Die Bosse des K-Pop (4): Bang Si-hyuk, BTS und Big Hit

Für viele ist Bang Si-hjyuk der sympathischste aller K-Pop-Bosse, was vor allem daran liegt, dass er mit seinem ersten und erfolgreichsten Bandprojekt BTS ziemlich down ist. Es gibt zahlreiche Instagram- und Paparazzi-Fotos, auf denen man sieht, wie er privat mit den BTS-Mitgliedern RM, J-Hope oder Jin abhängt. Als Bang am 9. August Geburtstag hatte, rief Jin ihn zum Beispiel inmitten eines Livestreams an, gratulierte ihm und fragte, ob Bang nicht auf einen Drink rumkommen wollte. Bang war ehrlich und verriet dem amüsierten Online-Publikum, dass er schon im Bett liege. In einem früheren Interview-Stream für die HYBE-eigene Webplattform Weverse erzählte Jin außerdem mal: „Viele im Büro denken, dass Bang unnahbar wäre, aber so habe ich ihn nie erlebt. Einmal fragte ich ihn spontan, als wir uns auf dem Flur trafen, ob er mal Lust auf ein Essen oder einen Drink hätte. Und Bang sagte sofort: ‚Gerne, wann hast du Zeit?’“ So habe man sich für den kommenden Tag verabredet.

Natürlich gehört es im K-Pop dazu, dass sich die Bosse gerne als Vertraute ihrer Künstlerinnen und Künstler inszenieren, aber im Falle von Bang Si-hyuk, der auch als Bang PD oder „Hitman“ Bang in der Branche bekannt ist, wirken diese Bilder und Szenen oft bedeutend natürlicher als zum Beispiel bei Lee Soo-man von SM Entertainment. Außerdem setzt Bang trotz seiner immensen Erfolge immer noch auf ein gesundes Understatement. In einem Interview mit dem „Time Magazine“ 2019 sagt er zum Beispiel: „Ich glaube wirklich daran, dass der Erfolg von BTS in Amerika viel mit Glück zu tun hatte. Es lag nicht an meiner ach so brillanten Strategie oder daran, dass BTS so perfekt in den US-Markt passten.“

 

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Milliardär und „Content Creator“

Bevor wir ein wenig genauer auf das Leben von Bang Si-hyuk schauen, sollten wir einen kurzen Blick auf sein aktuelles Standing werfen. Bang gilt heute als eine der Lichtgestalten der K-Pop-Industrie. In der aktuellen „Forbes“-Liste der 50 reichsten Südkoreaner*innen belegt er den 16. Platz, mit einem geschätzten Vermögen von 2,7 Milliarden US-Dollar. Daran ist vor allem sein Börsengang im vergangenen Jahr „Schuld“. Als er Big Hit Entertainment 2020 an die Börse brachte – mittlerweile firmiert die Aktie unter HYBE –, verdoppelte sich der Aktienwert innerhalb kurzer Zeit. Bang kaufte außerdem Ithaca Holdings und damit die Firmen des Musikbranchenmoguls Scooter Braun, der zum Beispiel Justin Bieber, Ariana Grande, Psy, Carly Rae Jepsen, Dan + Shay, Zac Brown Band, Kanye West und Demi Lovato vertritt – und der außerdem der Grund ist, warum Taylor Swift gerade all ihre Alben noch einmal neu aufnimmt.

Trotz allem sieht Bang sich lieber als „Content Creator“ – eine Formulierung, die er in vielen seiner seltenen Interviews unterbringt. Diesen Sommer machte er Park Ji-won zum CEO von HYBE, ein international versierter Geschäftsmann, der lange Zeit CEO beim Game-Entwickler Nexon Korea war und seit Mai 2020 für Big Hit arbeitet. Bang hat zwar weiterhin den Vorstandsvorsitz und bleibt nicht zuletzt wegen seiner Anteile eine gewichtige Stimme, will sich aber mehr auf die Produktion der Musik und Videos seiner Bands konzentrieren – zu denen neben BTS auch TXT und in diversen Label-Kooperation Enhypen, Seventeen, Fromis_9 und viele andere zählen.

Lieber Künstler als Anwalt

Bang Si-hyuk wurde am 9. August 1972 geboren und bekam die künstlerische Neugier vermutlich von seiner Mutter in die Wiege gelegt. Sie galt als Intellektuelle der Familie, hatte an der Seoul National University englische Literatur studiert, liebte Musik und brachte ihren Sohn früh in Kontakt mit dieser Leidenschaft. Sein Vater war lange Jahre Vorsitzender des Korea Workers‘ Compensation & Welfare Service. Vom Vater, oder vom Großvater – hier gehen die Meinungen auseinander – kam der Wunsch, Bang Si-hyuk solle Jura studieren. Was er zunächst auch tat – das Studium aber zugunsten einer Karriere als Musikproduzent und Songwriter aufgab. Bang Si-hyuks Liebe zur Literatur wurde später sogar im Werk von BTS sichtbar. Da Bang großer Fan der Science-Fiction-Autorin Ursula K. Le Guin war, inszenierte er zum Beispiel das Video zum Song „Spring Day“ als Hommage an die Short Story „The Ones Who Walk Away From Omelas“. Bang Si-hyuks Liebe zur Musik ist noch heute in seinen Interviews spürbar – er machte sie gar zur obersten Philosphie seiner Unternehmensführung. In einem Interview von 2018 im Magazin „The Dissolve“ sagte er zum Beispiel: „Ich will nicht mit jemandem zusammenarbeiten, der bloß ein Entertainer sein will und die Musik als Mittel zum Zweck sieht, um dieses Ziel zu erreichen. Ich will da Prioritäten setzen: Es ist nämlich ein großer Unterschied, wenn du Musik liebst und durch sie berühmt wirst.“

