Spezial-Abo

Im Gespräch

„HipHop ist ein Spiegel der Gesellschaft“: Raphael Hillebrand im Interview

von

Er ist in Hong Kong geboren, in Berlin aufgewachsen und gilt heute als einer der erfolgreichsten Tänzer und Choreographen Deutschlands: Raphael Hillebrand, Sohn einer Deutschen und eines französischen Madagassen, gewann als erster Schwarzer Tänzer den renommierten „Deutschen Tanzpreis“, nutzt seit seiner Jugend die Breakdance- und HipHop-Kultur, um sich gegen Rassismus und Ungerechtigkeit einzusetzen – und hat nebenbei eine Partei gegründet. Im Jahr 2017 rief der 37-Jährige „Die Urbane. Eine HipHop Partei“ ins Leben und sammelte gemeinsam mit den ersten Parteimitgliedern innerhalb weniger Monate 2.000 Unterschriften.

Das Resultat: Am Ende des Jahres stand „Die Urbane“ auf dem Wahlzettel, wenn auch nur in Berlin. Heute hat die Partei 300 Mitglieder, auf der Website findet man ein Zitat von Hillebrand, in dem er sagt: „Ich kann jedem in drei Minuten erklären, was HipHop bei uns bedeutet. Die CDU bräuchte da sicher länger um mir zu erklären, was an ihnen noch christlich ist.“ Was HipHop in einem Parteiprogramm zu suchen hat und mit welchen Zielen „Die Urbane“ in den Bundestag einziehen möchte, erzählt Raphael Hillebrand im ME-Interview.

Musikexpress: Ihr orientiert Euch politisch an den Werten von HipHop. Was soll das bedeuten, inwiefern passt das zusammen?

Raphael Hillebrand: HipHop ist eine Gegenkultur, die unter Weißer Vorherrschaft, Kapitalismus und dem Druck von Ausbeutung und Marginalisierung entstanden ist. Damit steht HipHop in einer Reihe mit afrodiasporischen Kulturströmungen wie Jazz, Reggae, Lindy Hop und Jive. Es ist eine Überlebensstrategie in einem politischen System, das gegen dich gestellt ist – „the voice for the voiceless“. Dadurch hat HipHop von Anfang an eine ganz stark politische Dimension gehabt.

Auch wenn man Euer Partei-Programm liest, scheint HipHop aber noch die DIY-Subkultur aus dem New York der 1970er-Jahre zu meinen – und nicht die kommerzielle Geldmaschinerie, die es heute teils ist. Identifiziert Ihr Euch ebenfalls mit der heutigen HipHop-Kultur?

Absolut. Selbst in den 1980er-Jahren war der kommerzielle Mainstream-HipHop ja bereits größer als die „wirkliche“ Szene – jedenfalls im Sinne der öffentlichen Wahrnehmung. Heutzutage ist HipHop ein weltweites Phänomen, das Revolutionen im Senegal genauso unterstützt wie die „Black Lives Matter“-Bewegung in den USA. Die HipHop-Bewegung ist heute so lebendig, organisiert und relevant wie nie. Aber leider leben wir nunmal in einem kapitalistischen System, das darauf aufbaut, zu vermarkten. Deshalb verkaufen sich Platten über Sex und Gewalt natürlich besser. Aber wir haben den längeren Atem.

Im Gangsta-Rap finden sich nach wie vor viele homophobe, sexistische und rassistische Tendenzen.

Ganz klar: Ich sehe mich als Feminist und kann mit Diskriminierung in jeglicher Form nichts anfangen. Nichtsdestotrotz muss ich mich gegenüber Street Rap nicht mehr abgrenzen als gegenüber Chauvinismus innerhalb der Gesamtgesellschaft. Wir sind nicht dafür da, um irgendeinen Rapper zu kritisieren. Wir sind dafür da, um das System zu kritisieren. Für mich ist HipHop ein Spiegel der Gesellschaft und wenn wir in einer sexistischen Gesellschaft leben, dann ist Sexismus auch ein Teil von HipHop.

Ihr möchtet nicht nur Individuen von Euren Werten überzeugen, sondern die Strukturen grundlegend verändern. Was muss dafür als Erstes geschehen?

Erst einmal muss grundlegend verstanden werden, dass wir in einem Unrechtssystem von Weißer Vorherrschaft leben. Es bedarf Reparationen für die Ausbeutung des Neokolonialismus, damit wir überhaupt auf Augenhöhe kommen können, um die globale Ungerechtigkeit auszugleichen. Und dann braucht es proaktive Maßnahmen wie etwa ein Antirassismusgesetz, das festlegt, was Rassismus überhaupt ist – viele Menschen sprechen über Rassismus als wäre es etwas Zwischenmenschliches, dabei ist es ein strukturelles Problem. Megaloh hat es auf einer Demo sehr schön gesagt: Rassismus-Debatten, die nicht die Ausbeutung des afrikanischen Kontinents miteinbeziehen, gehen völlig am Thema vorbei. Das Antidiskriminierungsgesetz ist ein erster großer Schritt in diese Richtung.

