Blind Date

Haiyti im Blind Date: „Strache rappt halt scheiße“

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Man kam ja kaum noch mit bei all den Releases, die Haiyti (oft über Nacht) in den digitalen Äther schleuderte. Der Vorlauf zu ihrem vierten Album SUI SUI fällt dagegen beinahe üppig aus. Bleibt mehr Zeit, die vielen Referenzen auf Szenedrogen, Designerschmuck und weitere Annehmlichkeiten des High Lifes in Haiytis Glamour-Gangsta-Rap zu entziffern – und sich dann noch eine Stunde zur gemeinsamen Listening Session zu nehmen. Im Weddinger Café-Hinterhof mit Bluetooth-Box auf dem Tisch: „Geil, wir hören Musik?“

Haftbefehl feat. Gucci Mane – Ice

Negroni?

Ich glaube, er rappt „Die Roli“.

Ahh! Aber aus dem Wort „Negroni“ könnte man auch eine gute Hook machen. Das gefällt mir richtig gut, krasser Flow! Hafti hat den Song 2017 auf dem Splash!-Festival zusammen mit Gucci Mane aufgenommen. Er hat auf jeden Fall den stärkeren Part, alleine weil sich die Amis für die Deutschen meistens keine Mühe geben. Es ist ja kein Geheimnis, dass Haftbefehl das Feature gekauft hat; hätte ich so viel Geld wie Haft, hätte ich’s mir auch gekauft. Das ist sowieso ein krankes Business mit den US-Features – angeblich kostet beispielsweise ein Song mit 6ix9ine mehr, wenn er mit aggressiver Stimme rappt. Für diesen Song hier haben die ursprünglich noch eine Frau gesucht und beinahe Loredana genommen, das ist dann aber doch nicht zustande gekommen. Es hätte mir auch das Herz gebrochen – ein Song mit Hafti und Gucci Mane zusammen wäre echt mein Traum.

RIN – Alien

Ist das Yung Hurn? Nein, warte, ich komm gleich drauf… RIN!

Den Song habe ich ausgesucht, weil euch die JUICE zusammen mit ein paar anderen Rappern vor ein paar Jahren als „Deutschraps Zukunft“ mit einem Cover geadelt hat.

Tja, und RIN hat’s geschafft und ich nicht. (lacht) Ich finde den Song cool, sehr poppig, auch wenn die tiefen Töne in der Melodie nicht ganz sauber sind.

RIN – Alien (prod. RIN) auf YouTube ansehen

Pete Doherty – Kolly Kibber

(improvisiert Melodien über das Gitarrenintro) Beach Boys? Adam Green? Nein, das ist Pete Doherty! Ich mach’ den Song mal lauter, ich höre nur noch Pete Doherty ab jetzt. (lacht) Ich wusste gar nicht, dass der musikalisch ist.

Ihr habt beide Hamburger Vergangenheit und du hast einmal einen Song nach ihm benannt…

Ja, weil alle meine Freunde schon mit ihm gechillt haben! Ich hör’ die wildesten Geschichten und frag’ mich immer, warum ich nicht dabei war. Deswegen heißt mein Song auch so. Ich bin ja selbst nicht kreativ, sondern verarbeite nur die Sachen, die mir im Alltag zufliegen. Mit Pete Doherty würde ich mich gut verstehen. Eigentlich müssten wir ein Musikvideo zusammen drehen.

Peter Doherty – Kolly Kibber (Official Video) auf YouTube ansehen

Nina Hagen – Du hast den Farbfilm vergessen

Die ersten Akkorde könnten von einem KitschKrieg-Beat stammen. Den Song selbst habe ich sogar schon in einem Text verarbeitet, der aufs nächste Album kommt. Nina Hagen kann ihre Stimme so einsetzen, dass sie mehrere Töne gleichzeitig trifft – wo jeder Logopäde sagen würde, danach ist sie für immer kaputt.

Du wirst aufgrund deiner schrillen Punk-Ästhetik gerne mit ihr verglichen.

Das kam durch die plötzliche Aufmerksamkeit auf MONTENEGRO ZERO vorletztes Jahr. Für das Album war ich aber insgesamt nur zehn Tage im Studio – das ist, gemessen an meinem ganzen Leben, grade mal ein Wimpernschlag. Für KitschKrieg war ich damals diese punkige Anarcho-Tusse, dabei wollte ich eigentlich immer Trap machen! Ich finde die Vergleiche mit solchen Kultstars wie Nina Hagen zwar nicht schlecht, aber eigentlich hätte ich damals lieber ein anderes Album gemacht.

