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Interview

Peter Doherty: „Ich bin ein Überlebender, ein medizinisches Wunder“

Verschlafen. Um sechs Uhr früh ist Peter Doherty zusammen mit seinem Manager und einem Fahrer in Paris aufgebrochen, knapp sieben Stunden später erreicht der Wagen das Café im Belgischen Viertel von Köln. Doherty torkelt aus dem Auto, er hat die ganze Fahrt gepennt. Nun will er über sein neues Album mit neuer Begleitband The Puta Madres sprechen. Vor zwei Tagen war er noch 39 – dass er 40 werden durfte, wundert ihn selbst. Die Haare werden langsam grau, aber Dohertys Blick zeigt noch immer diese kindliche Neugier. Die Berichte über Drogen-Eskapaden werden seltener, die jüngste Schlagzeile handelte von einem Mega-Frühstück, das Doherty in Rekordzeit verputzt hatte. Während des Gesprächs trinkt er Wasser. Ins Reden kommt er, wenn es politisch wird.

Musikexpress: Peter, zusammen mit den Bandkollegen von den Libertines rüstest du gerade ein altes Hotel in Margate an der englischen Ostküste auf, wie laufen die Arbeiten?

Peter Doherty: Es geht voran, den wichtigsten Meilenstein haben wir erreicht.

Nämlich?

Carl besitzt nun die Lizenz, auch harten Alkohol verkaufen zu dürfen. Und das ist der entscheidende Schritt, wenn du in Großbritannien eine Bar eröffnen willst.

Und ein Hotel ohne Bar …

… ist Unsinn. Mit der Bar verdienst du ja auch das Geld. Wenn du die Menschen in einem Kaff wie Margate fragst, wo sie ihr Geld ausgeben, dann sagen sie: „Die eine Hälfte haben wir der Kirche gespendet, die andere versoffen.“

Der Schuppen hatte unter den alten Besitzern die schlimmsten Bewertungen bei Reiseportalen.

Ja, aber wir bringen das Hotel wieder in Form. Es ist genau die richtige Aufgabe für uns. Unten wird es ein Studio geben, in dem wir arbeiten können. Oben wohnen die Gäste. Und alle treffen sich in der Bar.

Was ist Margate für ein Ort?

Früher kamen die Leute aus London dorthin, um sich von ihren Nervenzusammenbrüchen zu erholen. William Turner zum Beispiel, oder Charles Dickens. Auch Vincent Van Gogh hat Zeit dort verbracht. Heute ist Margate eine seltsame Kleinstadt, die meisten Leute sind älter als 60, sieben von zehn Einwohnern haben bei der Brexit-Entscheidung dafür gestimmt, dass das Land die EU verlassen soll. Das ist schrecklich. Und doch tut mir dieser Ort gut. Ich lebe jetzt seit zwei Jahren dort – abseits von London habe ich es noch nirgendwo länger ausgehalten. (überlegt) Doch, in Krefeld, da war ich als Junge sieben Jahre lang zu Hause.

Bevor wir weiter über Margate reden: Dein Lieblingsklub von damals, der KFC Uerdingen, hat jetzt einen Investor, der den Verein wieder in die Bundesliga bringen will.

Tatsächlich? Das sind gut Neuigkeiten.

Da sind die Konkurrenten des Clubs anderer Meinung.

Investoren sind bei euch in Deutschland nicht beliebt, ich weiß. Aber als Fan eines Vereins bist du einfach nur froh, wenn es nach oben geht. Funktioniert die Sache, ist es jedem egal, woher das Geld kommt. Frag mal die Fans von Manchester City, ob es sie kümmert, wer ihnen die ganzen teuren Spieler kauft! Mein neuer Heimatverein ist übrigens der Margate FC, siebte Liga oder so, da müsste sehr viel Geld fließen, bevor diese Jungs nach oben kommen.

The Libertines sind ja immerhin schon Trikotsponsor.

Stimmt, aber viel mehr können wir nicht bieten. Außer Drinks in der Bar. (lacht)

Hohe Zustimmung für den Brexit, marode Hotels, überalterte Bevölkerung – steht Margate für den Verschleiß Großbritanniens?

Ja, es ist ein verlassener Ort. Eine Art Geisterstadt. Kein Vergleich zu dem, was sich in den größeren Städten und insbesondere in London abspielt.

Was findet ihr dann an diesem Ort?

(überlegt) Ruhe.

Nur raus aus der Stadt?

Ich habe nichts gegen Städte, aber ich glaube, der Song von The Velvet Underground, den wir auf dem neuen Album adaptieren, sagt eine Menge darüber aus, wie gut es tut, auf dem Land zu sein: „Looking for another place, someone else to be. Looking for another chance, to ride into the sun.“

Wobei das Velvet-Underground-Original „Ride Into The Sun“ bei euch „Someone Else To Be“ heißt – und sich gegen Ende kurz „Don’t Look Back In Anger“ von Oasis herausschält.

