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Taylor Swifts Discografie ist eine Geschichte vom Verlust der Unschuld in allen Facetten

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Sie ist die Künstlerin des Jahrzehnts, befanden die American Music Awards 2019. Sie ist die 97. der 100 Greatest Songwriters Of All Time, befindet der „Rolling Stone“. Und doch ist die Geschichte Taylor Swifts die Geschichte einer Unterschätzten. In Deutschland.

Frauen, die Pop machen, werden unterschätzt. Angesehen, aber nicht gesehen. Jeder kommerziell erfolgreiche weiße Pop, der nach Britney Spears veröffentlicht wird, scheint eine Wiedergeburt von „Britney Spears“ zu sein. Also der Künstlerin als Interpretin von Plattenfirmenideen. Mit dieser – schon für Spears nicht passenden – Voreinstellung werden Popkünstlerinnen gesehen. Wenn sie erfolgreich sind. Jung sind. Und gut aussehend sind.

Diese Ignoranz ist vermutlich der Grund, warum viele Musik-Connaisseure überrascht sind, dass Taylor Swift jetzt ein Album wie FOLKLORE veröffentlicht hat. Ein Album, auf dem Swift macht, was sie immer schon gemacht hat: amerikanische Geschichten erzählen, die funkeln wie Wunderkerzen – über Klavier und Gitarre. FOLKLORE komponierte Swift mit The Nationals Aaron Dessner. Der als Co-Songwriter dafür steht, die Künstler_innen dazu zu bringen, „einfach“ zu machen, was ihnen gerade kommt. Nicht zu sehr wollen. Nicht zu planen. Ein Laissez-faire-Minus zu Swifts kontrolliertem Plus. Gemeinsam verzichteten sie auf große Beats, Bombast und Effekt. Gaben noch eine Mundharmonika dazu, und die Connaisseure klatschten. Und klatschen noch immer.

Es scheint also ganz so, als lenke Bombast im Pop – ähnlich wie Jungsein, wie Gutaussehen, wie Frausein – davon ab, hinzuhören. Als bedeute Eingängigkeit das Fehlen einer reichen, inneren Welt. Dabei gibt es kaum ein erfolgreiches, zeitgenössisches Pop-Werk, das eine derart reiche, innere Welt besitzt wie das von Taylor Swift. Sie ist Autorin weiblicher, ewig junger Americana. Die Abenteuer der Taylor Swift sind voller front porches, blue jeans, new money, James Dean und classic red lips. In acht Akten erzählt ihre Discografie eine Geschichte vom Verlust der Unschuld in allen Facetten. Politischer wie sexueller Natur. Ihr Werk erzählt Entzauberung in zauberhafter Symbolik. Metaphern brauche sie, sagte Taylor Swift mal in einem Interview. Sie brauche sie, um zu verstehen, was mit ihr passiere.

Aufgewachsen ist Swift in Pennsylvania. Auf einer Weihnachtsbaumfarm. Sie spielt Gitarre. Singt. Ist 16 Jahre alt, als sie nach Jahren voller Konzerten auf Jahrmärkten und Pfadfinder-Sommerfesten ihren ersten Plattenvertrag unterschreibt. Big Machine ist damals das kleinste Country-Label in Nashville. Sie eine Teenagerin, die ihr erstes dort veröffentlichtes Album im Mathe-Unterricht schreibt. TAYLOR SWIFT ist Highschool-Herzschmerz mit Banjo. Sehnsüchte einer jungen Außenseiterin. Der die Natur ihres Landes – Amerika – schöner scheint als sie selbst: „He said the way my blue eyes shined, put those Georgia stars to shame that night. I said: That’s a lie“. „Tim McGraw“ geht um einen Freund, der, wann immer er den Countrysänger hört, an sie denken soll.

