„Wir düngen nichts, wir lassen es einfach wachsen“


Haben wir uns so in dieser Band geirrt? Interpol haben mit Postpunk gar nichts am Hut. Ihre Schule war der Grunge. Sänger Paul Banks liebt Henry Miller, nicht Sartre, und er hört am liebsten HipHop. Bevor wir also auch nur noch mehr "Mist" über diese Band schreiben, lassen wir lieber Herrn Banks selbst ausführlich zu Wort kommen.

Die vier Männer in Schwarz sehen reichlich müde aus, wie sie da zwischen eingedeckten Tischen für das letzte Fotoshooting des Tages posieren. Müdigkeit und fertiges Aussehen sind zwar wesentliche Kennzeichen einer Band auf Reisen. Aber im Restaurant des Kölner Interconti, das an diesem Samstag im Mai für Interpol gemietet wurde, herrscht eine wirklich außerordentliche Katerstimmung, trotz allgemeiner Kraftlosigkeit, durchdrungen von einer beinahe unangenehmen Anspannung.

Sänger Paul Banks verschwindet nach den Fotos erst mal für längere Zeit aufsein Zimmer. Gitarrist Daniel Kessler und Schlagzeuger Sam Fogarino schlurfen unmotiviert und ziellos durch die Gegend, pendeln zwischen professioneller Pflichtschuldigkeit und offensichtlicher Sehnsucht nach einem weichen Bett. Nur Bassist Carlos Dengler ist guter Dinge: Der ehemals streng gescheitelte Aushänge-Goth der Gruppe hat sich zur Belustigung aller einen langen Rauschebart umgebunden und gefällt sich dieser Tage in der Rolle eines Adeligen aus dem 18. Jahrhundert-komplett mit kunstgewelltem Haar und strengem Schnauzer.

Die Nacht von Interpol war hart. Sogar der Notarzt musste ins Hotel bestellt werden, um Banks‘ ramponierte Stimmbänder zu versorgen. Zuvor hatte die Band in der Kölner „Kulturkirche“ ein exklusives Showcase gespielt, um ihr drittes Album Our Love To Admire live vorzustellen und zu bewerben. Danach wurde ausgiebig im Rose Club zugelangt – an der Theke und am DJ-Pult. Obwohl es eigentlich so gar keinen guten Grund zum Feiern gab: Der Kirchenauftritt war zu einer mittleren Katastrophe geraten. Die unter Denkmalschutz stehende Kirche mit ihren neugotischen Fenstern hätte an diesem Abend eine ideale Kulisse für die düster funkelnde Musik von Interpol abgeben können. Doch die so präzisen Songs der Band ertranken in indifferentem Gitarrengeschrammel, die sonst so durchdringende Stimme von Paul Banks verendete im Soundmatsch, allein sein langer Pony im Gesicht sorgte für würdevolles Restunderstatement. Und wieder war Bassist Carlos D. der Einzige, der nicht unterging: Wie ein Reisender aus einem vergangenen Jahrhundert führte er seinen tief hängenden Bass mit weit aufgerissenen Augen auf der Bühne spazieren, als zeige er einen Kasten mit seltenen Juwelen herum. Es war vor allem schade um die stücke der neuen Platte, die ausgerechnet mit ihrer ungemein klaren Produktion beeindruckt und fast vergessen lässt, dass Interpol eine Band mit zwei Gitarren ist: Von den neuen Songs spielten Interpol das ausladende Eröffnungsstück des Albums „Pioneer To The Falls“, das etwas beiläufige „Mammoth“ und die großartige erste Single-Auskoppelung „The Heinrich Maneuver“, eine bandinterne Hommage an den Interpol-Gitarristen Daniel Kessler mit dem Spitznamen „Heinrich“ und seine eigenartigen Manöver an seinem Instrument.

Auf der Platte zeigen diese Songs – wie auch der Rest des Albums – eine Band, die sich höchst stilvoll und innerhalb ihres eigenen Systems weiterentwickelt hat, die Schattierungen und Nuancen innerhalb der Finsternis aufgespürt hat und reich an Stimmungen ist. Live blieb an diesem Abend nicht viel übrig von der Band, deren Stärke ja eigentlich in eleganter Präzision und dem stetigen Halten einer gewissen Distanz liegt. Doch was macht schon ein schwacher Abend, wenn man so ein gutes neues Album parat hat?

