Millionen Teile wieder vereint


Jedes Ende ist auch ein Anfang: Damit The Draft entstehen konnten, musste erst eine hoffnungsvolle Band sterben.

Eher selten hört man von einem namhaften Rocker, er wolle Gitarre und Mikro gegen Hammer, Kelle und Säge tauschen. Genau das jedoch hat der heimwehgeplagte Sänger und Gitarrist Chuck Ragan getan. Für seine Entscheidung zugunsten einer Karriere auf dem goldenen Boden handfesten Handwerks spielte es auch eine Rolle, dass er zum zweiten Mal geheiratet hatte, nicht ins Gewicht fiel hingegen, dass seine Band Hot Water Music nach zwölf harten Jahren endlich zu einer tragenden Säule der Post-Hardcore- und Emo-Szene geworden war. Ragan hängte seinen Backstagepass an den Nagel und baut seither mit Begeisterung Häuser in Los Angeles. Am 14. Mai 2006 kündigten die verbliebenen Heißwassermänner an, sich für längere Zeit zurückzuziehen, jedoch keinesfalls gänzlich zu trennen.

„Für uns vier war immer klar: Wenn einer aussteigt, ist das das Ende von Hot Water Music“, sagt Chris Wollard, der künftig keinen zweiten Frontmann mehr neben sich haben wird. Die neue Situation erforderte einige einschneidende Maßnahmen, was persönliche Gewohnheiten anbelangt: „Ich habe mir das Rauchen abgewöhnt“, sagt er mit seiner tiefen, einnehmenden Stimme und lacht. „Und das mit dem Trinken geht auch nicht mehr so weiter. Künftig muss ich früh ins Bett!“ Dabei galt seine alte Band als enorm feierfreudig.

Zum Glück für die trauernde Fangemeinde ist jedes Ende auch ein Neuanfang, was sich im Übrigen 1999 schon einmal erwiesen hatte, als Hot Water Music ihr Ende angekündigt, den Entschluss dann aber sehr bald revidiert hatten. Die aktuelle Band von Wollard, Bassist und Manager Jason Black und Schlagzeuger George Rebelo heißt jetzt The Draft und macht da weiter, wo Hot Water Music aufgehört haben. „Wir können von Autobahnen einfach nicht genug bekommen“, grinst Black, „und wir kämpfen weiterhin den guten Kampf“

Anfangs arbeiteten sie zu dritt, dann wurde ihnen jedoch klar, dass ihre Gitarrensaiten dringend noch Verstärkung brauchten. Sie entschieden sich für Todd „Wonderboy“ Rockhill (ehemals bei Discount und Black Cougar Shock Unit), einen alten Bekannten aus der Szene im floridanischen Gainesville, der Heimat der Band. „Ein langer, steinigerWeg liegt hinter uns“, resümiert Chris. „Immerhin gab uns das vergangene Jahr eine Menge Inspiration, und so haben wir gut 60 Songs verfasst.“ Die besten Hymnen landeten auf dem Draft-Debüt in a Million pieces, auf dem stürmischer Rock zwischen überschwänglichem Jubel und tiefem Leid tobt und wogt. Mit neuen Ideen, frischem Schwung, Bläsern und Piano ist The Draft mehr als Hot Water Music 2.0. „Vieles war eben damals nicht möglich „, sagt Chris offen und blickt ohne Zorn noch mal auf den Ausstieg des früheren Kollegen zurück: „Seine Entscheidung war ein Schock.aber am Ende auch eine Befreiung.“