Tim McGraw ist der Ehemann von Faith Hill. Und es war eine VH1-Doku über Faith Hill, die Swift als Jugendliche auf die Idee brachte, nach Nashville zu ziehen, um Country-Musikerin zu werden. Es waren die VH1-Dokus, die ihr die Leben der Künstler_innen als Geschichten erzählten. Derart eindringlich, dass sie sich vornahm, ihr eigene Geschichte zu schreiben. Als Künstlerin. Diese Geschichte würde eine bewusst geschriebene werden. Und deswegen auch eine populärere, als die, die einst auf der Schule für sie geschrieben worden war. Die der Außenseiterin. Niemals, nahm sie sich vor, würde sie wieder ihr Narrativ aus der Hand geben. Taylor Swift sollte stärker, größer, beliebter werden als Taylor Alison Swift.

FEARLESS heißt ihr zweites Highschool-Album. Es erscheint 2008. In „Change“ singt sie, dass doch immer nur die anderen gewinnen. Es ist ein Song, den sie länger in der Schublade aufbewahrte. Und erst zu Ende schrieb, nachdem sie gewonnen hatte: den Country Music Association Award 2007. Im Video zu „You Belong With Me“ trägt sie Brille zu mit Edding beschriftetem T-Shirt, wie früher, als sie niemand beachtete. Und liebte. MTV sieht sie, liebt sie. Zeichnet „You Belong With Me“ als Video des Jahres aus. Swift performt gekleidet wie auf einem Abschlussball. Es ist ihr Abschlussball. Dann passiert Kanye West. Unterbricht sie. Ihre
Dankesrede und damit ihr Erfolgsnarrativ. West fordert, Beyoncés „Single Ladies“ hätten den Preis als Video des Jahres gewinnen sollen. Es ist 2009. In Deutschland wurde der Vorfall mehrheitlich wahrgenommen als: Mann brüskiert Frau. Bringt sie zum Schweigen. 2020 würde die Öffentlichkeit den Vorfall wahrscheinlich anders lesen: Ein Schwarzer Mann steht ein für seine übergangene, Schwarze Schwester.

Swift – damals – hört nur die Buh-Rufe. Man hat ihr die Unschuld genommen. Sie schreibt darüber: „Innocent“. Fragt sich, war nicht alles leichter in den lunchbox days? Sie singt sich gut zu: „You’re still an innocent“. Das ist ihr wichtig. Sie will nicht „erwachsen werden“. Ein Motiv, das sie auf SPEAK NOW zuerst, und später auf fast jedem ihrer Alben besingt. Sie will nicht, dass die kindlich magische Welt um sie herum zerbricht. „To you everything’s funny, you got nothing to regret“, schreibt sie über ihr jüngeres Ich und ihre Sehnsucht nach andauernder Unschuld. SPEAK NOW erscheint 2010. Es ihr erstes Album ohne Highschool und Banjo. Sie schreibt es allein. Sucht sich in Rock und Pop. Reagiert sich in Streicherdramatiken ab. Der Song, über den alle sprechen aber, ist ein gitarrenuntermalter Brandbrief an einen Verflossenen: John Mayer. „Dear John, (…) Don’t you think I was too young to be messed with?“

Auf RED findet die Ära ihres Beziehungspops zwei Jahre später ihren Höhepunkt. Mit dem schwedischen Hit-Songwriter Max Martin schreibt sie den Hit „We Are Never Ever Getting Back Together“ und verlässt damit ihre Country-Wurzeln endgültig Richtung Pop. Sie wird dafür kritisiert. Und dafür, dass sie so viele Beziehungen führe, die nicht von Dauer sind. Ihre Reaktion? Ein neuer Nummer-eins-Hit. In „Shake It Off“ singt sie: „I go on too many dates, but I can’t make ’em stay. At least that’s what people say“. Swift macht es also wie im Rapgame. Reagiert musikalisch auf die Schlagzeilen, die um sie herum entstehen. Und generiert so neue Aufmerksamkeit. Engagiert ihre Fans – die Swifties –, die für sie einstehen. Online. Und die immer versuchen, ihre Songs und Videosymboliken zu entschlüsseln.

