Interview

Synchronsprecher Gerrit Schmidt-Foß im Interview: „Als Leonardo DiCaprios Stimme wurde ich fast noch nie erkannt“

Jeder kennt seine Stimme, kein Mensch sein Gesicht: Wir haben Gerrit Schmidt-Foß, den Mann hinter Leonardo DiCaprio, im Synchronstudio besucht. Schmidt-Foß gibt DiCaprio seit den Neunzigern seine Stimme und ist auch darüberhinaus eigentlich kein Unbekannter: Neben Leonardo DiCaprio leiht der 39-jährige Synchronsprecher, Synchronregisseur und Familienvater unter anderem Jeremy Renner, Jim Parsons (Dr. Sheldon Cooper in „The Big Bang Theory“), Steve Zahn, Giovanni Ribisi und Scott Caan seine Stimme.

Den Report über seine Arbeit und die Synchronsprecherbranche in Deutschland lest Ihr in der aktuellen Ausgabe von ME.MOVIES. Im Interview, das noch vor den Oscars 2014 stattfand, sprachen wir mit Gerrit Schmidt-Foß über die Kunst des Synchronsprechens, Kritik an Übersetzungen, seine Verbindung zu Leonardo DiCaprio und wie für Schmidt-Foß alles anfing – nämlich als pubertierender Dieter Lohse in Loriots Filmklassiker „Papa Ante Portas“.

ME.MOVIES: Wie oft werden Sie erkannt, Herr Schmidt-Foß?

Gerrit Schmidt-Foß: Bis vor drei Monaten wurde ich noch nie erkannt. Die Augen sind viel stärker als das Ohr. Doch dann war da dieser Barkeeper, der meine Stimme erkannte. „Wow“, sagte ich, „ich bin erstaunt. Woher?“ Er überlegte kurz und sagte: „Leonardo DiCaprio!“. „Respekt“, sagte ich. „Moment“, sagte er, „und Sheldon Cooper!“

Ärgert es Sie nicht heimlich, vom Ruhm nichts abzukriegen?

Gerrit Schmidt-Foß: Jein. Der Ruhm kommt mit vielen Schattenseiten daher. Leonardo DiCaprio könnte sich kaum hier in der Kantine in Ruhe ein Essen holen. Ich kann das tun. Ich kann auch bei einem tollen Hollywoodfilm wie „Wolf Of Wall Street“ mitsprechen, an meine spielerischen Leistungsgrenzen gehen, aber danach nach Hause fahren und ein ganz normaler Mensch sein, der von anderen ebenso behandelt wird. Selbst ein mittelmäßig bekannter Darsteller, der in Deutschland oft vor der Kamera steht, wird erkannt, und sei es nur durch „Den kenne ich irgendwoher“-Blicke. Mich kennen die Leute nicht.

Auch, weil Sie nach ihrer damaligen Kinderrolle als Dieter Lohse in Loriots „Papa Ante Portas“ kaum noch vor der Kamera standen.

Gerrit Schmidt-Foß: Danach habe ich noch zwei Staffeln „Unser Lehrer Dr. Specht“ mitgespielt, aber es stimmt. Ich stehe inzwischen gar nicht mehr vor der Kamera. Synchronsprechen ist eine sehr große Spezialisierung. Man muss ein Talent dafür mitbringen. Ich vergleiche das mit verschiedenen Künstlern. Der eine malt Gemälde, der andere ist Bildhauer. Und ich bin der, der kleine Collagen oder Kunstdrucke herstellt. Ich arbeite also auch als Künstler, aber in einem anderen Metier als jemand, der ein Ölgemälde malt. Was nicht heißt, dass das eine besser oder schlechter als das andere ist. Aber das eine kann ich besser als das andere. Es zieht mich nicht mehr vor die Kamera.

Synchronsprechen ist also auch Kunst, nicht nur Handwerk?

Gerrit Schmidt-Foß: Wenn es nur Handwerk wäre, könnte man mit 16 nach der Schule Synchronsprecher werden. Aber so läuft es nicht. Das Problem liegt auch im Namen: Man sagt Synchronsprecher, aber es ist weit mehr als nur sprechen. Man ist kein Ansager im Bahnhof, es ist eine künstlerische Interpretation. Wenn jemand ein Buch übersetzt, muss er das möglichst genauso machen wie der Autor im Original, aber er muss auch die sprachliche Schönheit der eigenen Sprache mit reinbringen. Ich muss verstehen, interpretieren, übersetzen, rüberbringen, Emotionen beibehalten.