Eines Eurer Programmziele lautet: „Friedliches Miteinander durch Anerkennung von Vielfalt als Ressource und Bereicherung.“ Das klingt ziemlich theoretisch. Warum die Vorsicht?

Das liegt wahrscheinlich daran, dass wir das Programm mit einer Handvoll Menschen innerhalb von zwei Monaten geschrieben haben (lacht). Wir wollten etwas schreiben, das auch in einem Jahr noch aktuell ist – denn je konkreter du wirst, desto schneller veraltet es. Und es ist eben ein Parteiprogramm, kein konkretes Wahlprogramm. Aber mal ganz ehrlich: Wir sind 300 ehrenamtliche Mitglieder und haben gerade gar nicht die Kapazitäten, einen fertigen Gesetzesentwurf auszuhandeln. Erst einmal geht es uns darum, Maximalforderungen zu stellen und zu zeigen: Wir sind da und reden mit.

Der Begriff „urban“ als Genrebeschreibung für „black music“ gerät immer stärker in die Kritik und viele Labels wie etwa Republic Records haben die Kategorie bereits abgeschafft. Wie steht Ihr – als „Urbane“ – zu der Bezeichnung?

Ich freue mich sehr über diese Debatte, weil wir uns vom ersten Tag an über unseren Namen gestritten haben (lacht). „Urban“ ist eine für den weißen Mainstream schön gemachte Version von Schwarzer Kultur und Musik. Es ist ein Begriff, der leichter und lockerer von der Hand geht, als wenn man „Schwarze Selbstermächtigung“ oder „Black Liberation“ sagt. So war es auch bei unserem Namen: Wir hätten uns auch „Die Ausländerpartei“ oder „Die Schwarzen“ nennen können – aber die Menschen kriegen Angst! Deshalb haben wir einen Begriff benutzt, der nicht aneckt. Vielleicht ändern wir unseren Namen in „Panafrikanistische Partei“ um, wenn die Gesellschaft in ein paar Jahren dazu bereit ist.

Ist es Euer Ziel, eine Partei ausschließlich für die deutsch-afrikanische Community zu schaffen oder seid Ihr genauso offen für nicht-Schwarze Mitglieder?

Wir sind offen für alle Menschen, die ein intersektionales Weltbild haben. Aber wir haben Mechanismen bei uns eingebaut, die Diversität zulassen und die weiße toxische Männlichkeit erschweren. Letztendlich kämpfen wir dafür, dass die Menschen im Bundestag endlich so aussehen wie die Menschen in der U-Bahn.

Zwischen dem Polizeiangriff auf Rodney King und dem Mord an George Floyd liegen knapp 30 Jahre. Was hat sich verändert?

Heutzutage gibt es das Internet und mehr Kameras. Dadurch ist augenscheinlicher geworden, dass es sich bei rassistischen Vorfällen um ein grundlegendes System und nicht bloß um Einzelfälle handelt. Wenn Menschen mir sagen: „In Deutschland ist es doch gar nicht so schlimm wie in den USA“, dann denke ich mir: Nein, es gab einfach nur noch keine Kamera in der Zelle, als Oury Jalloh gestorben ist (ein Asylsuchender aus Sierra Leone, der im Januar 2005 in einer Gewahrsamszelle der Polizei verbrannt ist, Anm. der Red.).

Ihr schreibt in Eurem Programm, dass Ihr HipHop nicht als Ästhetik, sondern als Wert vermitteln möchtet. Gleichzeitig fordert Ihr aber, dass HipHop als Unterricht in Schulen integriert wird, darunter Break-Dance und Graffiti-Kunst. Ist das nicht ein Widerspruch?

Das ist definitiv ein Widerspruch! Allerdings würde ich sagen, dass die Grundprinzipien, die hinter den Kunstformen stehen, eh wesentlich wichtiger sind als die Ästhetik selbst. Wie hat Saman Hamdi noch gesagt: „HipHop ist eine Blaupause für Selbstermächtigung.“ Diese Blaupause möchten wir in der Schule etablieren – ob das Kind dann rappt, beatboxt oder singt, ist mir relativ egal.


„Borat 2“-Outtake: Bei dieser Szene fürchtete Sacha Baron Cohen um sein Leben
Weiterlesen