Interpol tauchten 2002 kurz vor Franz Ferdinand auf und galten als die zweite große New Yorker Entdeckung des neuen Jahrtausends. Als arty Gegenstück zu den Jeansträgern The Strokes, die zwei Jahre zuvor die ganze Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatten. Mit ihrem Gesamtkunstwerk aus strengem Styling, wortkargem Auftreten und epischen Songs erinnerten Interpol an eine Zeit, die sowieso viel zu schnell vergangen war, der man entweder hinterhertrauerte oder die man verpasst hatte.

SO Wurden Interpol nach Erscheinen ihres Debüts Turn On The Bright Lights im Jahr 2002 hysterisch als Begründer des Frühachtziger-Punk-und-Wave-Revivals gefeiert und gleichsam gebrandmarkt. Sie waren damit Vorreiter für 8oer-Referenz-Truppen wie die Editors, Bloc Party und Franz Ferdinand. Die Behauptung, dass sich Interpol an Düsterbands wie Joy Division, Bauhaus und Chameleons sowie die New Yorker Postpunk-Helden Television orientiert haben, wurde zur Standardbeschreibung für den Sound der Band.

Auch nach dem folgenden Album ANTICS wurden Interpol rigoros in die Postpunkkiste gepackt und von denjenigen mit Vorwürfen bombardiert, die das Recht der Urheberbands verteidigen wollten und Interpol als Anzug tragenden Abklatsch abtaten. Für Paul Banks und Kollegen ein Gewitter unerwarteter Reaktionen und eine Verbannung in eine Welt, in der sich der Großteil der Band überhaupt nicht auskannte. Die kollektive Fehleinordnung ist immer noch ein Stachel im Fleisch der New Yorker, wie sich beim Interview herausstellen wird.

Als Paul Banks nach seinem Nickerchen etwas verspätet in der Hotel-Bibliothek zum Interview erscheint, hat er sich – einigermaßen tollkühn für einen warmen Frühlingstag – einen dicken Schal tief in den schwarzen Kaschmirpulli gesteckt. Der 29-Jährige sieht aus wie ein englischer Student, der in den letzten Nächten über seiner Lektüre nicht zum Schlafen gekommen ist und schon lange nichts Gesundes mehr gegessen hat. Sein Pony ist nun an die Seite gekämmt, und man schaut in ein hübsches Gesicht mit von dunklen Ringen untermalten, ernsten, aber freundlichen Augen. Banks stellt höflich Kaffee und Wasser bereit, faltet seine üppig beringten Hände und lässt die goldene Uhr am Handgelenk schaukeln. Dem Ruf, ein launischer, bisweilen gar mürrischer Interviewpartner zu sein, wird er heute nicht gerecht. Paul Banks wirkt mehr wie ein junger Lord, der weiß, wie man Gäste empfängt.

Wie hältst du es mit eurem Image als Anzettler des Early-Eighties-Revivals?

Paul Banks: Das fand ich schon immer sehr nervig und frustrierend. Ich halte das für rücksichtslosen Journalismus. Ich verstehe ja, dass man als Schreiber eine Perspektive braucht. Aber es gibt zwei Arten, Interpol mit dem Wave oder Punk der frühen Achtziger in Verbindung zu bringen: Einmal könnte man sagen: „Ihr erinnert mich an diese oder jene Band.“ Und darüber kann man ja diskutieren. Doch was leider viel häufiger passiert und was ich hochgradig respektlos finde, ist, wenn Leute sagen: „Eure Einflüsse sind…“, und dann zählen sie all diese Bands auf. Dann denke ich: Ich allein kann dir von meinen Einflüssen erzählen, du kennst sie nicht. Wenn du denkst, wir klingen wie Band X, dann hat das mit deiner musikalischen Sozialisation zu tun. Mich ärgert es, das immer erklären zu müssen. Mein Gott, ich bin in den USA der Neunziger aufgewachsen! Mich hat Grunge beeinflusst! Ansonsten Hip-Hop und ein bisschen Dylan und Cohen. Es tut mir manchmal schon fast leid, dass die wichtigen Platten meines Lebens nicht besonders einfallsreich sind: Nevermind, Blood Sugar Sex Magic, Ritual De Lo Habitual von Jane’s Addiction, ein bisschen Pixies und Sugar. Das ist alles.

