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Im Gespräch mit Marco Wanda: Ein Narr vermisst das Narrativ

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Fahren wir also mit der Eisenbahn nach Wien. Ein Montagnachmittag im August. Die Stadt hat sich „Wir machen Urlaub“-Schilder in ihre Fenster gehängt. Doch der 1. Bezirk zwischen Hofburg und Donaukanal macht keinen Urlaub. Er muss sich der Touristen-Landungsgruppen erwehren, die es mit ihren Selfie-Bajonetten ausfechten wollen. Die Käsekrainer an der Würstelbude schmecken milder als gedacht. Die Ticketverkäufer der Staatsoper kratzen sich heimlich unter ihren Mozart-Perücken.

Wir warten vor dem Portal zum „Bristol“, einer mit irritierend geschmackvollem Pomp ausgeschlagenen Hotel-Schatulle von 1892. In der Opern Suite wollen wir Marco später fotografieren. Aber wo bleibt er? Er wird uns wohl erst in einer halben Stunde aus einem Taxi vor die Füße kugeln. Der macht bestimmt auch keinen Urlaub vom Exzess. Da ruft die Managerin an: „Der Marco sitzt schon in der Bar.“ Die öffnet eigentlich erst in einer Stunde. Dem in spätestens drei Jahren berühmtesten Sohn der Stadt haben sie trotzdem schon aufgesperrt. Er hinkt gerade zurück zu seinem Sessel, hat sich das Knie verdreht. Außerdem ist er uns ein halbes Bier voraus …

ME: Man darf sich schon mal fragen: Was bringen solche Interviews eigentlich dem Künstler?

Marco Wanda: Man kann schon was lernen, über sich selber …

Vielleicht auch über seine Arbeit …

Ja, wenn’s einen interessiert … (lacht)

Solange die Musik beim Publikum ankommt …

Das reicht. Und ich höre das Album selbst sehr gern. Die eigene Stimme zu hören, ist halt urflashig.

Marco Wanda vs. Thekenfrau

Darauf stoßen wir an. Und Marco beginnt einen heimlichen Wettkampf mit der Thekenfrau. Er versucht, den lächerlich flachen Aschenbecher zum Überlaufen zu bringen. Doch sie taucht regelmäßig aus dem Nichts auf und tauscht mitten durch unser Gespräch hindurch den alten gegen einen neuen aus. Marco hat keine Chance.

Welches Stück von NIENTE gefällt dir selbst gerade am besten?

Eigentlich begreife ich unsere Platten als ein Stück, entweder als ein zusammenhängendes Stück oder ein Stück von vielen, je nachdem.

Marco Wanda
Zimmerservice?

Ich denke, dieser Eindruck könnte sich auch beim Zuhörer schnell einstellen. Die Lieder scheinen sich inhaltlich als auch musikalisch noch mehr gegenseitig zu ergänzen …

Ja. Auf AMORE gab es halt Figuren und man kann eine Art von Narrativ in diese Platte hineinlesen. NIENTE hat mehr noch diese thematischen Bezugspunkte. Es kreist um das Thema Kindheit, und dass man in den Ruinen einer Vergangenheit herumsitzt oder so … Das ist aber nur ein vager Versuch, etwas darüber zu sagen.

Du bist immer sehr vorsichtig, was die Interpretation deiner Texte betrifft …

Weil ich es natürlich nicht weiß.

Geht es auch darum, dem Zuhörer nicht die eigenen Interpretationsmöglichkeiten zu verbauen?

Ich habe das Gefühl, ein Werk ist immer nur so schön oder hässlich, wie das der Betrachter empfindet. Was ich darüber denke, ist wahrscheinlich gar nicht wichtig.

Stefan Armbruster


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