Gallagher singt hier eine der besten Rocksong-Zeilen überhaupt: „But please don’t put your life in the hands of a rock’n’roll band who’ll throw it all away.“ Hier steckt alles drin, was du über Bands und ihre verdammten Versprechen wissen musst.

Mercury Rev haben mal was Ähnliches gesungen: „Bands, those funny little plans that never work quite right.“

Ja, da haben sie recht. Egal ob Fußballvereine, Parteien, Bands: überall gibt es große Pläne, die nicht aufgehen.

Ihr hattet mit den Libertines die Utopie, mit dem Schiff Albion den Ort Arcadia zu erreichen, eine Art Rock’n’Roll-Himmel. Ist Margate das, was von der Utopie übriggeblieben ist?

Margate ist der Ort, an dem ich mich wohlfühle. Das ist fürs Erste mehr, als ich noch vor einigen Jahren erwartet habe.

Weil du zuletzt immer auf der Flucht warst?

Ja, ich hatte immer das Gefühl, einfach nur weg zu wollen. Vor einigen Jahren war ich länger in Hamburg, das war zu den Aufnahmen zum letzten Album HAMBURG DEMONSTRATIONS. Ich war gerne in der Stadt und im Studio von Clouds Hill, aber irgendwann war meine Zeit dort abgelaufen, und ich musste weiter.

Ist dein Leben nicht so selbstbestimmt, dass du hättest sagen können: „Ich bleibe“?

Als ich vor einigen Monaten nach Hamburg zurückwollte, sagte mir meine damalige Freundin: „Ich verbiete dir das!“ Sie dachte, ich hätte da was laufen, sie war tierisch eifersüchtig. Jetzt haben wir uns getrennt.

Dabei spielt Katia deVidas doch in deiner neuen Begleitband The Puta Madres mit.

Ja, warum auch nicht? Was diese Band übrigens für mich so besonders macht: Es ist zum ersten Mal keine britische, sondern eine europäische Gruppe. Miggles zum Beispiel ist Franzose, wir haben das Album größtenteils in der Normandie aufgenommen – und zwar sehr schnell. Nur vier Tage und drei Nächte haben wir gebraucht. Im Vergleich dazu hat HAMBURG DEMONSTRATIONS eine Ewigkeit gedauert.

Diesen Unterschied hört man den beiden Alben aber auch an.

Mit den Puta Madres war alles darauf ausgelegt, spontan zu sein. Einige der Leute in der Band waren vorher noch nie in einem Studio gewesen, und Jai Stanley, der das Album produziert hat, kümmert sich eigentlich um Management-Dinge. Er interessiert sich auch gar nicht für Tontechnik, aber es tat gut, diese neuen Songs mit ihm aufzunehmen. Der gesamte Prozess verlief sehr einfach, wir haben zusammen in diesem Haus am Meer gelebt, haben zusammen gegessen und gearbeitet, alles sehr entspannt.

Du bist vor Kurzem 40 Jahre alt geworden, was denkst du darüber, dass viele Menschen diesen Geburtstag verwundert zu Kenntnis nehmen: „Dass der das geschafft hat!“

Diese Leute haben ja recht! Ich betrachte mich selbst als Überlebenden, und auch als medizinisches Wunder. Ich weiß, dass es nicht normal ist, mit meiner Art zu leben 40 Jahre alt zu werden. Mein Vorteil heute ist, dass ich meine großen Krisen schon hinter mir habe. Midlife-Crisis? Pah. Ich hatte meine Biglife-Crisis mit 23!

Also auf die nächsten 40?

(grinst) Die Chancen darauf stehen heute besser als vor zehn Jahren.

Was tut dir gut?

Songs zu schreiben und sie aufzunehmen. Darum auch diese neue Band, sie gibt mir die Chance, beides schnell hinzubekommen. Ich würde es hassen, wenn mir nichts mehr einfällt. Und es belastet mich, wenn ich Hunderte Songs in meinem Notizbuch habe, diese aber nicht aufnehmen kann. Ich glaube, ich bin mittlerweile ein echter Musiker geworden – und treffe entsprechende Entscheidungen.

Zum Beispiel?

Ich erkenne, dass bestimmte Songs für bestimmte Leute nicht funktionieren. Ein Stück wie „A Fool There Was“ schleppe ich schon länger mit mir herum, weil ich erkannt habe, dass die Babyshambles oder die Libertines nicht damit klarkommen. Nicht unbedingt, weil sie den Song nicht verstehen. Sondern weil sie ihn zu gut verstehen.

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