K-Pop-Sängerinnen, die ihr eigenes Ding machen: Hwa Sa

Es ist ein Vorurteil, das nur noch in Teilen aktuell ist, aber eines, das immer noch durch zahlreiche, auf zuckrig gestylte K-Pop-Acts zementiert wird: Weibliche Idols müssen süß und niedlich sein. Hwa Sa wiederum, die seit 2014 Teil der Band MAMAMOO ist, sagte 2019 in einem Interview mit der koreanischen Vogue: „Ich mag cute Styles überhaupt nicht.“ Im Shooting zum Interview, das von einer Modemarke gesponsert wurde, wünschte sich die Firma ein paar Fotos von Hwa Sa mit zwei süßen Zöpfen. Sie lehnte das ab. Als die Vogue etwas verdutzt zugab, man hätte nicht gedacht, dass Hwa Sa damit Probleme habe, meinte sie: „Ich will nicht offensichtlich süß sein. Ich will keine kurzen Tennis-Röcke tragen und dabei meine Lippen spitzen. Ich hasse das. Wenn es eine Situation ist, wo ich auf natürliche Weise süß sein kann, stört es mich nicht, aber diese Cuteness die man heutzutage sieht, ist meistens gestellt.“

Hwa Sa ist Sängerin, Tänzerin, Komponistin, Songwriterin

Bei dieser Anekdote merkt man schon, dass Hwa Sa nicht dem typischen Bild eines weiblichen Idols entspricht. Sie ist auf offensive Weise verführerisch, lädt ihre Performances mit lasziven Gesten auf, zeigt in ihren Moves, dass vor allem sie hier das Sagen hat. Was auch immer mehr für ihre Musik gilt: Seit sie 2019 ihre Solokarriere mit der Single „Twit“ erfolgreich in Gang brachte, ist sie immer mehr im Komponieren und im Texten der Lieder involviert – was nicht unbedingt Standard ist im K-Pop. Schon ihr erster Solotrack auf einem MAMAMOO-Album, „I Do Me“, wurde von ihr geschrieben und komponiert.

Hwa Sa und ihr „feminIST type vibe“

Die 1995 im koreanischen Jeonju geborene Sängerin musste wegen ihrer offensiven Art und ihrem Aussehen schon oft die abgründige Seite des K-Pop-Fandoms aushalten. Viele Fans schleuderten ihr massiven Hate entgegen. Einen Hauptgrund dafür, brachte dieser Fan-Thread mal gut auf den Punkt: „As I’ve said many times, Tzuyu (Twice) and Jennie (Blackpink) are the ideal types of idols. They give off a feminINE type vibe whereas Hwasa gives a feminIST type vibe. She seems more powerful and she looks like a bad a$$ boss whereas idols usually look like sweet little teddy bears waiting to be cuddled with.“

„Alle haben hart daran gearbeitet, mich zu hassen.“

Hwa Sa hat diesen Hass sehr offen pariert, ohne zu verschweigen, wie hart er sie trifft. Im Titelsong ihrer ersten Solo-EP „María“, die 2020 erschien, singt sie auf koreanisch: „Alle haben hart daran gearbeitet, mich zu hassen. Bringt es euch was, mich zu zerstören? Ich fühle mich alleine, obwohl ich den Hass runtergeschluckt habe. Ich habe nicht einmal mehr die Energie, mich darüber aufzuregen. Das kann ich mir nicht leisten. Was ist es, das euch so anwidert? Kümmert euch um euren eigenen Kram.“ Zeilen, die man in einem catchy K-Pop-Song nicht unbedingt vermutet. Im Vogue-Interview sagte Hwa Sa auf die Frage, was sie besonders mache: „Selbstvertrauen. Leidenschaft. Traurigkeit.“ Als die Interviewerin fragte, warum denn Traurigkeit, erklärte Hwa Sa: „Diskriminierung, Voreingenommenheit Vorurteile – diese Dinge haben mich gequält und sich zu einem Knoten der Traurigkeit verwachsen. Aber dieses Gefühl hat mich stärker und reifer werden lassen.“

2020 war DAS Jahr für Hwa Sa

Vor allem seit dem letzten Jahr gilt Hwa Sa als eine der spannendsten K-Pop-Idols mit Solo-Ambitionen. Dua Lipa (hier gibt’s das ME-Interview mit ihr) holte sie für einen Remix ihres Hits „Physical“ an Bord, der auf den südkoreanischen Markt zielte. Hwa Sa sang „Orbital“ für den Soundtrack der koreanischen Serie „The King: Eternal Monarch“ und ihre EP „María“ wurde durch den Titelsong und die Single „LMM“ äußerst erfolgreich. Neben all diesen Tätigkeiten – die auch möglich waren, weil bei MAMAMOO in diesem Jahr nicht so viel anstand – gewann sie eine Folge der südkoreanischen TV-Show „Hidden Singer“ und nahm Teil an der Kult-TV-Show des Senders MBC „Hangout With Yoo“, bei der die K-Pop-Supergroup Refund Sisters gegründet wurde. Hwa Sa singt dort an der Seite von Jessi, Uhm Jung-hwa und Lee Hyo-ri. Das Projekt war nur als witziger One-Off angelegt, trotzdem lief die Single „Don’t Touch Me“ ziemlich gut.

Das Soloalbum von Hwa Sa dürfte bald kommen

Hwa Sa arbeitet gerade an ihrem ersten Solo-Album. Ein Release-Datum steht noch nicht fest, aber mit Blick auf ihre aktuellen Promo-Aktivitäten dürfte es nicht mehr allzu lange dauern. Die führten sie auch zurück zu ihrer „Refund Sister“ Jessi – ebenfalls eine K-Pop-Sängerin, die ihr eigenes Ding macht. Jessi hostet eine eigene Interview-Show und ist wohl eine der respektlosesten und lustigsten Idols im Game, wie man hier gut sehen kann:

Und damit wären wir schließlich bei Hwa Sas aktueller Single – die mal wieder ein kraftvoller, überraschender Pop-Hit geworden ist, der musikalisch und textlich sehr eigene Wege geht und trotzdem catchy as fuck ist. Der Titel, im Original „I’m a 빛“ (schreibt sich im Englischen „bich“) ist ein cleveres Wortspiel. Übersetzt heißt es ungefähr „Ich bin Licht“ oder „Ich strahle hell“ – im Englischen gesungen klingt es natürlich wie „I’m a bitch“. Vor allem der Break in Minute 2.40, als das bis dahin grelle Pop-Video in eine traditionelle, koreanische Tanzperformance kippt, ist ziemlich spektakulär geraten – und ein weiterer Beleg dafür, dass kommerzielle Popmusik selten so gewagte Haken schlägt wie die koreanische.


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