Highlight: 13 Acts, die wir auch nach ihrem Mainstream-Durchbruch gut finden

Popkolumne, Folge 24

Mit Jack White, Lil Nas X, Sleater-Kinney & TicTacToe: Die Popwoche im Überblick

Doch, auch wenn Juli ist, auch wenn morgen das wunderbare Debütalbum der kongolesischen Band Kokoko! erscheint und die ewigen Freundeskreis-Gespräche über die Zelt- und Biermitnahme auf der Fusion nun für beinahe ein Jahr ruhen werden: Es muss auch im Sommer Platz für Wut sein. Falls Sie sich also gerade nicht beim „Wir bleiben mehr“-Konzert die Beine für die gute Sache in den Bauch stehen: Gehen Sie doch mal rüber zu Instagram und lassen Sie sich von Jack Whites Rage auf die Welt anstecken – wir haben schließlich einen Verlust zu beklagen.

Rant der Woche: Jack White

Beknackte Lügenpresse mal wieder: Da will man als Rockstar mal kurz ein galliges Drogenwitzchen reißen, schon glaubt die Welt, man liege sediert in der Gosse. So ging es in der vergangenen Woche Jack White. Der parierte in einem Interview mit der „Irish Times” die naheliegende Frage, warum das neue Raconteurs-Album so lange auf sich warten ließ, mit der (erkennbar ironischen) Antwort: Nachdem Bandkollege Brendan Benson dem Alkohol abgeschworen hatte, habe White höchstselbst angefangen, Heroin zu nehmen. Das habe den Aufnahmeprozess leider verzögert.

Das Musikportal „Spin” krallte sich das catchy Geständnis und machte es zur Überschrift, aus der man die Ironie dann irgendwie nicht mehr herauslas. Mittlerweile ist sie korrigiert – denn Jack White hatte sich mit einem wütenden Instagram-Post revanchiert, in dem er nicht nur versicherte, im Leben noch nichts Illegales konsumiert zu haben, sondern auch im Roundhouse-Kick die versammelte Online-Musikpresse abwatschte: für ihre Clickbait-orientierte Skrupellosigkeit, aber auch für die Eindimensionalität in der Berichterstattung über ihn. Nein, er sei kein Technikhasser oder Hinterwäldler, nur weil er ein Problem mit der Omnipräsenz von Smartphones habe. Ja, er besitze durchaus einen Computer, sogar ein E-Auto, und nun solle die Presse sich halt mal drauf besinnen, dass es Zwischentöne gibt.

Zugegeben: Ich wollte meinen alten Jugendhelden White in letzter Zeit schon ziemlich reaktionär finden. Für sein (durchaus nachvollziehbares, aber irgendwie doch herrisches) Gebot, auf seinen Konzerten keine Handys zu dulden. Für seine Beteuerungen, überhaupt noch nie ein Handy besessen zu haben. Für die ewige, zuletzt fast bockige Beschwörung des Authentischen in seiner Musik. Schließlich kommt einem diese Distinktionsgeste erstens nicht mehr ganz taufrisch vor – und zweitens auch nicht so rebellisch. Aber mit der Bitte um ein bisschen mehr Sorgfalt bei der Trennung von Mensch und Bühnenpersona hat er definitiv einen Punkt. Und mit Humor überrascht er einen dann auch noch: Den Post überschrieb er mit „From the Cyberdesk of Jack White”.

Meldung der Woche, die irgendwann hoffentlich keine Meldung mehr wert sein wird:

Lil Nas X, Rapper und Chartkönig der Stunde, ist schwul. Wem das Artwork seiner EP 7, auf der er als Lonesome Cowboy eine in Regenbogenfarben schillernde Skyline aus der Ferne betrachtet, noch nicht eindeutig genug war, dem lieferte Lil Nas X nun in einem Tweet die Gewissheit. Der Musikexpress berichtete, alle berichteten – wobei das eigentlich Bemerkenswerte ja an der Meldung ja ist: Queerness scheint endgültig im HipHop-Mainstream angekommen, und zwar unübersehbar selbst für alle, die das Genre trotz Figuren wie Mykki Blanco noch immer prollig und reaktionär finden wollen.

Schlechte News der Woche: Sleater-Kinney sind kein Trio mehr

Mieses Timing: Sechs Wochen vor Veröffentlichung des neuen Sleater-Kinney-Albums THE CENTER WON’T HOLD hat Schlagzeugerin Janet Weiss bekanntgegeben, die Band zu verlassen. Alle Beteiligten schrieben artig traurige Statements in den sozialen Äther – aber die Entscheidung scheint besiegelt. Vielleicht sollten mir alle, die nun beim Gedanken daran verzweifeln, beim nächsten Sleater-Kinney-Konzert nicht mehr die fünfarmige Janet Weiss bei der Arbeit beobachten zu können, in die Niederungen der deutschsprachigen 90ies-Musik folgen.

