Hirnflimmern

Cringe der Macht: Warum Elon Musks Lachen zu den schlimmsten Geräuschen der Welt gehört

von
Josef Winkler
Josef Winkler

Nun stellen Sie sich das vor: Marschiert hier vorhin ein Klimaaktivist rein und kippt einen Teller Kürbissuppe über meine PET-SOUNDS-LP, die ich gottlob hinter Glas aufbewahre. Nein, nur Spaß! Natürlich in einer normalen LP-Plastikhülle. Prust! Ja, sorry, ich darf wohl auch mal einen Opa-Joke machen über die „radikalen“ Klimaproteste, die momentan für so viel – aber letztlich wohl doch wieder nicht genug – Aufregung sorgen und mit denen ich mich übrigens voll solidarisiere.

Aber was haben Kunstwerke mit CO2 zu tun?, fragt der besorgte Kulturbürger. Was kann der Van Gogh für unsere Erderhitzung? Tja – wenig. Aber er muss jetzt herhalten, vielleicht ist es für IRGENDwas gut. Ich kann ja z.B. auch nix dafür, dass mein Sohn Survivor hört, aber muss damit jetzt klarkommen. Ja, Survivor – it’s a YouTube thing. Und meine Tochter liest Survival-Handbücher. Da kann man jetzt überlegen, wer von den beiden näher am Puls der Zeit ist, in the year 2022.

Gerben mit Hirnmasse – ist das noch Pop?

Wussten Sie, dass alle Säugetiere außer Büffel genug Hirn haben, um ihre eigene Haut zu gerben? Also, nicht mittels einer speziellen Denkleistung – sondern man nimmt halt das Hirn, schmiert’s auf die abgezogene Haut, und dann gerbt die. Nur bei Büffeln ist das Hirn zu klein resp. das Fell zu groß. Dafür sind wir Menschen so brainy, dass man mit einer Birnevoll von uns wohl zwei Büffel gerben könnte – aber nicht genug, um auf den Weltklimarat zu hören.

Ja, stimmt, das ist ein bissl grauslig jetzt. Gerben mit Hirnmasse – ist das noch Pop? Und so kurz vor Weihnachten! Aber wo wir schon beim Ekeln sind – wir sind ja hier beim ME alles sensitive Hörer*innen, und ich wollte Sie mal fragen, ob es Ihnen da ähnlich geht: Wenn ich Mark Zuckerberg sprechen höre, es reicht schon dieses oft gesendete Soundbite „Facebook is now Meta“, dann dreht sich in mir alles um, dann möchte ich auseinanderflitschen wie das Monster in „The Thing“, dann stülpt sich mir das Innerste nach außen. Also: gefühlt. Oder wenn ich das Lachen von Lord Of The Cringe Elon Musk höre. Oder das allerschlimmste Geräusch der Welt: die Lache von Jeff Bezos. That awful sound.

Jetzt merken Feinfühlige, die ihren Fritz Rau noch by heart haben („it’s the singer, not the song“), an, dass hier freilich wohl nicht die Lachen das Problem sind, sondern die Lacher. Die Lachenden. Weil die dabei sind, kraft ihres Reichtums unser Klima, unsere Kultur, Natur, Demokratien etc. zu zerstören und jetzt sogar noch Mittelerde versaubeuteln, kommt auch ihr Lachen nicht so ansteckend rüber.

Wie gesagt: Wir hören hier lieber Survivor, solange es noch Tigeraugen gibt. Und einen der schönsten Klänge, die die Welt kennenlernen durfte: den Zwiegesang von Mimi Parker und ihrem Mann Alan Sparhawk. Mimi Parker musste im November mit 55 Jahren sterben, man – ich jedenfalls – könnte rasen vor Schmerz und Wut über die Ungerechtigkeit der Welt. Oder man hört die „Christmas EP“ von Low. Oder beides.

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 01/2023.


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