Filmbranche

Das angebliche Ende der Originalität: Warum die Reboot-Culture in Hollywood boomt

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Das erste Gefühl, das sich bei der Autorin dieses Textes einstellte, als der Disney-Konzern im Dezember seinen Plan für die nächsten Jahre vorstellte und gleich zehn neue „Star Wars“-Serien ankündigte, kann gut und gerne als pure Erschöpfung beschrieben werden. Wie auch nicht? Seit Beginn der 2010er-Jahre jagen uns die großen Studios Spin-Offs, Reboots, Remakes, Revivals und Sequels mit solch einer Geschwindigkeit um die Ohren, dass man die Hälfte davon überhaupt nicht mitkriegt – oder schlicht verdrängt. Bedingungslose Fan-Liebe eines Franchises steht im ständigen Kampf mit Kulturpessimist*innen, die Reboots als das Ende des modernen Kinos deklarieren. Die Wahrheit? Liegt irgendwo dazwischen. „Game of Thrones“ war ein Welterfolg; schon werden drei neue Spin-off-Serien entworfen. Disney arbeitet daran, alle ihre Zeichentrick-Klassiker für eine „neue Generation“ in Live-Action aufzubereiten. Und Marvel – der Carsten Maschmeyer unter den Studios – plant aktuell 14 neue Filme, vier davon kommen alleine schon dieses Jahr ins Kino. „Deadpool 3“, „Black Panther 2“, die ungefähr achte „Spider Man“-Verfilmung – warum möchten wir das alles noch sehen? Und (etwas spitzer formuliert): Bedeuten Reboots das Ende der Originalität?

Neuverfilmungen sind in Hollywood längst kein neues Phänomen mehr – und für viele Klassiker wie „Scarface“ verantwortlich

Zunächst muss einmal klargestellt werden, dass Neuverfilmungen oder -interpretationen von Klassikern in Hollywood kein neues Phänomen ist. Mehr noch: Bei einigen der besten Werke aus der Filmschmiede handelt es sich um Reboots. Man denke nur an „Scarface“ (1983), der auf Howard Hawks Film aus dem Jahr 1932 basiert, oder „True Grit“ (2013), der in der Version der Coen-Brüder das Original aus dem Jahr 1969 um Weiten übersteigt. Auch Martin Scorseses hochgelobter Thriller „The Departed – Unter Feinden“ (2006) ist eine Neuverfilmung des Hong Konger Gangsterepos „Infernal Affairs“ (2002). Fiktive oder historische Figuren wie Cleopatra, Sherlock Holmes oder King Kong wurden bereits Anfang des 20. Jahrhunderts mehrfach filmisch umgesetzt. Reboots und Remakes gehören in Hollywood also seit jeher dazu.

Woher kommt aber der Hype, den Neuverfilmungen seit einem Jahrzehnt erleben? Ein Mitarbeiter von „Paramount Pictures“ schreibt in einem Blogeintrag: „Die 90er Jahre waren das Jahrzehnt des Originaldrehbuchs. Wir hatten originelle Filme, die auf der Fantasie der Autor*innen basierten, wie „Thelma und Louise“, „American Beauty“, „Face/Off“, „ConAir“ usw. (…) Im Jahr 1995 wurden 173 Originaldrehbücher verkauft. Im Jahr 2010 waren es nur noch 55.“ Der Grund für diese Entwicklung ist simpel: Adaptiertes Filmmaterial mit einer bereits etablierten Fan-Base bietet wesentlich mehr finanzielle Sicherheit als originelle, neue Ideen.

Auch der Popkultur-Experte Walt Hickey weist auf das finanzielle Risiko von Originalinhalten hin. Im Gespräch mit ABC News sagt er: „Medienkonglomerate stecken eine Menge Geld in die Produktion von Pilotfilmen, die den Leuten vielleicht nicht gefallen. Und sie verlieren jedes Mal Geld, wenn das nicht der Fall ist, was meistens der Fall ist, weil erfolgreiche TV-Shows und Filme extrem selten sind.“ Die risikoaverse Strategie der Filmfirmen hat jedoch noch einen weiteren Grund: Wie Hickey erklärt, ist es heutzutage auch deutlich schwieriger, Menschen überhaupt ins Kino zu bekommen. So habe sich der durchschnittliche Preis für ein Kinoticket in den USA laut „Box Office Mojo“ innerhalb des vergangenen Jahrzehnts um fast 30 Prozent erhöht – Tendenz steigend. „Sie (die Filmstudios, Anm. d. Red.) verlangen von den Zuschauern auch zwei Stunden ihres Lebens. Diese Forderung ist nicht einfach“, erklärt Hickey. „Sie haben herausgefunden, dass es jedoch etwas einfacher ist, wenn man sagt: ‚Hey, erinnerst du dich an die Sache, die dir gefallen hat? Dieses neue Projekt enthält einige Elemente aus dieser Sache, die du mochtest.’“

