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Interview

Joy Denalane im Interview: „Ich bin nicht dafür angetreten, um reich zu werden“

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Am 4. September erschien mit LET YOURSELF BE LOVED erstmalig ein Soulalbum einer deutschen Künstlerin bei dem berühmten US-Label Motown Records. The Supremes, Marvin Gaye, The Temptations veröffentlichten dort – und jetzt auch Joy Denalane aus Berlin, Germany. Es ist ihr fünftes Studioalbum und ihr Weg der Welt zu zeigen, wo sie gerade steht. Und obendrauf auch noch den Soul nach Deutschland zu bringen. Ein Gespräch über die Kraft von Musik, über die eigene Glaubwürdigkeit und Selbstbehauptung in einer Beziehung.

„Als Künstlerin habe ich einen Auftrag. Ich schaffe Kultur.“

Musikexpress.de: Wie ist es für Dich, während Corona ein Album herauszubringen? Stand die Frage im Raum, ob der Veröffentlichungstermin verschoben werden muss?

JOY DENALANE: Die Frage habe ich mir auch gestellt, aber wirklich nur für einen kurzen Moment. Dann sagte ich mir: Ich will Kunst machen und nicht das große Geld verdienen. Dafür wäre dieser Beruf viel zu riskant – selbst als etablierte Künstlerin geht mit jeder Albumveröffentlichung eine Unsicherheit einher. Ich bin nicht dafür angetreten, um reich zu werden, sondern um dem Drang in mir nachzugehen, Musik zu machen und sie mit Menschen zu teilen. Außerdem ist gerade jetzt die Zeit, in der wir Musik brauchen. Weil wir hadern, weil wir Angst haben. Ich habe zuletzt so viel Musik konsumiert, mir jedes „Tiny Desk“-Konzert angeschaut und es hat mir dabei geholfen, meine inneren Unsicherheiten zu heilen. Als Künstlerin habe ich einen Auftrag. Ich schaffe Kultur. Und wenn ich nun mal Musik mache, warum sollte ich diese nicht teilen? Der Zuspruch für mein neues Album überrascht mich dennoch. Soulmusik aus Deutschland? Dieses Genre ist doch bei uns gar nicht vorhanden. Deswegen fand ich es umso erstaunlicher, dass die Leute die Platte so umarmen.

Soul ist ja an sich schon wie eine Umarmung – selbst wenn über Isolation und negative Gefühle gesungen wird, hat die Musik etwas Wärmendes. Erreicht das Dein Soul nur bei Hörer*innen oder kannst Du das auch daraus ziehen?

Ich glaube mir auch manchmal selbst. (lacht) Ich spüre eine echte Energie in meinem Körper, wenn ich singe. Ein ganzer Kanon von Emotionen geht da durch mich durch – ob positiv, freudvoll oder auch wütend. Also macht die Musik mit mir im Bestfall das, was es auch mit anderen macht, wenn denn der Funke überspringt. Mir ging das früher total oft so mit der Musik von Aretha Franklin. Ihre Stimme machte mir erst regelrecht Angst, dann habe ich eine Menge aus ihr ziehen können, als ich aufwuchs.

Interessant, das bei Dir gerade eine Frau hervorsticht. Ich bin vor allem mit Musik von Männern aufgewachsen. Und auch jetzt noch werden gefühlt viel mehr Männer als Frauen im Radio gespielt.

Darüber habe ich mich schon oft mit Radiosendern gestritten. Ich sage immer: Ihr müsst ja mich nicht spielen, aber bringt doch bitte einfach insgesamt mal mehr Frauen!

Ist ein Album auch ein Booster fürs Selbstbewusstsein?

Es ist auf jeden Fall eine Selbstbehauptung. Ein Dokument, mit dem ich sage: Ja, genau so will ich gerade auftreten.

2015 hast Du Dich schon mal mit den Stücken beschäftigt, die jetzt auf LET YOURSELF BE LOVED zu finden sind. Du warst aber nicht zufrieden. Woran lag das?