Die Jahre als „Hitman“ bei JYP

In seiner College-Zeit in den 90ern kreuzte sich der Weg Bangs zum ersten Mal mit einem weiteren K-Pop-Boss: Park Jin-young, der später JYP Entertainment gründen sollte. Einer der ersten gemeinsamen Erfolge war die Band g.o.d, bei der Bang und Park zum Beispiel den Song „Road“ schrieben, produzierten und arrangierten. Als g.o.d Anfang der Nullerjahre in Südkorea große Erfolge einfuhren, galten die beiden als Hitmaker – und Bang bekam in dieser Zeit den Moniker „Hitman“. Bang produziert später auch Songs für Wonder Girls und 2AM. Im Jahr 2005 wagte Bang dann den Schritt zur eigenen, anfangs recht kleinen Produktionsfirma Big Hit, bei der er nicht nur Geschäftsführer war, sondern auch Songwriter, Komponist und Produzent. Auch wenn seine Labels heute zu den erfolgreichsten Produktionsfirmen im K-Pop zählen, startete er quasi als Underdog – und wohl kaum jemand hätte gedacht, dass Big Hit mal einen ähnlichen Status haben würde wie die sogeannnten „Big Three“ des K-Pop: JYP, SM und YG.

Die Anfänge von BTS und Big Hit

In einem späteren Interview erzählte Bang einmal, dass er in den nächsten Jahren teilweise so wenig Arbeit gehabt habe, dass er manchmal nur ins Büro ging, um auf der Firmeneigenen Nintendo Wii Tennis zu zocken. 2007 signte er als erste Big Hit Band das Gesangstrio 8Eight, 2010 schloss er gemeinsam mit seinem alten Arbeitgeber einen Management-Vertrag mit der Band 2AM, für die er ja bereits Songs geschrieben hatte. Aber 2013 war auch das Jahr, in dem jene Band ihren Anfang nahm, die später als Bangtan Sonyeondan, Bangtan Boys oder besser BTS Musikgeschichte schreiben sollte. Der Bandleader RM war der erste, den Bang in seine Firma holte. Im Interview mit dem „Time Magazine“ erzählte Bang: „Einer unser Produzenten, Pdogg, gab mir RMs Demo-Tape und sagte zu mir: ‚Das hören die Kids heutzutage.‘ RM war damals 15. Ich habe ihn sofort unter Vertrag genommen. Ich wollte eigentlich eine Hip-Hop Crew gründen und keine Idol Band. Aber als ich mir das K-Pop Business genauer anschaute, dachte ich, dass ein Idol-Model mehr Sinn machen würde. Viele Idols, die ich zuvor gesignt hatte, wollten das nicht und verließen meine Firma wieder, weil sie auf eine Rap-Karriere setzen wollten. RM, Suga und J-Hope blieben jedoch und wurden die Basis von BTS. Danach suchten und fanden wir Talente, die eher die Idol Qualitäten mit in die Gruppe brachten.“ Ihr Debüt als Idol-Band erfolgte schließlich am 13. Juni 2013 mit der EP „2 Cool 4 Skool“. Dem Look und dem Sound der Single „We Are Bulletproof Pt. 2“ merkt man die HipHop-Ausrichtung noch sehr deutlich an.

Die Welteroberung von BTS

Das Rap-Rückgrat der Band sieht und hört man noch immer in den frühen Songs von BTS – und natürlich in den Soloprojekten von Suga (der als Rapper Agust D) heißt, RM und J-Hope. Aber die Wandlungsfähigkeit und die hohe Qualität einer jeden BTS-Performance lassen sie bisher eigentlich in allen Genres strahlen. Dass sie aber heute zu den größten Bands des Planeten zählen, liegt vor allem an ihrer riesigen, leidenschaftlichen, konsumfreudigen Fanschar – besser bekannt als ARMY – und natürlich am Durchbruch im wichtigsten Musikmarkt der Welt, dem amerikanischen. Den erklärt Bang Si-hyuk im „Time“-Interview so: „Es ist schwierig für mich, einen Weg von A nach B zu zeichnen. Was ich aber weiß, ist, dass der Erfolg von BTS im US-Markt durch eine Strategie oder Formel erreicht wurde, die sich von jener des amerikanischen Mainstreams unterscheidet. Loyalität, die durch den direkten Kontakt mit den Fans zustande kommt, ist ein sehr wichtiger Faktor.“ Verwandtschaft sieht er da eher bei Brands wie Apple und Disney als bei anderen Musikbands. Aber Bang betont auch da, dass die Musik – selbst wenn sie natürlich ein Produkt ist – immer der Schlüsselfaktor sei und die größte Aufmerksamkeit erfordern sollte.

