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Popkolumne, Folge 86

10 Dinge, die ich beim Rewatch von „(T)Raumschiff Surprise“ gelernt habe – Volkmanns Popwoche im Überblick

von

LOGBUCH KALENDERWOCHE 41/2020

Corona bizarr: Hört man davon, dass die eigene Veranstaltung bis auf den letzten Platz ausverkauft ist, denkt man im Herbst 2020 nicht „Oh Gott, wie geil ist es?“, sondern viel eher „Oh Gott, wir werden alle sterben!“. Zum Glück blieb es bei der Show zu dem Buch „These Girls“ doch bloß bei ersterem. Herausgeberin Juliane Streich las als Icebreaker zu Anfang gleich wieder die Stelle mit dem Kacken und Radio Fritz vor – und bereitete so den Boden für die weiteren Lesenden: Birte Fritsch, Christina Mohr, Britta Tekotte. Ich trank Whiskey Cola und moderierte, keine Neuinfektionen vor Ort. Es gab schon deutlich schlechtere Wochen dieses Jahr…

Quelle: kaput-mag

R.i.P. HERBERT FEUERSTEIN

„Ich bin ein Skeptiker und Zweifler, ich traue meist nicht mal mir selbst.“

Als maßgeblicher Gestalter der deutschen „MAD“-Hefte hat er mehr als einer Generation die trostlosen Seiten der Pubertät versüßt. Und als er Anfang der Neunziger dort den Schreibtisch räumte, ging es erst richtig los. Über „Schmidteinander“ wurde er selbst zum veritablen kleinen TV-Star. Einer der wenigen, den man wirklich immer gern sah. Vor all dem war er übrigens Korrespondent in New York. Ein erfülltes Leben also, wenn man es bisschen gestreckt hätte, hätte man sogar mindestens zwei draus machen können. Trotzdem Scheiße: Jetzt ist Herbert Feuerstein im Alter von 83 gestorben. R.i.P. Red!

REWATCH DER WOCHE: „(T)RAUMSCHIFF SURPRISE – PERIODE EINS“

Ich habe meine Zeit nicht gestohlen und bin ein Mann von Ehre, daher habe ich diesen „Film“ bei Erscheinen (2004) natürlich nicht angeschaut. Für mich existierte das grelle Machwerk nur in unfassbar peinlichen Ausschnitten voll übertuckiger Schwulenklischees, die selbst für Streifen der Marke Hihi-Hetero-Dudes-tragen-Frauenkleider wie „Charlys Tante“ aus dem Jahr 1963 dann doch ZU dämlich gewesen wären. Doch „Wunderkind“ (Quelle: Apotheken-Umschau) Michael „Bully“ Herbig konnte in den Nullerjahren wirklich alles machen. Nach „Der Schuh des Manitu“ galt er als talentiert, witzig und erfolgreich. Dass natürlich ausschließlich letzteres der Wahrheit entsprach, war für den deutschen Film am Ende auch egal. Schließlich war (und ist) jener doch selbst blöd wie Oskar.

Allerdings 2020 nehmen wir 3,89 EURO in die Hand und schauen „(T)Raumschiff Surprise – Periode Eins“ als Stream. Ist er so schrecklich wie erhofft oder doch ein Meilenstein des Prä-Mario-Barth-Humors? Ich verstecke euch die Antwort auf diese Frage in:

10 Dinge, die ich beim Rewatch von „(T)Raumschiff Surprise“ gelernt habe:

  1. Homosexuelle Männer klauen gern den Kuli von anderen, um ihn sich dann sofort in den Hintern zu schieben. Klingt bekloppt? Aber hey, that’s the gay life, friends!
  2. Wenn jemand mit Akzent und/oder hysterischem Dialekt spricht, ist das im deutschen Film bereits Humor.
  3. Macht Stefan Raab einen Film-Soundtrack, kann man sich sicher sein, dass er garantiert wie immer mit seiner (in den 2000ern bereits abgehängten) Funk-Vorliebe aus den Zeiten der Ölkrise aufdudeln wird.
  4. Kennt ihr das noch: Abgeknicktes Handgelenk, den kleinen Finger abspreizen und in einem Singsang „Heiti-Dei“ krähen. Dieses „Heiti-Dei“, machen wir uns nichts vor, steht auf einer Stufe mit Bezeichnungen wie „Spaghettifresser“ – bloß eben auf eine andere Gruppe bezogen. Stefan Raab hielt es allerdings für eine sehr gute Idee, daraus den Refrain für das Titelstücks des Films zu machen. Singt alle mit! Heiti-Dei!
  5. Schwule Identität erschöpft sich ausschließlich in Sexualität. So ist es völlig logisch, dass die Hauptfiguren des Films in einem penisförmigen Raumschiff reisen. Zu reisen ist für Gays anders einfach gar nicht denkbar!
  6. Im amerikanischen Comedy-Verständnis regiert die grundsätzliche Maxime: „It’s all about timing“. Dieser Film hier denkt allerdings „Hold my valium!“… und lässt jeden Witz in quälend langatmigen Szenen erstmal richtig absaufen.
  7. Medizinische Erkenntnis: Pointen in einem Gag-Film, die immer wieder ins Leere gehen, bereiten irgendwann körperliche Schmerzen.
  8. Wenn der Taxifahrer sagt „Wer will hinten rein?“, dann wäre es doch ein Frevel, daraus keinen Mega-Joke zu zimmern, oder?
  9. Til Schweiger kann gar nicht so toll schauspielern.
  10. Doch selbst wenn man das schon wusste, ist man dennoch überrascht beim Anschauen von „(T)Raumschiff Surprise“, wie schlimm es wirklich um seine Fähigkeiten bestellt ist.