Ihre damalige Rolle in „Papa Ante Portas“ war ja nun nicht die größte Sprechrolle aller Zeiten. Kommt Ihr Interesse und Talent für ihren Job auch aus der Familie? Ihre zwei älteren Brüder sind ebenfalls Synchronsprecher.

Gerrit Schmidt-Foß: Mein älterer Bruder Dennis arbeitet noch als Synchronsprecher, mein anderer Bruder hat das als Jugendlicher getan. Er arbeitet nun in der Erwachsenenbildung. Der Job als Schauspieler liegt ja nun auch wirklich nicht jedem. Es ist kein 9-5-Bürojob.

Sind Sie denn in der Branche eine derart gemachte Stimme, dass Sie es sich erlauben können, Aufträge abzulehnen? Oder sind die Verhältnisse ähnlich prekär wie unter Schauspielern?

Gerrit Schmidt-Foß: So prekär ist es zum Glück nicht. Aber schon dadurch, dass ich verheiratet bin und drei Kinder habe, sind laufende Kosten da, die ich decken muss. Zwei Monate den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, das kann ich aus finanziellen Gründen nicht. Aus künstlerischen Gründen könnte ich das aber durchaus vertreten.

Abgesehen vom Renommee: Sind die größeren Rollen von DiCaprio bis Jeremy Renner auch die lukrativeren?

Gerrit Schmidt-Foß: Im Prinzip ja, und im Prinzip nein. Ja, weil man für die Leute, die man regelmäßig spricht, natürlich schon eine höhere Gage nimmt. Weil man weiß, wie Angebot und Nachfrage ist. Die wollen mich dafür, aber es gibt auch eine Schmerzgrenze…

Man schafft ja auch Abhängigkeiten. Keiner kann wollen, dass Leonardo DiCaprio nach 20 Jahren plötzlich eine andere Stimme hat.

Gerrit Schmidt-Foß: Ich kann schon etwas mehr verlangen, aber nicht, weil ich der einzige wäre, der DiCaprio könnte. Das können bestimmt noch viele andere, aber ich kenne ihn solange, dass die Dienste, die ich DiCaprio anbieten kann, auch gerne genommen werden. Weil man einen Schauspieler, den man über eine so lange Zeit begleitet hat, auch sehr gut kennt und die Feinheiten viel besser aufnehmen kann als Sprecher, die das zum ersten Mal machen.

Dieses Jahr sind Sie mit „Wolf Of Wall Street“ und „American Hustle“ indirekt gleich zweimal für die Oscars nominiert. Die Academy guckt natürlich nicht die deutschen Versionen – freuen Sie sich trotzdem, ist das auch Ihr Erfolg? Ein Karrierehöhepunkt?

Gerrit Schmidt-Foß: Nein. Selbst wenn DiCaprio für „The Wolf Of Wall Street“ einen Oscar bekommen würde – was ich ihm wünschen würde, weil er über drei Stunden lang mit einer sehr extremen Spielleistung einen Film trägt, das muss man erstmal schaffen – selbst also, wenn er den Oscar kriegen sollte, ist das nichts, was ich mir aufs Revers schreiben kann. Was mir eine große Freude war, ist, dass Kollegen, die den Film gesehen haben, mich ansprachen und sagten: „Hut ab, tolle Leistung, da haben wir gemerkt, dass das anstrengend war“.

Haben Sie Leonardo DiCaprio mal tatsächlich getroffen?

Gerrit Schmidt-Foß: Nein. Das ist einer der wenigen Sachen, die ich bislang noch nicht hatte.

Aber der Wunsch ist da?

Gerrit Schmidt-Foß: Nein. Der Wunsch war früher mal da. Aber letzten Endes frage ich mich, was es ihm und mir in der Situation bringen würde. Falls er Interesse äußern würden, mich kennenzulernen, würde ich mich freuen und „Hallo“ sagen. Wenn wir aber sonst ein Shake Hands hätten, wäre ich nicht mehr als ein Gesicht von vielen. Das würde auch mir keine Freude bringen. Früher hätte ich es spannend gefunden, heute denke ich: Wenn es passiert, okay. Aber ich arbeite nicht darauf hin.

