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ME-Helden

Arctic Monkeys: Wie aus ein paar britischen Teenagern eine der größten Rockbands der Welt wurde

Einmal fuhren Alex Turner, Matt Helders und der ehemalige Arctic-Monkeys-Bassist Andy Nicholson mit einigen Freunden nach London. Zu der Reisegruppe gehörte auch Chris McClure, das spätere Covermodel von WHATEVER PEOPLE SAY I AM, THAT’S WHAT I’M NOT. Es war der 5. Dezember 2003, und die Grundschulfreunde, deren Familien bis heute im Sheffielder Vorort High Green Tür an Tür wohnen, wollten an diesem Tag nicht einfach nur ihren Spaß haben. Für sie war der London-Trip eine regelrechte Wallfahrt: Am Abend traten die Strokes im „Alexandra Palace“ auf. Einige Monate zuvor hatten Turner, Helders und Nicholson gemeinsam mit einem weiteren Nachbar, dem Fliesenleger und Amateurfußballer Jamie Cook, eine eigene Band gegründet, die es ohne die Strokes nicht geben würde: Arctic Monkeys. Und nun kamen eben diese Strokes, die Band, welche die Rockmusik der Nullerjahre mehr geprägt hat als jede andere, nach London – da wollten sie nicht hin, sie mussten.

15 Jahre später eröffnet Alex Turner den neuen Song „Star Treatment“ mit der Zeile: „I just wanted to be one of The Strokes, now look at the mess you made me make.“ Es geht also auch um diesen 5. Dezember 2003 und alles, was danach gekommen ist. „Wir hatten damals gerade die Band gegründet, und es gab absolut nichts Größeres für uns als das zweite Strokes-Album“, sagt Turner. „Kurze Zeit später standen wir dann plötzlich selbst auf solchen Bühnen. Eben waren es noch kleine Läden in Sheffield, im nächsten Moment sind wir in New York. Die Strokes, die Indie-Diskos: Das alles fühlt sich an, als wäre es gestern gewesen. Gleichzeitig ist es Lichtjahre entfernt.“ Auf dem Album, aus dem die Strokes-Zeile stammt – es heißt TRANQUILITY BASE HOTEL + CASINO, ist dieser Tage veröffentlicht worden und bereits das sechste der Band – widmet sich Turner vor allem diesen Fragen: Wo ist all die Zeit geblieben, was kann jetzt noch kommen?

Für die Arctic Monkeys hat sich alles und nichts geändert

Im Grunde hat sich für die Arctic Monkeys seit damals alles und nichts geändert. Am Anfang ging es meistens um Pickel, an einem herrlichen Londoner Vorfrühlingstag im März 2018 geht es um einen Bart. Alex Turner, immer noch erst 32, sitzt vor einem sogenannten Craft Beer, das ihm 2005 vermutlich nicht ins Glas gekommen wäre, und trägt: diesen verdammten Bart. Eigentlich ist es eher eine Art spätjugendlicher Flaum, in Neukölln oder Queens würde man ihn dafür auslachen. Es ist vermutlich keine Absicht, aber mit dieser Andeutung eines Vollbarts und den langen Haaren sieht er ein bisschen so aus wie D’Artagnan. Eigentlich egal, passt aber längst nicht zu jedem. Deshalb gibt es jetzt eine Petition auf change.org, die zum Zeitpunkt der Niederschrift immerhin 2 793 Unterzeichner gefunden hat und Turner zur baldigen Rasur auffordert. Eines der „Argumente“: Der Bart sei rot, das harmoniere nicht mit Turners braunen Augen. „Es ist lustig, dass die Leute so aufs Aussehen fixiert sind“, findet der, „aber ein bisschen beängstigend ist es auch: Eben noch wollte ich einfach nur so sein wie die Strokes, nun sitze ich hier mit einer verdammten Petition.“ Wie konnte das passieren?