SERIE DER WOCHE: „ROHWEDDER – EINIGKEIT UND MORD UND FREIHEIT“

Ein spannender Who-Dunnit-Krimi nach einer wahren Begebenheit! Der grumpy Treuhand-Lulatsch Detlev „Carsten“ Rohwedder wurde kurz nach der Wende ermordet, während er aus der DDR einen Tante-Emma-Laden für den verwöhnten Kapitalisten bastelte. Waren es die unsichtbaren Terrorhäschen der dritten Generation der RAF, oder traurige Troll-Brigaden der entlassenen Stasi-Herden oder doch Väterchen Verfassungsschutz? Dieser verfilmte True-Crime-Podcast hat natürlich keine Antworten, aber stellt spannende Fragen und hat Bildmaterial aus der Tagesschau von damals. Infotainment für Kenner*innen!


DAS KLEINSTE INTERVIEW DER WOCHE: ELLA CARINA WERNER

Ein Buch, bei dem man lachen muss, ist viel wert. Bei diesem Buch hier, das aus handgestoppten 33 Kurzgeschichten besteht, habe ich bei wirklich jedem Absatz gelacht, es ist also quasi unbezahlbar und stammt von der Titanic-Redakteurin Ella Carina Werner (#Hamburg). Man sollte sich, wie man es in den 90er-Jahren mit Simpson-Zitaten tat, in diesem Jahrzehnt jetzt bloß noch in Gags aus diesem Buch unterhalten. „Wer am Steuer sitzt, darf keinen Alkohol trinken, außer im Tretboot“ … ich meine, wie verheißungsvoll kann eine Kurzgeschichte denn noch losgehen?

Ella, wie hast Du den Quasi-Lockdown Anfang des Jahres erlebt, was war gut, was schlimm?

ELLA CARINA WERNER: Anfangs habe ich ein paar Wochen reagiert wie die coolen Schweden: „Alles halb so wild …“ Wäre ich Bundeskanzlerin dieses Landes, hätte das wohl ein paar mehr Menschenleben gekostet… Und schlimm fand ich, mitanzusehen, dass alle Kultureinrichtungen – gerade die kleinen, privaten Veranstalter – schließen, viele befreundete Bühnenkünstler Hartz IV beantragen mussten. Und dass sich diese Situation bislang kaum gebessert hat, sich die Politik wenig darum schert. Gut war, im Lockdown endlich einem alten Laster nachgehen zu können und 1000- bis 2000-Teile-Puzzles zusammenzuzimmern. Und dass ich bald eines dieser schon jetzt sagenumwobenen „Lockdown-Babys“ bekomme, von denen in den Medien öfter mal die Rede ist.

Dein Buch ist Fanny Müller gewidmet. Eine der ganz wenigen Frauen, die in den 90ern im Satire-Kosmos rund um Titanic auftauchte. Wie ist deine Beziehung zu ihr?

Ich bin totales Fangirl: Fanny Müller ist für mich eines der wichtigsten Vorbilder in Sachen Humor und Satire. Sie ist Meisterin des trockenen Humors, der schnodderigen Alltagsgeschichten. Auch biografisch empfinde ich eine große Nähe, weil sie, wie ich, in Hamburg gelebt hat und ebenfalls für „Titanic“ und „taz“ geschrieben hat. Persönlich kennengelernt haben wir uns leider nicht mehr, aber wir hatten vor ihrem Tod im Jahr 2016 noch netten E-Mail-Kontakt. Leider gerät sie derzeit ein bisschen in Vergessenheit. Vielleicht auch, weil sie als Autorin so uneitel war und sich um Erfolg nicht groß geschert hat. Mit der Widmung möchte ich möglichst viele Menschen an sie erinnern bzw. überhaupt auf sie aufmerksam machen.

