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Meinung

„Ghostbusters 2016“: Eine Sexismus-Debatte als Glücksfall

Am Donnerstag ist das Remake der „Ghostbusters“ in den deutschen Kinos gestartet. Ein ganz und gar furchtbarer Film, in dem Witze nicht witzig sind und Action nicht aufregend ist. Dazu kaum Handlung und plumpe Verweise zum Original. Kurzum: „Ghostbusters“ will zwar eine große Marke bedienen, ist in seiner Machart trotz hohem Budget aber ein ganz kleiner Film. Und obendrein noch einer, der die extremen Debatten im Vorfeld der Veröffentlichung nicht verdient hat.

Die Geisterjäger Bill Murray, Dan Aykroyd, Ernie Hudson und Harold Ramis wurden ersetzt. Und zwar durch Frauen, genauer gesagt durch Kirsten Wiig, Melissa McCarthy, Kate McKinnon und Leslie Jones. Unabhängig davon, dass ein „Ghostbusters“-Remake per se eine unsägliche Idee ist: An dem Gedanken, sich in einer Neuauflage mit neuen Figuren vom Original abzugrenzen und nicht einfach die bekannten Charaktere mit neuen Darsteller zu besetzen, ist im Falle eines anscheinend unvermeidlichen Remakes nichts falsch.

Zum Kinostart am Donnerstag hat es „Ghostbusters“ sogar auf den Titel der Tageszeitung taz geschafft. „Das Gespenst des Sexismus“ heißt der Artikel. Das inhaltlich belanglose Remake hätte es niemals auf den Titel des Blattes geschafft, wenn dem Film nicht eine ernste Debatte über Frauen im Mainstream-Kino vorausgegangen wäre. Im Internet brach nämlich nach dem Erscheinen eines Trailer zum Film ein Shitstorm über Sony Pictures, die Darstellerinnen und Regisseur Paul Feig herein – weil die Ghostbusters nun eben weiblich sind. Frechheit, diese Online-Machos. Das lockte sogar die taz, die eher selten Kulturthemen auf dem Titel hat, und viele weitere Medien zur Berichterstattung über den Film.

Kooperation

Dass der Film im Netz angefeindet wurde, steht außer Frage. Dass allerdings allein Sexismus Schuld daran ist, entspricht allerdings nicht ganz der Wahrheit.

„Ghostbusters“ stand niemals für Testosteron

Der besagte Trailer ist aktuell der meistgehasste auf YouTube. Es gab unverhältnismäßig viele schlechte Bewertungen. Hinzu kamen Kommentare, in denen sich Nutzer tatsächlich darüber beschwerten, dass nun Frauen die Kerle ersetzen. Dass diese Kommentare unangemessen, stellenweise  aggressiv sind, daran besteht kein Zweifel. Zumal der ursprüngliche „Ghostbusters“-Film alles andere als ein von Testosteron getriebener Actioner war. Nur die allerwenigsten dürften Murray und sein Team als Verkörperung männlicher Ideale gesehen haben.

Sie spielten Nerds, die mit Technik gegen Paranormales vorgingen. Murrays Charakter wollte zwar auch Frauen beeindrucken – aber das ist geschenkt. In den 1980ern gab es genügend männliche Figuren, bei denen die Umkehr der Geschlechter in einem Remake tatsächlich einen anderen Film ergeben würden. Hier ist das nicht der Fall: Im Remake spielen eben Frauen die Nerds, die mit Technik gegen Paranormales vorgehen. Der ursprüngliche Plan, schlichtweg einen neuen Film mit der alten Besetzung zu drehen, konnte aber nicht realisiert werden – auch weil Darsteller Harold Ramis mittlerweile verstorben ist. Frauen in den Hauptrollen wurden dadurch zur besten Option.

Dank Hass zum Erfolg

Eigentlich hatte niemand „Ghostbusters“ als großen Sommerhit auf dem Schirm. Aber die Sexismus-Debatte hat dem Film dennoch einen Schub gegeben. In den vielen Kommentaren unter dem Trailer auf YouTube fanden sich diverse Gründe für negative Bewertungen. Neben dem Aspekt, dass nun Frauen in den Hauptrollen sind, wurde von vielen „Ghostbusters“-Fans bemängelt, dass es überhaupt ein Remake gibt. Und Hunderte fanden den Trailer einfach nur nicht lustig.

So traurig jeder der sexistischen Kommentare auch war, für Sony und die Macher des Films war es ein gefundenes Fressen

Die Meldung, die sich aus dem Marketing-Fiasko ziehen ließ, sah wie folgt aus: „Sexisten gegen Ghostbusters“. Und so traurig jeder der sexistischen Kommentare auch war, für Sony und die Macher des Films war es ein gefundenes Fressen. Fortan war „Ghostbusters“ der Film, der gegen die Online-Machos kämpft. Eine unpolitische Marke wurde plötzlich für kurze Zeit zur Speerspitze des Feminismus in Hollywood.

Die Schlagzeilen gingen um die Welt, geltungssüchtige Trittbrettfahrer äußerten sich besonders feindlich über den weiblichen Cast des Films, die Darstellerinnen selbst hielten in Interviews dagegen. Sony griff die Wut einiger Idioten dankbar auf. Der Vorteil der Produzenten und des Regisseurs war es nun, die große Abneigung gegen den Film vornehmlich auf Sexismus schieben zu können und nicht mehr erklären zu müssen, warum man überhaupt ein Remake gedreht hat. Und warum alle bisher bekannten Szenen aus dem Film ziemlich schlecht aussahen.

https://www.youtube.com/watch?v=TQ85g2Al1ZA

„Ghostbusters 2016“ hat Besonderes geschafft. Der Film definiert sich vor dem Kinostart nicht über Fans, sondern über Hasser. Und die sind im Rahmen des Shitstorms, der dann in Teilen zur Marketing-Kampagne ausgeweitet wurde, noch zahlreicher geworden. Wie die Kontroverse entstand und verlaufen ist – ein Trauerspiel. Aber mit dem Film selbst hatte Sony nun die Chance auf einen richtungsweisenden Kommentar im Blockbuster-Segment.

Am Ende sieht das Statement des Regisseurs Paul Feig so aus, dass die vier Darstellerinnen, die sich sichtlich durch ein furchtbares Skript gequält haben, gemeinsam mit ihren Laserwaffen in den Schritt eines männlichen Geistes schießen. Zuvor wurde die robuste Sekretärin von 1984 durch einen besonders dummen Mann ausgetauscht und natürlich in Szene über YouTube-Nutzer gelästert.

Dazwischen große Leere. Kaum gelungene Szenen, unpassender Impro-Humor, lustlose Gastauftritte der Altstars. Und vor allem gab es keine sinnvolle Auseinandersetzung mit der Debatte, die dem Film überhaupt die große Aufmerksamkeit beschert hat.


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