Und was hörst du heute?

Ausschließlich HipHop. Ich mag Rock, aber da ich Musik nur über Kopfhörer höre und richtig zuhören will, reicht mir das nicht. Rockmusik will ich in der Kneipe oder im Club hören, aber das ist nichts zum Drübernachdenken. Genres wie Jazz, Klassik oder Rap haben eine Qualität, mit der man sich beschäftigen kann. Im Rap sind die Texte viel freier, bei Rocksongs weißt du doch schon vorher genau, was du bekommst. Alles, was etwas Neues in die Sprache bringt, ist ein fruchtbares Musikgenre. Rock klingt nicht mehr frisch für mich. Das heißt aber nicht, dass ich Lust hätte, Rap zu machen.

Was ist außerhalb der Musik eine Inspirationsquelle für dich?

Henry Miller ist mein großer Held. Ich kann schlecht erklären, warum er mich so im Herzen trifft. Henry Miller ist ein faste für mich. So wie du ein Lieblingsessen hast, das du einfach nicht begründen kannst. Miller hat ja nicht nur über Sex geschrieben, sondern er redet über das ganze Leben. Und so sehr Sex ein Teil seines Lebens ist, so sehr sind es auch die Leute um ihn herum oder seine Meditationen über Literatur. Und in all diesen Inhalten kann ich mich sehr stark mit Millers Stimme und seiner Seele identifizieren. Er ist in den schwierigen Phasen meines Lebens eine Art spiritueller Begleiter für mich gewesen.

Wo zwischen all diesen Einflüssen stehen Interpol letztlich für dich?

Ich weiß es nicht. Wir suchen jedenfalls keine Inspiration in anderer Musik für unsere Band. Grunge hat mich zwar verschlungen, aber die Musik von Interpol entsteht isoliert. Ich bilde mir auch ein, bei meinem Gesang keine kalkulierten Einflüsse zuzulassen. Wir machen es so:

Daniel hat ein Gitarrenriff, Carlos und Sam und ich machen unseren Kram dazu. Wir leben von dem, was der andere gibt. Wir reagieren aufeinander. Meine musikalische Nahrung hole ich zwar von außen, aus meinem Leben, aber wie das dann in unseren Schreibprozess fließt? Ich habe ehrlich keine Ahnung. Ich arbeite mit dem, was ich von den anderen höre. Mein Stil passt zum Beispiel einfach gut zu Daniels Art, Gitarre zu spielen.

Ihr werdet gemeinhin als düstere Band wahrgenommen. Doch hinter vielen Stimmungen auf der neuen Platte, die oberflächlich düster klingen mögen, uerbirgt sich oft das genaue Gegenteil. Wie balanciert ihr innerhalb eures Band-Kosmos dunkle und helle Stimmungen?

Es ist genau das – Balance. Wir sind mitten im Song und merken vielleicht: „Oh, hier wird’s aber wirklich zu dunkel.“ Da ist definitiv eine Grenze, wenn wir die überschreiten würden, wären wir eine Gothband. Manchmal sind Sachen aber auch zu leichtfüßig. Wir gehen nie zu weit in eine Richtung, aber das wird ganz natürlich ausbalanciert und beeinflusst. Wir besetzen quasi den Platz in der Mitte und nehmen von all diesen Elementen, was immer uns gefällt. Da kommt diese Balance her. Aber wenn es bei Interpol eine musikalische Nähe zum Dunklen, zum Finsteren gibt, dann kommt das weniger vom Wave als vielmehr von unserer Faszination für das Kino. Wir alle sind sehr inspiriert von der Kunst des Kinos. Nimm „Aguirre“ von Werner Herzog mit der Musik von Popol Vuh. Die Stimmung des Films ist so eng mit der Musik verknüpft. Genau diese Ebene: Auf etwas zu schauen und gleichzeitig vom klanglichen Aspekt berührt zu werden – das spricht uns als Band wirklich an. Wir nutzen diese Energie, wenn wir schreiben. Das ist eine atmosphärische Angelegenheit, da ist etwas in der Luft, und dabei entsteht wohl das Dunkle, was die Leute in unserer Musik hören.