„Shake It Off“ erscheint auf 1989. Ihrem ersten, lupenreinen Popalbum. Damals erkennt sie in der Kritik an ihrem wechselhaften Liebesleben noch keinen Sexismus. Einen Streit mit der damaligen Kontrahentin Katy Perry wälzt sie in einem Kendrick-Lamar-Feature aus. Im Video zu „Bad Blood“ lässt sie ihre berühmten Freundinnen – Lena Dunham, Gigi Hadid, Cara Delevigne, Selena Gomez und Cindy Crawford – als Tarantino-eske Black-Mamba-Variationen auftreten. Eine Gang. Angeführt von Swift. Je nach Blickwinkel ist das Video entweder Machtgeste oder grelle Zurschaustellung einer Verletzung. Die Außenseiterin von einst hat nun die coolste Clique. Und die brennt ganz New York ab. Man stelle sich ihr besser nicht in den Weg.

Swift stellt sich Apple in den Weg. Erwirkt durch einen offenen Brief, dass auch die Streams aus den kostenlosen Probemonaten, mit denen Apple Abonnenten fischen will, zu Ausschüttungen für die Künstler_innen führen. Das ist clever. Denn 1989 ist komplett streamwürdig. Etliche geniale Songs und nicht ein schlechter finden sich auf dem Album. Jede Melodie setzt sich fest, jede Zeile schreibt sich fest. Den Claim „Cause We Never Go Out Of Style“ lässt sie sich schützen. 1989 bekommt den Grammy als Album des Jahres 2016. Ryan Adams nimmt eine folkrockige Coverversion des Albums auf.

Wer könnte jetzt noch fehlen? Zweiter Auftritt des Herrn West. Er hat die Swift’sche Song- und Schlagzeilen-Scharade studiert. Und will mitmischen. Singspricht in „Famous“ darüber, wie er „Taylor, die Bitch“ überhaupt erst berühmt gemacht habe. Sie schulde ihm deswegen Sex. Swift empört sich. Wests Ehefrau liefert Video-Mitschnitte, die belegen sollen, dass Swift die Zeilen im Vorhinein abgenickt haben soll. Und das Internet entlädt seine Häme. Taylor Swift verschwindet von der Bildfläche. Donald Trump lässt sich als Präsident aufstellen. Taylor Swift äußert sich nicht. Und die Öffentlichkeit tritt nach: Bestimmt sei sie auch noch Trump-Wählerin. Sie, die Patriotin, die doch immer Independence-Day-Partys gefeiert habe. In Rhode Island. Mit weißen Models und rot-weiß-blauen Wasserrutschen. Ihr Narrativ des „american good girls“ ist zerstört. Ihre Unschuld endgültig dahin.

„The old Taylor can’t come to the phone right now.
Why?
Oh, cause she is dead.“

Es ist Ende 2017, als sich die Grabplatte bewegt. Und Swift in „Look What You Made Me Do“ als Zombie wieder aufersteht. Das Album heißt wie das, was sie zuvor begraben konnte – ihre REPUTATION. „Look What You Made Me Do“ „…Ready For It“, „End Game“ und „I Did Something Bad“ sind leicht HipHop-unterspülter Revenge-Pop. Gladiatoren-Auftritte. Flex. Jeder Beat ein Wutanfall. Jede Zeile ein Verweis oder Platzverweis. Am Ende des „Look What You Made Me Do“-Videos lässt sie, die Puppenspielerin, alle alten Versionen ihrer selbst nebeneinander auftreten. Sie unterhalten sich in oft gehörter Swift-Kritik übereinander. Eine sagt, sie filme alles, um das Gefilmte später geschickt zu schneiden. Das soll Swifts letztes Wort zur Causa West sein.

Diese Hälfte von REPUTATION ist eine narzisstische Kränkung, die Spaß macht. Die andere ist wunderbares Songwriting. „New Year’s Day“ ist eine nach Kerzenwachs auf Holzböden riechende Pianoballade, die auch auf FOLKLORE gepasst hätte. Es ist eine Liebeserklärung an ihren Partner, der ihr durch die Krise half. Aber mehr noch als ihr Partner, hilft ihr der Erfolg von REPUTATION. Sie hat ihren roten Faden wieder in der Hand. Wörtlich. Denn mit REPUTATION endet ihre vertragliche Bindung an die durch sie nun etwas größere Big Machine. Dass sie mit 16 einst alle Rechte abtrat, macht sie wütend. So wütend, dass sie verkündet, sie werde all ihre alten Alben covern. Zunächst aber nimmt sie noch ein neues Album auf.