Nina Hagen – Du hast den Farbfilm vergessen 1974 auf YouTube ansehen

H. C. Strache – Steht auf, wenn ihr für HC seid

Das find ich ganz schlimm. Was ist das?

Ein alter FPÖ-Wahlkampfsong, den Heinz-Christian Strache selbst eingerappt hat.

Strache hat echt alles, was ein Rapper auch hat: Er ist prollig, chillt mit Nutten, hat Drogen auf Tasche… Ich habe ja sogar noch Kokain gefunden, als wir letztes Jahr in der Strache-Villa gedreht haben. Dass unser Musikvideo („Coco Chanel“, Anm. d. Red.) medial so hohe Wellen geschlagen hat, habe ich auch erst ein Jahr später mitbekommen – ich lese ja keine Zeitung.

Noch ein Wort zu Straches Rap-Skills?

Er rappt halt scheiße wie alle Vierzigjährigen, außerdem ist der Beat nicht modern genug. Strache sollte gleich Trap machen und nicht dieses Bayern-Gedudel.

HC Strache Rap 2013 „Steht auf, wenn ihr für HC seid! youtube original auf YouTube ansehen

Lady Gaga – Stupid Love

Das ist ein wirklich schlechter Song; als ich ihn das erste Mal hörte dachte ich, das soll ein Scherz sein. Immerhin ist das Video dazu geil. Ich fand ihre „Paparazzi“-Phase besser, Gagas neue Sachen sind wieder so doll „Pop“-Pop. Das hier ist der Geburtstagssong für Donatella Versace, mehr nicht.

Würdest du trotzdem gerne mal mit Lady Gaga tauschen und It-Girl in New York sein?

Ich war ja It-Girl in Hamburg, das ist ungefähr dasselbe. Na ja, die Halftime-Show beim Super-Bowl würde ich schon spielen. Dann aber zusammen mit Lil Pump.

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Lizzo – Juice

Geil, man weiß nicht, ob es eine Frauen- oder eine Männerstimme ist! Warte, ich komm drauf – das ist Bruno Mars, oder?

Das ist Lizzo, sie ist vergangenes Jahr zu einem internationalen Star aufgestiegen. In ihren Songs geht es viel um Empowerment und Bodypositivity.

Ah, die Dicke? Ich sollte mal als ihr Voract spielen, habe das aber dann abgesagt. Gab zu wenig Gage. (schmunzelt) Sie kann auf jeden Fall krass singen, ich mag ihre Stimme. Ich finde vor allem gut, dass sie die nicht verstellt – sie ist ein Original, das hört man.

Lizzo – Juice (Official Video) auf YouTube ansehen

Shirin David – Hoes Up G’s Down

Mich regt ein bisschen auf, dass Shirin in diese Dirty-South-Schiene gedrängt wird. Wir machen diesen Sound schon seit Jahren. Der Beat und die Stimme sind cool, ihre übertriebenen Betonungen schon eher nervig. Im Gegensatz zu anderen geht Shirin wenigstens offen damit um, dass ihre Texte nicht von ihr sind. Das machen die in Amerika zwar meistens genauso, es gibt allerdings einen Unterschied: Eine Cardi B war früher wenigstens wirklich Stripperin, Loredana und Shirin David waren InstagramInfluencer und YouTuber. Ich finde es manchmal amüsant, wenn Leute Rap über etwas machen, wo sie nicht herkommen und damit zu Superstars werden.  Ich bin zwar kein Superstar, aber ich kann wenigstens auf der Bühne stehen und fühlen, worüber ich rappe.

SHIRIN DAVID – HOES UP G’S DOWN [Official Video] auf YouTube ansehen

Haiyti, bürgerlich Ronja Zschoche, wuchs in Hamburg-Langenhorn auf und probierte sich anfangs unter verschiedenen Pseudonymen musikalisch im Untergrund aus. 2016 zog sie mit dem Gratis-Mixtape CITY TARIF erste Aufmerksamkeit auf sich, zwei Jahre später holte sie mit ihrem Major-Debüt MONTENEGRO ZERO den Kritiker-Echo. Das Feuilleton lernte sie für ihre schrille Kreuzung aus Gangsta-Rap und Pop-Avantgarde lieben – und vielleicht auch ein bisschen wegen ihres Studiums an einer Hamburger Kunsthochschule.

Hört hier Haiyti jüngstes Album SUI SUI:

Dieses Interview erschien erstmals im ME 08/2020.


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