Kommentar

Das Urteil gegen R. Kelly ist ein Triumph – aber es reicht nicht

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Es ist ein historischer Tag für die #MeToo-Bewegung: Nach einem sechs Wochen andauernden Gerichtsprozess wurde der R’n’B-Superstar R. Kelly in neun Fällen schuldig gesprochen. Nun wartet eine jahrzehntelange Haftstrafe auf den 54-Jährigen – womöglich sogar lebenslänglich. Der Schuldspruch löst ein kollektives Aufatmen aus: Der Mann, der über dreißig Jahre hinweg (teilweise minderjährige) Frauen missbraucht, vergewaltigt, festgehalten und gegen ihren Willen beim Sex gefilmt hat, bekommt endlich seine langverdiente Strafe.

Doch zu der großen Erleichterung, die sich nun bei Kellys Opfern oder jeder weiblich gelesenen Person, die schon einmal sexuelle Übergriffe erlebt hat, einstellen mag, mischt sich ein bitterer Beigeschmack: Denn die Frage danach, wie viel Mitschuld die Musikbranche trägt, die einen Sexualstraftäter jahrzehntelang gedeckt und unterstützt hat, ist nach wie vor nicht geklärt.

Es geht hier nicht nur um R. Kelly

Sänger R. Kelly erreicht das Leighton Criminal Courts Gebäude für dessen Anhörung am 26. Juni 2019 in Chicago, Illinois (USA). (Photo by Scott Olson/Getty Images)

Wie kann es sein, dass R. Kelly trotz seines Treibens jahrzehntelang unantastbar geblieben ist? Dass seine Entourage, die sich über das missbräuchliche Verhalten ihres Chefs stets im Klaren war, nicht an die Öffentlichkeit gegangen ist – aus Angst vor dessen Zorn? Dass Künstler:innen wie Lady Gaga und Drake bis zuletzt mit dem Star („I Believe I Can Fly“) zusammengearbeitet haben?

Die Mechanismen, die sich dahinter verbergen, sind – Überraschung! – struktureller Natur. Es geht hier nicht nur um das Individuum R. Kelly. Es geht um eine Branche, die für verkaufte Tonträger und Streaming-Klicks problematisches und sogar kriminelles Verhalten in Kauf nimmt. Das zeigte sich auch bei den Offenbarungen rund um „Schockrocker“ Marilyn Manson, der ebenfalls seit vielen Jahren mit dem mutmaßlichen Missbrauch von Frauen davon gekommen war. Oder bei den Anschuldigungen der The-Regrettes-Sängerin Lydia Night gegen den Sohn des Green-Day-Frontmanns Billie Joe Armstrongdie zahlreiche Fälle des Missbrauchs, Fehlverhaltens und Vertuschung des Indie-Labels „Burger Records“ ans Licht brachten.

Wer sagt, Social Media sei kein geeigneter Ort für Schuldzuweisungen, hat die Tragweite des Problems nicht verstanden

Die besondere Tragik dahinter: Bei all diesen Fällen des systematischen Missbrauchs ist es stets eine einzelne Frau, die ihre traumatischen Erlebnisse mit der Öffentlichkeit teilen muss, um überhaupt gehört zu werden. Im Februar 2020 teilte Evan Rachel Wood den Namen ihres Peinigers auf Instagram – und innerhalb weniger Monate meldeten sich zehn weitere Frauen, die Marilyn Manson des Missbrauchs bezichtigten. Die Influencerin Nika Irani löste noch in diesem Jahr auf Social Media mit ihren Missbrauchsvorwürfen gegen einen prominenten Rapper eine Debatte über Sexismus im Deutschrap aus. Sie ist bis heute Opfer von Hassnachrichten und Morddrohungen. Doch wer sagt, Social Media sei kein geeigneter Ort für Schuldzuweisungen und Missbrauchsvorwürfe, hat die Tragweite des Problems nicht verstanden. Denn was sagt es über unsere Gesellschaft aus, wenn das Internet – voller Bots, Hassnachrichten und Fake News – zu einem sichereren Ort für Missbrauchsopfer geworden ist als ein Polizeipräsidium?

Es bleibt ein Gefühl der Wut und Frustration zurück

Und hier liegt die Crux. Denn wie kann es sein, dass von den Opfern erwartet wird, dass sie selbst für Gerechtigkeit kämpfen und die Täter zu Fall bringen – wenn ihnen selbst kein Gehör geschenkt wird? Das beweist der Fall R. Kelly aufs Neue: Seit mehr als 25 Jahren liegen Anzeigen gegen den Musiker vor – und doch wurde er nie dafür belangt. Bereits im Jahr 1994 missbrauchte der Musiker die damals 15-jährige R’n’B-Sängerin Aaliyah, später die Praktikantin eines Radiosenders. Und schon im Jahr 2010 stand der Musiker wegen Herstellung von Kinderpornographie vor Gericht. Er nahm weiterhin Alben auf, arbeitete mit Künstler:innen wie Snoop DoggBeyoncé und T-Pain zusammen. Seit 2010 – dem Jahr seines Gerichtsprozess gegen Kinderpornographie – wird jedes Jahr im März der „International R. Kelly Day“ gefeiert. Weitere drei Jahre später kürte das HipHop-Magazin „Vibe“ Kelly als „größtes Musikgenie der letzten 20 Jahre“. Man fragt sich, wie viele Taten hätten verhindert werden können, hätte man ihn früher gestoppt. Und so bleibt ein Gefühl der Wut und Frustration zurück – trotz des triumphalen Urteils gegen einen schlimmen Serientäter aus der Musikbranche.

Die Last der Aufklärung darf nicht mehr auf den Schultern der Opfer gelegt werden

Kelly soll den Schuldspruch in einen blauen Anzug und mit ausdruckslosem Gesicht aufgenommen haben. Die Jury hatte ihr Urteil nach nur neun Stunden bekannt gegeben – eine Rekordzeit für solch einen komplexen und umfangreichen Fall. „Ich bin seit 47 Jahren als Anwältin tätig“, sagte Gloria Allred, die bereits Betroffene bei den Gerichtsprozessen gegen Harvey Weinstein und Bill Cosby vertreten hat. „Von all den Sexualstraftätern, die ich verfolgt habe, ist Mr. Kelly der schlimmste.“ Doch um für weniger Machtmissbrauch in der Kulturindustrie zu sorgen, bedarf es mehr als einen einzelnen Schuldspruch. Es braucht mehr (männliche) Solidarität mit den (meist weiblichen) Opfern, es braucht Komitees und Task Forces, die strukturellen Sexismus und Missbrauch aufdecken und öffentlich machen. Prominenz darf kein Freifahrtsschein mehr sein. Und vor allem darf die Last der Aufklärung nicht mehr auf den Schultern der Opfer gelegt werden. Bis das passiert, ist das Urteil gegen R. Kelly zwar ein Triumph für die #MeToo-Bewegung und alle Missbrauchsopfer weltweit – und doch nur ein kleiner Schritt in die richtige Richtung.

Scott Olson Getty Images

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