Kolumne

Gedanken zum Gegenwärtig*innen, Folge 9: … BUMP’N’DUMP

von
Julia Friese
Julia Friese

Drei Beobachtungen:

1. macht, nicht makel

Schwangere Bäuche galten im Pop lange als Makel. Sexuell nicht anregend, befand die Industrie. Und eine Pop-Künstlerin – also –, die muss doch begehrenswerte Ware sein! Eine Schwangerschaft konnte sie daher höchstens als kreative Sackgasse im demütig weißen Kleid inszenieren. Noch 2018 sagte Cardi B – nachdem sie ihre erste Schwangerschaft im weißen Kleid bei „Saturday Night Life“ bekannt gegeben hatte –, dass man ihr von der Mutterschaft abgeraten habe, sie würde ihre Karriere ruinieren.

Im Video zu „Be Careful“ versteckte sie ihren Bauch. 2021 ist Cardi B nun wieder Mutter geworden, aber im Video zu „Rumors“ stellt sie ihren schwangeren Bauch nun aus, stolz und nackt unter goldenen Brüsten. Sie tanzt, und sitzt auf einem Thron. Letzterer ist das neue „weiße Kleid“. Er steht für Macht statt Demut.

Auch in Halseys Video zu „I’m Not A Woman, I’m God“ sitzt Halsey schwanger auf einem Thron. In einer anderen Szene sieht man ihren Babybauch aus Badewasser herausragen. Während die Berliner Schriftstellerin Paulina Czienskowski auf ihrem aktuellen Autorinnenfoto wie selbstverständlich – und ohne inhaltlichen Bezug zum Werk – schwanger bauchfrei zum Blazer trägt. Das patriarchale „entweder Kreieren oder Reproduzieren“ – auf der Bildebene wird es gerade zerstört.

2. simple cover, komplexe botschaften

Auf dem Cover von Drakes CERTIFIED LOVER BOY sind ebenfalls schwangere Bäuche zu sehen. In Form von Emojis, arrangiert von Damien Hirst, in allen erhältlichen Emoji-Hautfarben. Ihr Plural samt Albumtitel deuten den schwangeren Bauch zum Zertifikat der Potenz des Mannes um: in jedem Hafen ein Baby. Es ist ein maskulinistischer Mittelfinger hin zu Cardi und Halsey. Quasi: „I’m not a woman, I’m a man, I’m a God.“ Im Netz macht man sich über das Cover lustig, es sei zu simpel, hieß es.

Ähnlich erging es auch Kanye West mit seinem komplett schwarzen DONDA-Cover. Langweilig, heißt es da. Obwohl die Farbe Schwarz eines der politisch geladensten Symbole der Gegenwart ist. Die britische Rapper*in John Glacier hat ihr Debüt SHILOH: LOST FOR WORDS Monate vor West mit einem komplett schwarzen Cover veröffentlicht. West, der sich trotz seiner „Black Lives Matter“-Unterstützung auch als irgendwie Trump-nah und als Harriet-Tubman-Kritiker inszenierte, bedient auf DONDA etliche Schwarze Topoi von Jail bis Jesus. Es ist ein Schuld-Album, das um Vergebung bittet, bei Gott, seiner Mutter und seinen Brüdern und Schwestern.

3. dumps for the grid

Auf Instagram postete man lange immer nur ein Bild, das möglichst perfekt aussehen sollte. Nun ist es en vogue, mehrere unperfekte Bilder, einen sogenannten Dump – zu Deutsch: einen Haufen – abzusetzen, in dem ein Bild das andere kontextualisiert. So kann das Foto einer Bananenschale mit dem nächsten Slide – einer Tomatensuppe – zum Warhol-Vibe werden.

Auch Alben verlieren das sorgsam Ziselierte – ja, das Album-hafte – werden zu einem dump of songs. DONDA ist 108 Minuten lang und enthält 27 Songs. CERTIFIED LOVER BOY von Drake trägt 21 Songs in 86 Minuten. Und auch Billie Eilishs HAPPIER THAN EVER ist mit 16 Tracks um zwei länger als noch sein Vorgänger, enthält skizzenhafte Songs („Goldwing“) und Genre-Versuche („Billie Bossa Nova“).

Vier DONDA-Songs haben einen Part II – also einen zweiten Slide – am Ende des Albums. In Zeiten der Fixierung auf klare Symbole und Eindeutigkeit wirkt der Dump wie eine Sehnsucht nach Diffusem, nach Versuch, Probe und Formlosigkeit.

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 11/2021.

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