Die Songs selber mochte ich und auch die Session, in der sie entstanden sind. Umso frustrierender war die nicht geglückte Produktion. Das wusste ich ziemlich schnell. Es hatte nicht geklickt. Aber mir fehlte als Projektleiterin das Vokabular, um den Leuten, mit denen ich zusammenarbeitete, zu sagen, was ich wollte. Also habe ich es zur Seite gelegt, weil die Selbstbehauptung nicht zu Ende gedacht war.

„Ich dachte trotzdem nicht, dass die Platte hier Fuß fassen könnte. Sie ist schon ein Einhorn in den Charts.“

Du hast dann GLEISDREIECK dazwischengeschoben und die Songs danach noch mal neu angefasst. Was hat sich in den fünf Jahren verändert? Wie hast Du die richtigen Worte gefunden?

An sich weiß ich immer ganz gut, was ich sagen will. Soulmusik ist dennoch so etwas Großes. Etwas, das es in der Form nicht mehr gibt. Auch das Songwriting ist ein anderes. Ich war so sorgfältig beim Schreiben, dass ich auch mit der Produktion dem Genre gerecht werden wollte. Erst mit dem Produzenten Roberto Di Gioia fand ich jemanden, der die Epoche gefressen hatte und auf den Punkt genau das umsetzen konnte, was ich brauchte. Und dann saßen wir schließlich zusammen in Unterföhring, mit dem Ziel, die bestmögliche Musik zu machen. Ich dachte trotzdem nicht, dass die Platte hier Fuß fassen könnte. Sie ist schon ein Einhorn in den Charts.

Hat sich in der Zeit zwischen 2015 und der Finalisierung des Albums noch mal die Bedeutung der Songs für Dich verändert?

Bei „Be Here In The Morning“ schon. Der hat für mich total gewonnen durch die Zeit, weil ich den Song so ganz anders erzählen und fühlen konnte. C.S. Armstrong als Duettpartner war das perfekte Pendant zu mir. Als wir uns trafen, sagte er mir erst mal: „Weißt du eigentlich, wie viele Anläufe ich brauchte, um dem Stück gerecht zu werden? Ich war am Anfang richtig ängstlich.“ Aber dann fand er doch seinen Weg hinein und gab durch seinen selbstgeschriebenen Part dem Song eine neue Bedeutung. Anfangs ging es mir um Familie und Freundschaft, jetzt ist es der vollkommene Soul-Lovesong.

Es ist ja eine Platte über Liebe. Die ist im besten Sinne auch eine Selbstbehauptung.

Auf jeden Fall. Wobei eine Selbstbehauptung in der Partnerschaft auch Gefahren in sich birgt. Man könnte dem anderen damit auf den Schlips treten, wenn man bestimmte Sachen für sich mehr einfordert. Es kann dazu führen, dass der andere das Nachsehen hat oder sich nicht gesehen fühlt, aber that’s the game.

Ein Game, bei dem man sich auch trauen muss.

„Wir neigen im Sinne der Harmonie dazu, Schieflagen nicht anzusprechen, obwohl wir diese genau in unserem Inneren spüren.“

Es sich zutrauen muss, ja. Wenn einen etwas stört, verletzt oder verunsichert und der Grund dafür klar ist, dann muss es doch drin sein, dass man es der Person, die man liebt und von der man sich geliebt fühlt, sagen kann. Sonst ist es einfach nicht genug. Wir neigen im Sinne der Harmonie dazu, Schieflagen nicht anzusprechen, obwohl wir diese genau in unserem Inneren spüren.

Aber einfach so wegwerfen?

Nein, das auch nicht. Es geht schon darum, es richtig zu formulieren und eine Brücke zu bauen und nicht am anderen Ende zu stehen und zu sagen: Entweder du schwimmst jetzt rüber oder du hast Pech. Es ist ein Zusammenspiel.

LET YOURSELF BE LOVED im Stream:


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