Ihre erste Rolle für ihn war vor 20 Jahren „This Boys Life“, Sie sind ein Jahr jünger als DiCaprio – und danach seine Stimme geblieben.

Gerrit Schmidt-Foß: Anfangs war er einer von vielen jungen Schauspielern. Da wusste natürlich keiner, dass er in fünf Jahren „Titanic“ drehen und ein Weltstar werden würde. Danach kamen andere Filme, „Gilbert Grape“, „Schneller als der Tod“, das waren andere Sprecher. Dann gab es für „Romeo & Julia“ ein Probesprechen, das hat Baz Lurmann, der Originalregisseur, sich in Australien sitzend für Europa zuschicken lassen. Alle Probesprechen in Europa wurden von ihm bestimmt.

Ist das Usus so oder entscheidet das in der Regel der deutsche Verleih?

Gerrit Schmidt-Foß: Für die richtig großen Blockbuster geht das Probesprechen bis nach Amerika und wird dann dort entschieden. Baz Lurmann hatte das damals entschieden, kurz danach kam beim gleichen Verleih, 20th Century Fox, „Titanic“. Da war ich wieder zum Probesprechen eingeladen, weil das Büro von James Cameron auch noch ein Wörtchen mitreden wollte. Der Verleih hatte aber natürlich mich als Favoriten ins Rennen geschickt, weil ich vor nur einem Dreivierteljahr die Stimme von DiCaprio in „Romeo & Julia“ war und sie ihn gerne wieder einsetzen wollten. Daraufhin wurde ich auch eingesetzt.

Leidenschaft. Disziplin. Selbstkritik. Geduld. Was macht darüber hinaus einen guten oder schlechten Synchronsprecher aus? Kann das nicht jeder Schauspieler?

Gerrit Schmidt-Foß: Zum einen braucht man eine große Geduld und Demut vor der Leistung des Originalschauspielers. Ich lobe nicht alle über den grünen Klee. Aber: Die Leistung, die er in dem Moment gebracht hat, die muss ich würdigen. Jeden einzelnen Satz, jede Passage muss ich ernst nehmen können. Vor allen Dingen muss ich sie immer wieder ernst nehmen können.Auch nach dem achten Mal muss es so klingen, als wäre es das erste Mal, dass ich diesen Satz sage. Das muss auch jeder Schauspieler vor der Kamera, auch dort werden Szenen öfter gespielt, bis sie im Kasten sind. Dazu kommt aber noch eine gewisse Art von Timing, Rhythmusgefühl, und die Bereitschaft, den Schritt von einem Selbst, also Gerrit Schmidt-Foß, dem Schauspieler, weg und hin zum Schauspieler, den ich synchronisieren muss. Daran muss ich mich halten.

Ein oft fallender Vorwurf: Synchronisationen machen das Original kaputt, was immer besser sei. Gerade unter Serienfans.

Gerrit Schmidt-Foß: Okay, dann rate ich jedem Serienfan, die Bibel nur auf aramäisch und Don Quixote nur auf spanisch zu lesen! Wenn jemand gut englisch kann und es die Serie auf englisch gibt, bitte. Dann soll er sie so gucken. Ich behaupte nicht, dass wir absolut perfekt sind. Nein, wir sind die Synchronfassung. Aber hinter der Ablehnung davon steckt eine arrogante Art. Diese Kritiker tun so, als würde eine Serie, die synchronisiert ist, gar nicht mehr gelten, als wäre es gar nicht mehr die Serie. Und das stimmt nicht. Das Auge ist mächtiger als das Ohr, ich sehe immer noch die Bilder, und seien wir mal ehrlich: Selbst gute Untertitel schaffen es höchstens, ein Drittel bis zur Hälfte des gesprochenen Wortes rüberzubringen. Und da reden wir nur vom gesprochenen Wort, noch nicht von feinen Zwischentönen und Dingen wie Ironie und Sarkasmus. Wenn jemand „Thank You“ sagt, kann da gerne „Dankeschön“ stehen, aber ob dieses „Thank You“ mit Respekt, Gleichgültigkeit oder Verachtung gesagt ist, hört jemand, der kein englisch kann, nicht heraus. Bei einer guten Synchronfassung schon. Dort hat man außerdem die Möglichkeit, Witze, die man nur im entsprechenden Land versteht, anzupassen. Synchronfassungen sind eine eigenständige Form, ein synchronisierter Film bleibt ein synchronisierter Film. Aber er führt dazu, dass ich mir einen Film aus dem Iran angucken kann ohne nur die Hälfte zu lesen von dem was gesagt wird und die Untertöne nicht zu verstehen.

