Nach BTS und Blackpink zielen nun Twice auf den internationalen Erfolg

Wer regelmäßig die K-Pop-Charts im Blick hat, kennt die 2015 von JYP Entertainment gecastete Girlgroup Twice natürlich. In Südkorea sind sie Stars, in Japan ebenso. Nayeon, Jeongyeon, Momo, Sana, Jihyo, Mina, Dahyun, Chaeyoung und Tzuyu wurden 2015 bei der Castingshow „Sixteen“ gesucht und gefunden. Wobei Jeongyeon seit August auf unbestimmte Zeit eine gesundheitliche Auszeit nimmt. Jeongyeon leide unter Panikattacken und Angststörung und man habe in Absprache mit ihr, der Band und dem Management bei JYP beschlossen, dass sie nicht an Bandaktivitäten teilnimmt und sich ihrer Genesung und einer Therapie widmet. So ein „Mental Health Hiatus“ kommt im K-Pop häufiger vor – dass er so offen kommuniziert wird, ist jedoch eher eine Entwicklung der letzten Jahre. Vielleicht merkt man bei den großen Produktionsfirmen so langsam, dass der in der Vergangenheit oft harte Umgang mit den Idols auf den westlichen Märkten schlechte Presse bringt.

Für Schlagzeilen sorgte außerdem die offen kommunizierte Beziehung zwischen Hirai Momo und Kim Heechul von der Band Super Junior. Inzwischen sind sie zwar wieder getrennt, aber normalerweise sind Beziehungen im K-Pop tabu. Idols sind „natürlich“ immer Singles. Das mag bei den Backstreet Boys oder bei Take That damals nicht anders gewesen sein, aber heutzutage wirkt diese Policy noch befremdlicher. Auch hier bietet sich – wie oft im K-Pop – ein Vergleich zum Profisport, besser gesagt zum Profifußball an: Dass alle männlichen wie weiblichen Idols straighte Singles sind, ist natürlich genau so „wahr“ wie die Annahme, dass alle männlichen Profifußballer Heteros sind.

Twice sind die Band für alle jene, die bei Blackpink vor allem die pinken Elemente mögen

Die Girlgroups aus Südkorea, die in letzter Zeit punkteten – allen voran Blackpink und Aespa – setzen musikalisch schon auf eine gewisse Toughness, auf pumpende Beats, harte Rap-Breaks und EDM-Elemente. Twice waren zwar auch schon immer sehr modern produziert, setzten bei ihren Hooklines, Refrains und vor allem bei der Optik ihrer Videos allerdings auf eine Sweetness, die eher dem Bild der frühen Girlgroups aus Südkorea entspricht. Dafür muss man gar nicht zu weit in die Vergangenheit reisen. Schon ihre Sommer-Single „Alcohol-Free“ warb zwar lyrisch für einen Rausch durch Verknalltsein statt durch Alkohol, aber das Video selbst wirkte, als habe man alle Alco-Pops der Nullerjahre mit Bacardi-Werbungs-Feeling und Aperol-Spritz-Filter zu einem hochprozentigen Zuckerschock verrührt.

Den US-Markt im Visier

Twice hatten schon in ihrer ersten Karrierejahren den ein oder anderen Auftritt in US-amerikanischen TV-Shows. Zum Beispiel an der Seite ihres Chefs Park Jin-young von JYP Entertainment. Der machte 2016 ein recht quatschiges Video für die Show von Conan O’Brian. An der Seite des aus „Walking Dead“ und neuerdings „Minari“ bekannten US-koreanischen Schauspieler Steven Yeun spielt Park Jin-young den Song „Fire“ und bringt neben den Wonder Girls auch Twice in den Clip.