LOVER erzählt Taylor Swifts Verlust von Amerika. Im Schlüsselstück „Miss Americana & The Heartbreak Prince“ singt sie – in der ihr eigenen romantischen Coming-of-Age-Metamophorik –vom Erwachen aus dem Amerikanischen Traum: „American glory faded before me, now I’m feeling hopeless, ripped up my prom dress“: Das Zerreißen des Abschlussballkleides steht für das Erwachen der weißen Mittelschicht aus den Träumen der Arglosigkeit der eigenen Existenz. In der Ära Trump hat Swift keinen Independence-Day-Partys mehr gefeiert. In „The Man“ klingt sie wie eine Tennessee-Christine-and-the-Queens. Singt, dass ihre Geschichte wohl anders verlaufen wäre, wäre sie ein Mann gewesen. Ihre Musik! Ihre vielen Liebschaften! Man hätte sie gefeiert, als „The Man“. Im Video pinkelt sie – als Mann verkleidet – gegen eine Wand, an der ein Scooter-Verbotsschild hängt. Scooter Brown ist der Masterrechte-Inhaber ihrer vorherigen Alben. Mit den (damals noch: Dixie) Chicks, die einst aus den Country-Radios verschwanden, nachdem sie sich kritisch zu George W. Bush geäußert hatten, nimmt sie eine Country-Ballade für ihre krebskranke Mutter auf. Reflektiert sie ihr eigenes Temperament: „I never grew up, it’s getting so old“.

Und genau hier knüpft ihr ruhigstes, ihr musikalisch harmonischstes Album an. FOLKLORE ist eben wirklich ein Album. Ohne jeden Pralinenschachtel-Charakter.

Swift schreibt Songs, die amerikanische Geschichte und Geschichten erzählen, in denen sie sich selbst sieht. Stücke, die sich untereinander aufeinander beziehen. Wie die Rebekah-„Betty“-Harkness-Songs „The Last Great American Dynasty“ und „Mad Woman“. Harkness ist eine Komponistin, Ballettkompanie-Gründerin und Philantropin, die in den Achtzigern starb. Deren Haus in Rhode Island Swift kaufte. Und die von der Öffentlichkeit – wie Swift – nur zu oft harsch kritisiert wurde, für Sachen, für die Männer verehrt worden wären. Harkness wurde als „Mad Woman“ bezeichnet. Ein Song, der als entschälte Version von „The Man“ gehört werden kann. In „Cardigan“ singt sie von Peter, der Wendy verliert. Eine Anspielung auf Peter Pan. Der Junge, der nicht erwachsen werden konnte. FOLKLORE klingt wie ein Lagerfeuer auf einem Zeltplatz in einem amerikanischen Nationalpark. Es ist romantisch, weil Swift kindliche, junge Bilder verwendet, um erwachsene Geschichten zu erzählen. Taylor Swift hören, ist sich unter einer Discokugel auf einem verlassenen Dachboden in Rage drehen. Ist, sich dabei ruhig blamieren. Zusammenbrechen. Nie aufhören. Sich erlauben, Kind zu sein. Jeder trägt einen Cardigan, in dem der Duft vergangener Jahrzehnte hängt. Alles, was man tut, tut man mehr oder weniger für sein jüngeres Ich. Sehnt sich danach, gut zu sein. Unschuldig zu sein. Auch wenn man weiß, dass man sich – um gesehen zu werden – nur zu häufig mit Schuld aufladen muss. Besonders eben dann, wenn man eine Frau ist. Die sich ihre harsche Wirklichkeit mit Metaphern aus rotem Samt ausschlägt.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Musikexpress Ausgabe 10/2020

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