Gibt es Wunschrollen? Oder eine Art von Rolle, die sie noch nicht hatten? Etwa den Oberpsychopathen?

Gerrit Schmidt-Foß: Hatte ich alles schon! Jeremy Renner zum Beispiel habe ich als Jeffrey Dahmer gesprochen, und der war ein echt kranker Serienmörder. Auch in „Kaltes Land“ ist er ein absolutes Ekelpaket, dem man die Krätze an den Hals wünscht. Das Schöne am Synchronjob ist, dass man an einem Tag so ein absolutes Ekelpaket macht, am anderen Tag aber der zuckersüße Lieblingsheld von jeder Schwiegermutter ist. Heute bin ich den ganzen Tag Danny Williams von „Hawaii Five-O“, aber es gibt auch Tage, da bin ich von 9-12 Uhr ein total verkopfter Computernerd, mache dann Mittagspause und bin von halb 1 bis halb 6 ein Mafiakiller.

Sie sind organisiert im Synchronverband „Die Gilde“

Gerrit Schmidt-Foß: Wir versuchen dort die Wertschätzung und Wertigkeit von Synchron zu halten beziehungsweise zu verbessern. Der Zeitdruck wird zum Beispiel immer höher durch die Angst, dass etwas raubkopiert wird. Früher wäre eine Serie wie „Hawaii Five-O“ erst in Amerika gelaufen, irgendwann im Sommer wäre die Staffel vorbei, wir würden sie kriegen, synchronisieren, und irgendwann im Herbst, also ein Jahr nach US-Start, könnte diese Serie auf deutsch laufen. Aber wir hätten Zeit das mit aller Liebe und Respekt gut und profunde zu machen. Wir machen die Arbeit immer noch profunde und gut, zurzeit aber unter einem irrsinnigem Zeitdruck. Das versuchen wir zu verbessern und den Respekt hochzuhalten und zu sagen: Natürlich können die Fans noch lange rumjammern, dass die Lieblingsfolge einer Serie erst vier Wochen nach US-Ausstrahlung in Deutschland über den Sender läuft. Aber „Harry Potter“ ist auch nicht am zweiten Tag nach dem englischen Erscheinen auf deutsch erschienen, das hat auch mehrere Monate gedauert. Wenn man eine gute Synchronfassung will, dann muss man etwas Zeit und Geduld mitbringen. Wenn man sie gleich haben will, kriegt man eine schlechte Fassung und hat dann auch Grund, sich darüber aufzuregen. Wir versuchen den Leuten ein Gespür dafür zu geben, was Fast Food und was Feinkost ist.

Ist ja auch eine Kostenfrage für die Verleihe.

Gerrit Schmidt-Foß: Natürlich. Wenn ein Manga-Anime aus Japan kommt, das so speziell ist, dass ich zwar die Mangafans damit erreiche, aber auf DVD bloß 50.000 Kopien verkaufe, weil mehr Fans dafür auf dem deutschen Markt gar nicht da sind, dann ist es eine Kostenfrage, wie viel ich dafür ausgebe. Wenn ich bei einem Film aber im Kino 500-800.000 Besucher haben werde und danach die Videoauswertung und so weiter, ist die Frage: Gehe ich beim Preis für Synchron möglichst weit runter, damit mein Controller mich lobt? Oder will ich etwas Künstlerisches, Hochwertiges, das auch in 20 Jahren noch anzuschauen sein soll? Wir versuchen diesen, naja, Werteverlust, zu bremsen und zu sagen: Ihr müsst auf das Produkt gucken.

Leonardo DiCaprio hat nun eine längere Auszeit angekündigt…

Gerrit Schmidt-Foß: Kann er ruhig machen. Er ist ja nicht der einzige den ich spreche. Und finanziell ist das nicht das Problem. Wenn man sich so sehr auf einzelne Leute verlassen würde, wäre das schon dramatisch. Da würde man seine Geschicke irgendwo falsch dran hängen. Wichtig ist mir nur, dass mein Regisseur glücklich ist.


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