an die erste CD erinnern, die ihr euch gekauft habt?

Marco: Ich glaube, das war Aaron Carter. Der kleine Bruder von Nick Carter von den Backstreet Boys. PARTY WITH AARON oder so hat das Album geheißen.

Manuel: Ich glaube, es war das zweite Album von HIM. RAZORBLADE ROMANCE hat es geheißen, denke ich. Aber ich habe auch die Schlümpfe gehört. Oder BRAVO HITS VOLUME 15 und QUIT PLAYING GAMES von den Backstreet Boys.

ME: Gibt es irgendwelche Trends aus den 90ern, die ihr ganz schlimm fandet?

Marco: Die 90er sind als Ganzes sehr faszinierend und fragwürdig.

Manuel: Tamagotchis.

ME: Hatte bei euch auch jeder ein Tamagotchi in der Schule?

Manuel: Ich hatte echte Haustiere.

Marco: Wir haben die Tamagotchis alle verhungern lassen. Das war ganz grausam. Ich glaub die sind alle tot mittlerweile.

Manuel: Sehr populär waren auch Telefone aus Plastik. Aus denen kam ein Pieps heraus und man konnte so tun, als ob man telefonieren würde. Man wurde als Kind also schon trainiert mit einem nicht funktionsfähigen Handy zu spielen und heute kommt man von dem Zug nicht mehr los. Es ist surreal.

Marco: Generell waren die 90er eine langsame Heranführung an den modernen Menschen des 21. Jahrhunderts als Konsument. Das habe ich schon als Kind gespürt. Mir ist schon aufgefallen, dass ich, wenn ich Taschengeld bekomme, sofort irgendwohin gehe und etwas kaufe.

ME: Was habt ihr sonst noch für Kindheitserinnerungen? 

Marco: Ich habe weite Strecken meiner Kindheit im Waldviertel verbracht. In einem sehr kleinen Dorf. Da gab es nur vier Jungs in meinem Alter, wir waren eine eingeschworene Bande. Wir haben immer im Wald gespielt, bis die ersten Spielkonsolen, Telefone und das Internet kamen. Dann haben wir uns nie wieder gesehen. Wir sind in unseren Zimmern gesessen und haben nur noch Computer gespielt.

Manuel: Zu den schönen Kindheits-Momenten gehört auch aus PVC-Rollen und Holzstücken ein Spielzeug-Gewehr zu bauen. Wir haben im Wald dann immer A-Team gespielt.

Marco: Wir auch. Die größte Frage war immer: „Wer darf Face sein?“

Manuel: Ich war immer Murdock, weil ich gedacht habe, dass er der Coolste ist, bis ich draufgekommen bin, dass er der Idiot ist. Aber mit einer Gruppe von Freunden so zu spielen, war ein bisschen wie das erste Mal eine Band zu gründen.

Wanda traten auch mal beim Musikexpress Style Award auf

ME: Ihr habt die Kommerzialisierung angesprochen, unter der Kurt Cobain sehr gelitten hat. Geht es euch manchmal auch so?

Marco: Wir hatten diese Phase auf jeden Fall. Die Spitze des Erfolges war gleichzeitig auch die schrecklichste Zeit. Aber die Tatsache, dass unsere Welt total auf den Konsum ausgerichtet ist…Ich hab dem gar nichts mehr entgegen zu setzen. Ich kann das nur noch fatalistisch und ziemlich lethargisch zur Kenntnis nehmen. Das ist sehr schade und in meinen besseren Momenten ist es auch nicht so, aber ich fühle mich gelegentlich ein bisschen hilflos.

ME: Aber eure Musik hat ja trotzdem noch ein hörbare Lebensfreude.

Marco: In der Musik versuche ich mir diese Lebensfreude auch zu bewahren. Wanda will ja den Kapitalismus nicht unbedingt zu Fall bringen, aber einfach in ihm weitermachen. Und sich vielleicht nicht von dieser Lethargie auffressen zu lassen. Aber das ist vermutlich auch nur eine Utopie.

ME: Aber ist es nicht schwierig die Energie für diese Art von Musik zu finden, wenn man sie im Alltag nicht spürt?

Marco: Nein, das ist nicht schwierig.