Der internationale Durchbruch von BTS erfolgte im Jahr 2018, als Teil zwei und drei ihrer „Love Yourself“-Albentrilogie erschienen. Durch Singles wie „Fake Love“ und vor allem durch ihre Welttournee, bei der sie im Oktober auch zweimal hintereinander die Mercedes-Benz-Arena in Berlin ausverkauften. Plötzlich galten BTS als ein internationales Phänomen. Auch hier muss man ARMY als treibende Kraft und Erfolgsfaktor nennen – das große mediale Interesse an ihnen, vor allem außerhalb der K-Pop-Plattformen, resultierte nämlich auch aus der Verwirrung, dass viele Journalist*innen überhaupt gar nicht wussten, was da gerade in der Arena ihrer Stadt gelandet war und junge und mitteljunge Menschen zum Ausrasten brachte.

 

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Bang Si-hyuk als Vertreter eines „liberalen“ Idol Systems

Natürlich darf man skeptisch bleiben, wenn der Chef einer der größten und perfektesten K-Pop Bands von sich selbst sagt, er sei der Vertreter eines „liberalen“ Idol-Systems. Denn natürlich fragt man sich, wie intensiv das Training aussehen muss, wenn eine Band wie BTS über Jahre an ihrer Gesangs- und Tanz-Performance arbeitet. Trotzdem spricht auch die von den BTS-Mitgliedern gezeigte, natürliche Loyalität zu Bang dafür, dass seine Aussagen stimmen könnten. Bang setzt zwar auf hartes Training, aber er ist auch der Meinung, dass man Idols nicht zu sehr abschotten dürfe. Im „Time“-Interview sagt er: „Seien wir ehrlich: K-Pop-Idols müssen im Vergleich zu durchschnittlichen Standards Skills haben, die eher einem Akrobaten denn einem Musiker gleichen. Außerdem müssen sie perfekt singen und immer in Topform sein. Um das leisten zu können, braucht man ein hohes Maß an intensivem Training.“ Trotzdem sei es aber ebenso wichtig, dass Trainees gut sozialisiert sind. Bang habe sich deshalb auch gegen Proteste in der eigenen Firma dafür eingesetzt, dass man nicht den sicheren Weg wähle und sie abschotte. „Wenn man jung ist, gehört es dazu, dass man manchmal nicht den Regeln folgen will oder eigene Fehler macht. Das ist ein sehr wichtiger Prozess für einen jungen Menschen und deshalb haben wir ein eher liberales Idol-System aufgebaut.“ Seit dem Erfolg von BTS habe er die Ausbildung innerhalb von HYBE eher einem Schulsystem angeglichen. Er setze auf ein Mentoren- und Coaching-System und gebe den Idols die Chance, gemeinsam kreativ zu werden. Womit übrigens nicht nur Gesang und Tanz gemeint ist: Bang hat schon früh die Produzenten- und Songwriter-Skills seiner Idols erkannt und zum Beispiel die Arbeit von Suga und RM unterstützt.

All das macht Bang Si-Hyuk natürlich auch, um den Grundstein für eine Zeit nach BTS zu legen. Wie die aussehen könnte, kann man vielleicht am besten bei der Band TXT sehen, die sich gerade – neben Enhypen – als eine der spannendsten und erfolgreichsten Bands aus seinem Hause entpuppt. An deren Single „0X1=LOVESONG (I Know I Love You)“ hat zum Beispiel RM maßgeblich mitgearbeitet.

Vielleicht liegt also auch darin ein Grund für seinen immensen Erfolg: Dass Bang Si-hyuk mit seiner Arbeit versucht, zwei Welten zusammenzubringen. Er setzt auf eine harte, intensive Ausbildung, sieht aber auch die Wichtigkeit von dem, was man im Business-Sprech wohl Soft Skills nennen würde. Und er findet die richtigen Worte, wenn mal wieder jemand dem K-Pop-System Seelenlosigkeit und Drill vorwirft. Ein gutes Schlusswort zu diesem Thema und diesem Text findet sich ebenfalls im „Time“-Interview. Hier sagt Bang: „Im Westen hängt man immer noch der Fantasie des Rock-Stars nach – jemand, der sich selbst treu ist, Individualität über alles stellt und nur durch diesen Weg das Ziel von ‚guter Musik‘ erreichen kann. Ich glaube aber, dass es in der Realität oft genug eher so ist, dass man durch gezieltes und intensives Training seiner Talente große Kunst erschaffen kann. Eine Taktik, die zum Beispiel bei Balletttänzerinnen sehr gut funktioniert, die jahrelang an ihren Fähigkeiten arbeiten – und sich dabei niemals den Vorwurf anhören müssen, Ballett sei seelenlos oder keine Kunst. Es ist also alles eine Frage der Perspektive.“


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