Mit dem neuen Album „Formula of Love: O+T=<3“ und mit einer neuen Kooperation im Rücken, sind die Bestrebungen, Twice in Amerika zu breaken, diesmal weitaus bestimmter, gezielter und offensichtlicher. Das liegt vor allem an einer neuen „strategischen Partnerschaft“ zwischen JYP und dem zum Universal-Konzern gehörenden, größten US-Label Republic Records. Der CEO von JYP, Jimmy Jeong, sagte in einem Statement: „Mit unserer strategischen Verbindung für Twice hoffen wir, den Fans auf der ganzen Welt den ‚Next Level des K-Pop‘ bringen zu können.“ Republic Records-Gründer und CEO Monte Lipman war ebenso voll des Lobes. Er sieht JYP Entertainment an der „Speerspitze der Popkultur“ und schwärmt: „Wir sind begeistert, mit einem solch dynamischen Team aus Management und Künstler*innen zusammenarbeiten zu können – allen voran mit den Multi-Platin-Weltstars Twice.“

„The Feels“ ist die erste, komplett auf Englisch gesungene Single der Band

Den Anfang der Charme-Offensive machte die erste komplett auf Englisch gesungene Single von Twice, die offensiv in den Staaten promoted wurde – zum Beispiel mit einer Performance in der TV-Instanz „Good Morning America“. In einem Interview mit dem Forbes-Magazin erklärt Nayeon von Twice, dass dieser Song schon von Beginn an anders konzipiert wurde. „Sonst haben wir immer nur koreanische Lyrics gesungen, die dann ins Englische übersetzt wurden, diesmal war Englisch die Ausgangsprache. Wir wollten unseren Style und unser Konzept in dieser Sprache vermitteln.“ Außerdem sagt sie, man habe vor allem an der Aussprache gearbeitet, eben weil diese Single so eine wichtige Funktion habe.

Jihyo ergänzte, dass man dabei – natürlich – keinen Druck verspürt habe: „Es hat eher Spaß gemacht. Ich glaube, es gibt uns die Möglichkeit, unsere amerikanischen Fans besser kennenzulernen. Viele Menschen in den USA sind neugierig auf uns. Jetzt gibt es einmal keine Sprachbarriere. Das ist doch schön.“ Am Ende des Interviews fügt Bandmember Momo noch hinzu: „Ich glaube, ein Erfolg in den USA bedeutet für uns einen neuen Start, einen Aufbruch, eine Herausforderung. Es ist eine Chance, mehr Fans zu gewinnen, neue Länder zu bereisen und auf der ganzen Welt Anklang zu finden.“ Deutlicher kann man die internationale Ambition wohl nicht betonen.

Mit der„Formula of Love: O+T=<3“ in die Charts

Ob das gelingt, wird wohl auch vom neuen Album „Formula of Love: O+T=<3“ abhängen, das zwar nur englische Songtitel hat, aber wieder überwiegend auf Koreanisch gesungen und gerappt ist. Die brandneue Single „Scientist“ zum Beispiel wirkt in Sachen Optik, Lyrics und Sound fast wie eine ausgestreckte Hand an die koreanischen und japanischen Fans. Als wolle man sagen: „Wir haben euch nicht vergessen.“ Andere Songs wie „Icon“ setzen mehr auf englische Lyrics und eine sehr amerikanische Produktion, die in den US-Billboard-Charts durchaus funktionieren dürfte. Hier hört man auch, wie Twice das Zuckersüße ablegen und auf selbstbewusste Rap-Lines und Refrains setzen.

Wie so oft im K-Pop ist dieses Album also eine bunte Tüte in vielen Geschmacksrichtungen. Ob Twice ein ähnlicher Durchbruch im Westen gelingt wie BTS und Blackpink, dürfte von den kommenden Performances und Auftrittsmöglichkeiten im US-Fernsehen abhängen. In Sachen Musik und Performance versteht man jedenfalls schnell, warum Twice in Südkorea und Japan oft mit ihren Singles auf der Nummer 1 landen. Neben dem besagten Zuckerschock ist es eben schon eine Show, wenn (aktuell) acht Sängerinnen und Tänzerinnen gemeinsam einen Song nach vorne bringen – und dabei munter in Genre-Schubladen wie Pop, Rap und Disco rumwühlen.


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