Jan Müller: Wie Streaming die Hi-Fi-Kultur beendete
Jan Müller erinnert sich in seiner Kolumne an die Sound-Evolution vergangener Jahrzehnte.
Ich bin im Jahr 1971 geboren. Deshalb habe sie noch erlebt, die Hi-Fi-Enthusiasten. In der Schule begrüßten sie einander mit den Worten „Was macht die Stereoanlage?“ Das war nur folgerichtig, schließlich fummelten sie immer an ihren Geräten herum. Jede Komponente unterstand der fortwährenden Beobachtung und gegebenenfalls Revision. Sie testeten ohne Unterlass neue Lautsprecher- und Audiokabel aus. Immer waren sie auf der Suche nach der geringsten Induktivität. Was ist besser: Kupfer oder Silber? Jörn hatte sich sogar Au-Kabel zugelegt, also aus Gold. Er hatte dafür lange sparen müssen.
Sie diskutierten leidenschaftlich darüber, was besser wäre: Die Schallplatten nass oder trocken abzuspielen. Die Frage ist bis heute nicht abschließend geklärt. Natürlich hatten ihre Tapedecks kein Auto-Reverse, denn dies ruiniert die Tonkopf-Justierung. Marcus hatte sich schließlich das „Nakamichi RX 202 E“-Auto-Reverse-Deck gekauft. Genauer gesagt, sein Vater hatte es ihm zum Geburtstag geschenkt. Nicht der Tonkopf dreht sich hier, sondern die Cassette selbst in einem Plexiglas-Gehäuse. Sensationell. Ralf, Thomas und Jörn staunten nicht ohne Neid. Obwohl ihre Komponenten von Onkyo, Kenwood, Revox, Arcam, Canton und Dual auch nicht von schlechten Eltern sind. Dolby B, Dolby C und HX Pro – die vier waren in ihren Klangschlachten bis an die Zähne bewaffnet.
Sie kauften ausschließlich Tonträger, die gut und teuer klangen
Und was für Musik lief auf ihren Anlagen? Sie kauften ausschließlich Tonträger, die gut und teuer klangen. So bestand ihre Sammlung aus Alben von Peter Gabriel, Alan Parsons, Pink Floyd, U2, Dire Straits, Yes und Fleetwood Mac. Wenn möglich, so waren die Platten im Direct-Metal-Mastering-Verfahren hergestellt worden. Thomas hatte sogar bereits einen CD-Player. In ein paar Jahren wird die CD für diesen Freundeskreis das klangliche Nonplusultra gewesen sein. Ein paar Jahre später werden sie sich von dieser Technik wieder abwenden. Sie werden erkannt haben, dass das Frequenzspektrum der CD nicht mit dem von Vinyl-Tonträgern mithalten kann.
Nur Schallplatten bieten die Dynamik, die ihren Anlagen gerecht wird. Mit dem „Music Recovery Module 101“ von Garrard entknacksten sie ihre Alben. Ralf hatte sich die Maxi „Die Tänzerin“ von Ulla Meinecke zugelegt. Die anderen waren vom Sound beeindruckt und blieben dennoch skeptisch. Anscheinend war dies zu viel Emanzipation auf dem Plattenteller für die vier. Mädchen interessierten sich schließlich nicht für Stereoanlagen. Viele von ihnen spielten ihre Musik über Schneider-Kompaktanlagen und ähnlich minderwertige Hardware ab. Dennoch schien der Vorgang des Musikhörens bei ihnen lebendiger gewesen zu sein als bei Ralf, Jörn, Marcus und Thomas.
Die Freunde behalfen sich, indem sie immer tiefer in den technischen Bereich eindrangen. Zur Beruhigung las Thomas den anderen aus der neuen Ausgabe des „Stereoplay“ vor: „Ein gutes Phono-Kabel ist mehr als nur eine Verbindung; es ist der Schlüssel zu einem klaren, rauschfreien Musiksignal zwischen Plattenspieler und Verstärker.“ So war es.
MP3, Loudness, Streaming und Boomboxes gewannen den Krieg
Als Kind hatte ich meine Musik zunächst über einen tragbaren Grundig-CR-485-Kassettenrekorder gehört. Mit ihm konnte man auch Sendungen aus dem Fernsehen aufnehmen. Die Hitparade und Musikladen zum Beispiel. Dafür stellte man den Kassettenrekorder nah an den Fernseher, drückte die rote Taste und war möglichst leise. Aber irgendwann wollte ich dann unbedingt eine Stereoanlage haben. Ich wünschte mir einen „Hi-Fi Turm“. Also ein Gerät mit Einzelkomponenten. Auf keinen Fall sollte es eine Kompakt-Anlage sein. Irgendwann gaben meine Eltern nach.
Und da mein Vater viel mehr ein Design- als Hi-Fi-Enthusiast war, stand dann eines Jahres zu Weihnachten eine Braun-Atelier-Anlage unterm Weihnachtsbaum. Das war natürlich vollkommen übertrieben. Aber der Klang war überragend. Zum Dank malträtierte ich meine Eltern mit der Musik von Extrabreit, Hubert Kah, AC/DC, Kiss und Iron Maiden in Original-Lautstärke. Die Anlage besitze ich noch heute, obwohl sie nicht mehr täglich im Einsatz ist.
Meist höre ich Musik nun mit Kopfhörern, so wie es heute anscheinend fast alle tun. Sie kommt direkt vom Smartphone; in mp3-komprimierter Form. Und ich frage mich, wann eigentlich in unserer Gesellschaft das Bedürfnis nach gutem Klang verloren ging. Ein letztes Aufbäumen der Hi-Fi-Industrie mit Surround und 5.1 konnte den Untergang nicht verhindern. MP3, Loudness, Streaming und Boomboxes gewannen den Krieg. Heute plärrt und dröhnt es uns von überall entgegen. Und fast niemand sitzt noch zu Hause am Regal und fragt seine Freunde: „Was macht die Stereoanlage?“
Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 1/2026.