ME: Aber woher kommt sie dann?

Marco: Die kommt aus der Seele. Meine Seele lass ich mir nicht berühren von dieser Welt. Zumindest kämpfe ich da drum. Ich schütze diesen Teil von mir.

ME: Nochmal zu den 90ern: Mit MTV wurden Musikvideos immer populärer. Habt ihr Lieblinge?

Marco: Eines meiner Lieblings-Musikvideos ist vermutlich „Get Free“ von den Vines. Das Musikvideo hat mich total geflashed. Die Band steht in der Wüste und es schlagen immer regelmäßiger Blitze in den Boden ein und am Ende trifft ein Blitz den Sänger. Er explodiert und fliegt ungefähr zehn Meter in die Luft. Das fand ich urgeil.

Manuel: Mir haben die Musikvideos von den Foo Fighters sehr gefallen. Die hatten immer einen guten Humor und es war sehr witzig, wie sie in die unterschiedlichen Rollen geschlüpft sind. Ich schaue aber ehrlich gesagt lieber Live-Konzerte, als Musikvideos.

ME: Ihr habt aber auch immer sehr beeindruckende Musikvideos. Kümmert ihr euch selbst um die?

Marco: Damals viel mehr. Es war eine sehr spannende Arbeit, die Filmemacher haben das alle umsonst gemacht. Die waren wie ein Teil der Band. Wir haben echt hunderte Stunden an solchen Videos gearbeitet und hunderte Ideen entwickelt und verworfen. Der damalige Regisseur Florian Senekowitsch hat gesagt:„Ich möchte, dass die Videos ein Geschenk an die Zuseher sind“. Irgendwann sind sie aber eine Notwendigkeit geworden.

Manuel: Gerade für junge Bands ist es oft spannender. Denn das Internet ist noch nicht voll mit Bildern und YouTube noch nicht voll mit Konzertaufnahmen. Man kann sich also entscheiden, wie man sich darstellen möchte. Die Arbeit war damals sehr fruchtbar.

Marco: Es hat sich auch sehr wichtig angefühlt. Mittlerweile ist mir die visuelle Vermittlung von Wanda auch nicht mehr wichtig.

Manuel: Man kann es auch nicht mehr steuern. Es ist schon klar, wie uns die Leute sehen. Das ändert kein Musikvideo.

ME: In welche Richtung soll es jetzt gehen?

Marco: Wir gehen jetzt mehr in die Richtung visuelle Kunst. Das nächstes Video wird gezeichnet sein zum Beispiel. Ein Live-Video wird auch noch kommen. Ich würde auch gerne den Bereich der Animation ausprobieren und weniger im klassischen Sinne einfach dastehen und das selbst verkörpern. Das mache ich eh auf der Bühne.

ME: Gibt es eine 90er-Band, mit der ihr gerne auf Tour gegangen wärt?

Manuel: Sonic Youth.

Marco: Nirvana. Slipknot auch vielleicht. Die hätte ich mir gerne angeschaut vom Bühnenrand. Auch Backstage, wie sie sich vollkotzen und anscheißen. Die Spice Girls hätte ich als Achtjähriger auch sehr aufregend gefunden.

ME: Gibt es ein Konzert, auf das ihr besonders stolz seid?

Marco: Sehr bewegend war unser Auftritt im Wiener Ernst-Happel-Stadion für die Ukraine. Der Grund war nicht das Konzert selbst, sondern die Rede von unserem Bundespräsidenten Alexander van der Bellen. Ich war backstage, hatte Gänsehaut und musste weinen. Ich war davor noch nie so synchron mit „den Österreichern“. Alle waren ruhig und hören diese fantastischen Worten eines großen, österreichischen Humanisten.

Manuel: Dieser Jubel als er auf die Bühne kam war beeindruckend. Dass in Österreich einmal ein Politiker bei einem Konzert so bejubelt wird, hat mich überrascht.

Marco: Alexander van der Bellen war wahrscheinlich die beste Vorband, die wir jemals hatten.

Wandas fünftes Album WANDA erscheint am 30. September 2022. Im November gehen sie auf Clubtour – präsentiert vom Musikexpress.

Wanda 2022

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