Ihr bewegt euch musikalisch in einem engen Rahmen. Gibt es Momente, wo einer von euch sagt: „Das geht zu weit, das ist nicht mehr Interpol!“?

Das gibt es nicht. Wir sind schon offen, was unsere Musik betrifft. Wir könnten auch eine Platte ohne Gitarren machen, wenn wir das wollten. Wir streiten viel über die Angemessenheit von etwas innerhalb eines Songs, aber wir gehen allein danach, ob es uns vieren gefällt. Wenn einer aufgrund persönlichen Geschmacks oder eines Erlebnisses momentan in einer bestimmten Stimmung ist und diese in der Musik pushen will, dann kann er die Gesamtstimmung sicherlich ein wenig beeinflussen. Aber da sind immer die drei anderen, die ihre eigenen Perspektiven haben und die nicht plötzlich auf deine neue Vision aufspringen. Wir sind sehr demokratisch. Wie andere das dann finden, ist uns dann sowieso egal.

So selbstsicher wart ihr anfangs sicherlich nicht…

Nein, es war extrem schwer, an diesen Punkt zu kommen. Am Anfang wurde so viel Mist über uns geschrieben, dass wir lernen mussten, uns davon nicht irritieren zu lassen. Uns wurde klar, dass wir gar nicht mehr zuhören dürfen, dass wir uns abwenden müssen, um mit Interpol weitermachen zu können. Denn die Leute begreifen es ja sowieso nicht, (macht eine Pause, um sich eine Zigarette anzuzünden) Wir haben unsere erste Platte aus einer total naiven Perspektive heraus gemacht. Es war ein Schock für uns, zu lesen, was da alles über uns geschrieben wurde. Uns kannte ja niemand, und wir hatten einfach für uns im Proberaum unseren Sound definiert. Ich war damals gerade 19, als ich anfing, an der Platte zu arbeiten. Du erwartest einfach nicht, dass die Leute dummes Zeug schreiben. Ich dachte ernsthaft, wir würden erst mal nur gelobt. Ich hatte ja überhaupt keine Ahnung, dass dieses ganze Postpunk-Theater kommen würde. Mittlerweile denke ich: Mann, hätte ich früher mal Postpunk gehört.

Was zeichnet das dritte Album aus?

Wir sind keine Band, die vorher sagt: „Okay, diesmal muss es mehr so und so sein.“ Das wäre kontraproduktiv. Die Musik muss natürlich entstehen, wir düngen nichts, wir lassen es einfach wachsen. Bei dieser Platte zeigt sich das besonders, Antics war rückblickend eher der zweite Teil der ersten Platte. Wir hatten keine Pause zwischen Tour und den Aufnahmen. Also haben wir diesmal alle Aktivitäten beendet, um erst mal Ruhe zu gewinnen. Danach sind wir quasi neu als Gruppe zusammengekommen. Auch wenn es innerhalb unseres kleinen Rahmens geschieht: Wir alle wollten uns auf unserem Territorium weiterentwickeln. Ich zum Beispiel bin ein besserer Sänger geworden. Wenn man ehrlich ist, war ich auf der ersten Platte gar keiner, sondern nur der Typ am Mikro. Jetzt würde ich mich tatsächlich hinstellen und sagen: Jawohl, ich bin ein Sänger!

Banks‘ Naivität wirkt so rührend wie authentisch. Vielleicht ist es ja das, was so viele an Interpol begeistert: dass hinter der kühlen Fassade ein stolzes, aufrechtes Herz schlägt, das immer besser vernehmbar wird. Paul Banks, dieser Posingverweigerer, ist ein Außenseiter im Popbetrieb. Was von einem Frontmann erwartet wird, schert ihn wenig. Er glaubt allein an seine Arbeit und an die seiner Kollegen und bewegt sich in einem bewusst eingegrenzten Kosmos. Ob er damit nun schon ein romantischer Anarchist ist oder einfach nur ein bescheidener Typ, der in der Musik seine Nische gefunden hat: Banks hat mit seiner Band die nächste Hürde genommen – mit Our Love To Admire haben Interpol ihr bisher bestes Album gemacht.