Verkannte Kunst (4): TicTacToe waren die wahren Pionierinnen, die angeblich SXTN waren

Geblieben ist natürlich das hässliche Ende. Die Pressekonferenz vom 21. November 1997, auf der sich TicTacToe auf ewig in die deutsche Popgeschichte eingemotzt haben. Die verdammte Pressekonferenz, auf der die damals größte deutsche Girlgroup nach Streit-Gerüchten Einigkeit demonstrieren wollte, wurde ihr zum Verhängnis: Vor laufender Kamera bepöbelten sich Ricky, Jazzy und Lee bis zum Äußersten („Jetzt kommen die Tränen wieder auf Knopfdruck!”) – dann war fürs Erste Schluss mit TicTacToe.

Das war sie also, die hässliche, verflennte Seite des motzigen Girlietums, das TicTacToe ein paar Jahre lang so mustergültig repräsentiert hatten. Da demontierten sich drei Gören, die in ihren Lyrics gern ausgiebig um sich traten, vor den Augen der Welt selbst: Es muss die größte Genugtuung für die Gegner*innen des Trios gewesen sein. Denn die waren schlichtweg noch nicht bereit für sie gewesen.

Die Musikmanagerin Claudia Wohlfromm hatte sich TicTacToe ausgedacht. Den drei jungen Künstlerinnen Marlene Victoria Tackenberg, Ricarda Wältken und Liane Wiegelmann verpasste sie die crazyfunky Namen Jazzy, Ricky und Lee und brachte sie als deutsche Antwort auf die Spice Girls in Stellung – und das, zumindest für ein paar Jahre, irrsinnig erfolgreich. Sicher: Der neonschlumpfige Girlpop-Rap-Sound von TicTacToe lässt einen heute natürlich so ratlos zurück wie viele Mode- und Pop-Produkte der Neunziger.

Auch ist’s müßig zu diskutieren, ob das nun lupenreiner Rap war, was die drei da veranstalteten, ob sie wirklich so unabhängige, aufsässige Bad Girls waren oder doch nur gute Bad-Girl-Darstellerinnen; aber man muss, jenseits von ästhetischen Fragen, schon anerkennen, was das Trio seinen Fans vermittelte: dass man als Mädchen ganz laut „Verpiss’ Dich” sagen darf, sogar “Ich find’ Dich scheiße”, und dabei verdammt viel Spaß haben kann. Im Song „Leck mich am A, B, Zeh“ ging es um Verhütung, in ihrem Hit „Warum” um den Drogentod einer Freundin: Alles so Dinge, über die man sich mit 14 lieber was von drei gepiercten Girls als von verklemmten Lehrern erzählen lässt.

Wenn man also heute Acts wie SXTN (R.I.P.) als Pionierinnen preist, als mutige Vorkämpferinnen, die in einer männerdominierten Branche die Klappe weiter aufreißen als ihre Kollegen, tut man TicTacToe Unrecht: Sie haben das schon getan, als die Presse noch keine Lust hatte, Behauptungen wie „Ich ficke deine Mutter ohne Schwanz” auf ihren feministischen Gehalt abzuklopfen. Sondern sich lieber darauf stürzte, dass Lee mal in einem Bordell gearbeitet hat.

Das erste Album nach der berühmten Pressekonferenz nannte die Band in bemerkenswerter Einfalt IST DER RUF ERST RUINIERT…, das Comeback-Album aus dem Jahr 2006 schlicht, nunja, COMEBACK. Zu ihren Neunziger-Erfolgen kehrten TicTacToe nie zurück. Vielleicht ist es nicht mal ein Verlust, dass TicTacToe nur ein kurzer Ruhmesmoment in der Popgeschichte beschieden war; die Geschichte sollte dennoch fairer mit ihnen umgehen.

Denn während es die Spice Girls irgendwie geschafft haben, vom Plastikpop-Phänomen zu Botschafterinnen der Girlpower umgedeutet zu werden, gelten TicTacToe bis heute als ultimatives „guilty pleasure”, als peinlich, zickig, nervig. Weil sie peinlich, zickig und nervig waren – selbstbewusst und selbstverständlich. Gebraucht hat die Welt das schon.

Julia Lorenz schreibt für den Musikexpress sowie für Medien wie taz, Zeit, Zitty und tip Berlin über Musik und alles, was anfällt. Im Wechsel mit Linus Volkmann schaut sie in unserer Popkolumne fortan auf die vergangenen Tage zurück.

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte von Julia Lorenz und Linus Volkmann im Überblick.

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