Unter den zehn erfolgreichsten Filmen weltweit finden sich nur zwei Originalgeschichten

Walt Hickeys Einschätzung lässt sich auch anhand von Daten bestätigen: Unter den zehn erfolgreichsten Filmen weltweit finden sich bloß zwei Originalgeschichten – „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ (2009) und „Titanic“ (1997). Wenn man die beiden überhaupt als „Originale“ durchgehen lassen kann – bei „Avatar“ handelt es sich um eine ziemlich simple Abwandlung des „Pocahontas“-Geschichtsmythos und „Titanic“ basiert auf einem historischen Schiffsunglück. Ansonsten sieht die Liste noch einseitiger aus: Neben drei „Avengers“-Filmen finden sich sonst noch „Die Eiskönigin II“ (2019), „Fast & Furious 7“ (2015), die Neuverfilmung von „König der Löwen“ (2019), „Jurassic World“ (2015) und „Star Wars: Das Erwachen der Macht“ (2015) in der Tabelle wieder. Dass viele Cineasten bei diesen Daten jetzt klagend den Finger Richtung Hollywood heben und die Studios für die Reboot-Übermacht der Filmwelt verantwortlich machen, ist mehr als verständlich. Jedoch darf auch nicht vergessen werden, dass sich Angebot und Nachfrage immer gegenseitig bedingen. Und solange ein Film wie „Avengers: Endgame“ mehr als 2 Milliarden US-Dollar einnimmt, sollte demnach viel eher die Frage gestellt werden: Warum schauen wir uns das alles überhaupt noch an? Und haben wir irgendwann genug?

Leider kommen wir an dieser Stelle nicht drum herum, den Urgroßvater unter den Kulturpessimist*innen aus dem Archiv zu kramen: Theodor W. Adorno. Der bekannte Soziologe und Mitbegründer der Frankfurter Schule veröffentlichte im Jahr 1944 eine Sammlung an Essays mit seinem langjährigen Kollegen Max Horkheimer, in der ein Kapitel den Titel „Kulturindustrie – Aufklärung als Massenbetrug“ trägt. Darin stellt Adorno die These auf, dass alles an Kultur zur Gebrauchsware geworden wäre und sich nur noch über ihren ökonomischen, nicht künstlerischen Wert definiere. Laut Adorno und Horkheimer kontrolliert die Kulturindustrie die Konsument*innen mittels Manipulation, in dem sie die Menschen mit oberflächlichen Nichtigkeiten speist, die keinerlei Anspruch haben und somit den Konsument*innen keine Energie abverlangen. Denn in einer leistungsgeprägten Gesellschaft bedeutet Freizeit vor allem eines: Entspannung für Körper und Geist. Und was liegt da näher, als anspruchsvolle „Hochkultur“ durch leichte und gut verdauliche Unterhaltung zu ersetzen? Eben.

Theodor Adorno hin oder her: Kulturpessimismus ist nur die eine Seite der Medaille

Zwar wird Adornos kulturkritische Haltung aus heutiger Perspektive oft (und zurecht!) als pessimistisch abgestempelt – seine Einschätzung hinsichtlich Massenkultur und Kulturindustrie sind jedoch auch nach etwa 75 Jahren gruselig aktuell. Netflix, Amazon Prime Video oder Disney+ produzieren neue Serienformate in einem Schwung – und wir lassen uns davon berieseln. Selbst neue Musik auf Spotify suchen? Warum denn, wenn es den super Algorithmus des „Mix der Woche“ gibt?

Trotz unzähliger Analogien ist Adornos These jedoch auch nur die eine Seite der Medaille: Wie jede Industrie ist auch die Filmindustrie ein fluides Konstrukt, das sich stets weiterentwickelt und verformt. Entwicklungen prägen und verändern die Interessen und Präferenzen einer Gesellschaft – und damit auch die Filmwelt. Wie und vor allem was die Filmstudios produzieren und in Auftrag geben, entscheidet somit letztendlich das Publikum. Wer sich also bei den abertausenden Reboots, Remakes und Spin-Offs verzweifelt an den Kopf fasst, kann eher gespannt nach vorne blicken: Die Veränderung wird kommen. Neue Trends werden alte ablösen. Auch wenn es dafür vielleicht noch hundert „Avengers“-Filme braucht.


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