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Frank Ocean: Das Ende des männlich-heterosexuell dominierten HipHop

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Mit Frank Ocean fiel die Festung des männlich-heterosexuell dominierten HipHop. Mit nur zwei introspektiven R’n’B-Alben formte er die Gestalt der vergangenen Pop-Dekade. Der begabteste und rätselhafteste Songwriter der Gegenwart tanzt seinen Tanz durch den hyperaktiven, abstrakten Gedankenstrom wie einen Steh-Blues. Und eine ganze Generation lehnt schluchzend an seiner Schulter.

Irgendwann in der Zukunft, wenn die sagenhafte, amerikanische Geschichte des Frank Ocean einmal in einem starbesetzten Biopic verfilmt werden sollte, dann wird das die Eröffnungsszene sein: Frank Ocean sitzt in einem Flugzeug, Fensterplatz, Linienflug. Es ist der 27. Dezember 2011. Ocean ist auf dem Rückweg nach Los Angeles, hinter ihm „wieder ein verdorbenes Weihnachten“, vor ihm das matte Licht des Laptops, ein leeres Textdokument, in das nach und nach ein paar Hundert glühende Wörter sickern.

Frank Ocean schreibt. Eine Widmung, einen Monolog, ein Bekenntnis für das Album, an dem er gerade arbeitet, vielleicht für die Liner Notes, vielleicht nur für sich selbst. Zwei wundersame Absätze, die die Popkultur ein halbes Jahr später treffen werden wie ein mittelschweres Erdbeben. Dass er seine persönliche kleine Unabhängigkeitserklärung dann ausgerechnet am 4. Juli – dem höchsten aller amerikanischen Feiertage – in einem Tumblr-Post veröffentlichte, ist ein schönes Detail in dieser Story. Ocean erzählt von einem Sommer vor vier Jahren, er war 19 und zum ersten Mal verliebt – in einen Mann. Sechs Tage später erscheint sein Major-Debüt CHANNEL ORANGE.

„Ich fühle mich wie ein freier Mann“

Heutzutage wäre das keine große Sache mehr. Damals ist es ein Paradigmenwechsel. 2012 ist Amerika immer noch drei Jahre davon entfernt, die gleichgeschlechtliche Ehe landesweit zu legalisieren. In der Welt von HipHop und R’n’B ist Homophobie tief verwurzelt. Ocean ist der erste relevante Vertreter des Genres, der sich als bisexuell outet. Unerschrocken öffnet er die Tür für all die anderen, die in den nächsten Jahren folgen werden: Janelle Monáe, Blood Orange, The Internet, Mykki Blanco, 070 Shake. „Ich fühle mich wie ein freier Mann. Wenn ich ganz genau lausche, kann ich den Himmel über uns einstürzen hören“, heißt es am Ende des Tumblr-Posts. Diese Aufrichtigkeit ist die Linse, durch die die Welt auf CHANNEL ORANGE blickt, auf die schönen, grüblerischen Gedanken, die mal gesungen, mal gesprochen durch die Tracks schweben, wie Kunstnebel durch eine Welt in leuchtenden Farben.



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