„Immer wenn ein Handwerker in meine Wohnung kommt, habe ich Angst, dass er denkt, ich wolle mit ihm schlafen.“ Dein Buch ist ein unerschöpfliches Panoptikum von unterhaltsam aufbereiteten Zwangsgedanken. Wie ist da das Verhältnis von ausgedacht zu einfach aus dem eigenen Alltag notiert?

Also, diesen Gedanken habe ich wirklich bei jedem (jungen) Handwerker – so wie mindestens 50 Prozent aller anderen Frauen auch. Das weiß ich, weil mich viele Frauen nach Lesungen verschämt darauf ansprechen. Die lustigsten Neurosen sind ja überhaupt fast immer die eigenen: Ob die Angst vor zu jungen Frauenärzten, oder davor, gesellschaftlich auf der „falschen Seite“ zu stehen, bei den privilegierten Arschlöchern und Gentrifizierern. Oder auch die immer bange Frage, was die Algorithmen beim Herumgoogeln jetzt wieder von mir denken. Die Geschichten, die ich dann drum herum stricke, fabulieren sich dann aber oft selbständig weiter, durchaus mal über die Realität hinaus.

MEME DER WOCHE

„GUILTY OR PLEASURE“-SPEZIAL: DIE AUSZÄHLUNG

Mittlerweile ist diese kleine Rubrik ja bei der Laufnummer 16 angekommen und es gibt immer noch so viele 90er-Trash-Acts, die unbedingt noch mal durch die Manege geführt werden müssen! Auf Instagram habe ich nun von der Community die ersten 15 bewerten lassen. Was ist eher guilty (scheiße) oder doch pleasure (gar nicht schlecht)?

So sieht die Zwischenbilanz* damit aus:

  1. Coolio (70/30)
  2. Whigfield (66/34)
  3. Bush (65/35)
  4. Crash Test Dummies (59/41)
  5. Liquido (57/43)
  6. Marusha (52/48)
  7. Sin With Sebastian (46/54)
  8. Aqua (44/56)
  9. H-Blockx (40/60)
  10. Technohead (39/61)
  11. The Bates (38/62)
  12. Mister Ed Jumps The Gun (36/64)
  13. Fritten und Bier (30/70)
  14. Mark ‚Oh (28/72)
  15. Dolls United (23/77)

*In Klammern das prozentuale Verhältnis zwischen PLEASURE und GUILTY

GUILTY OR PLEASURE (90S-EDITION, PT.16): DEEP BLUE SOMETHING

Die Sache ist ganz einfach: Ein verhaltensauffälliger Act aus dem Trash-Kanon der 90er wird noch mal abgecheckt. Geil or fail? Urteilt selbst!

FOLGE 16: Deep Blue Something

HERKUNFT: Texas
GENRE: Alternative Rock
DISKOGRAPHIE:
4 Studioalben
ERFOLGE: Eine Platin-Schallpatte in England für BREAKFAST AT TIFFANY’S und eine goldene in den USA für das dazugehörige zweite Album HOME.
TRIVIA: Sänger Todd Pipes büßte mit dem Durchbruch seiner Band den Job ein. Als Lehrer in einer christlichen Privatschule in Denton, Texas war er als „Rockstar“ nicht mehr tragbar.

PRO
Der hübsche Song ist ein unglaublicher Ohrwurm, das Video mit dem vornehmen Picknick in Manhattan hat sich visuell in eine Generation eingebrannt. Wie viel mehr will man von einem One-Hit-Wonder verlangen?

CONTRA
Mit „Breakfast At Tiffany’s“ hat die Band sehr bewusst versucht einen Hit zu schreiben. Als dies gelungen war, haderten sie allerdings in Interviews stets damit, das Publikum würde gar nicht ihren wahren Sound kapieren. Denn jener sei viel krachiger und tiefschürfender. Ein bisschen tragisch, oder? Entweder man will Hit und schnellen Fame oder künstlerische Integrität. Wer am Schluss unzufrieden ist, dass beides nicht geht, hat was falsch gemacht.

P.S.:
Die nächste Folge des Musikexpress-Podcasts „Never Forget“ über die 90er behandelt übrigens das Thema One-Hit-Wonder. Da hätten Deep Blue Something auch zu Gast sein können, stattdessen darf man sich allerdings freuen auf Luci van Org… „Weil ich’n Mädchen bin“.

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

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