Die Geschichte der Arctic Monkeys beschreibt eine der ganz wenigen klassischen Rockkarrieren der vergangenen 20 Jahre. In einer Zeit, in der alles immer schneller wurde, hatten diese vier Typen erst einen wahnwitzigen Über-Nacht-Erfolg – und sind dann allerdings nicht verpufft, sondern Stück für Stück immer weiter gewachsen, stilistisch wie kommerziell. Den heutigen Status der Band aus Sheffield kann man schon daran ablesen, dass sie auf diesen Seiten verhandelt wird: Von Anfang an hat Musikexpress die Karriere der Arctic Monkeys begleitet, nun sind sie ME-Helden. Werden also in eine Reihe mit zuletzt unter anderem Roxy Music, Iggy Pop und Led Zeppelin gestellt. Aber bevor man den Satz „Neben Iggy Pop kann man sich diese Jungs auch 2018 noch nicht so ganz vorstellen“ geschrieben hat, fällt einem natürlich ein, dass selbst das ja längst passiert ist: Der HipHop-Fan und Brachialdrummer Matt Helders war der Schlagzeuger der Allstar-Band um Josh Homme, mit der Iggy sein letztes Album POST POP DEPRESSION aufgenommen hat.

Die Arctic Monkeys sind eine der wenigen Rockbands, die zuletzt immer größer wurden

HipHop ist ein gutes Stichwort: Dass die Arctic Monkeys eine der wenigen Rockbands sind, die in einer Zeit immer größer wurden, in der Rockmusik kaum noch eine Rolle spielt und zunehmend durch HipHop als wichtigste globale Jugendkultur verdrängt wird, erklärt sich auch aus der Tatsache, dass sie in gewisser Weise eine Rap-Band sind, wenn auch nicht im musikalischen Sinne. Der Beat, das rhythmische Verständnis, der Sprechgesang, vor allem aber die Art, mit der Alex Turner im Stile der großen Alltagsrealisten erst aus dem Leben britischer Vorstadtkids und später aus dem der Band erzählte, sind klar Rap-konnotiert. Die noch sehr jungen Helders, Turner und Nicholson verbrachten in den späten Neunzigern ganze Wochenenden damit, Dr. Dre, Wu-Tang Clan und Outkast zu hören und am Rechner von Turners Vater schlechte Beats zusammenzubasteln. Erst die Strokes gewannen die vormaligen Oasis-Fans wieder für den Rock’n’Roll. „Wir hatten HipHop-, Soul- und alle möglichen anderen Phasen“, sagt Matt Helders 2006. „In der Schulzeit war ‚Champagne Supernova‘ mein morgendlicher Soundtrack zum Waschen und Zähneputzen, die Spielzeit hat genau gereicht.“

In diesem Satz klingt vieles mit, was diese Band ausmacht: Die Arctic Monkeys haben schon früh Lady Gagas „Pokerface“ gecovert, und ihr Hauptproduzent James Ford gehört außerdem dem Techno-House-Duo Simian Mobile Disco an. Sie verehren die Queens Of The Stone Age ebenso wie Puff Daddy, aber einige ihrer Melodien erinnern an Scott Walker. Die Arctic Monkeys passen perfekt ins Pop-Verständnis dieser Zeit, weil sie nach allen Seiten offen sind und daraus einen einzigartigen Stil abgeleitet haben.

Die Arctic Monkeys passen perfekt ins Pop-Verständnis dieser Zeit, weil sie nach allen Seiten offen sind und daraus einen einzigartigen Stil abgeleitet haben.

So gab es auf dem Debütalbum WHATEVER PEOPLE SAY I AM, THAT’S WHAT I’M NOT zwar Strokes-Gitarren und einige andere damals typische Merkmale des sogenannten Indie-Rock, aber diese Musik war auf eine eigentümliche Weise auch sehr referenzlos und eigen. Über die Zeit integrierten die Arctic Monkeys immer mehr Stile in ihren Sound: Surf, Punk, Postpunk, Psychedelic, klassischer Rock’n’Roll, Stoner Rock, Ska, Britpop fanden in ihrer Musik ein Zuhause. Und natürlich wurden die Arctic Monkeys zu einer Zeit durch das Internet groß, als dieses Karrieremodell noch alles andere als selbstverständlich war. Wie wenig und gleichzeitig wie viel Zeit seitdem vergangen ist, kann man unter anderem daran ablesen, dass sie ihre ersten Songs noch als MP3 ins Netz stellten und in „A Certain Romance“ die vermeintliche Seelenlosigkeit im damaligen Pop mit einer Klingelton – Metapher beschrieben. Die ersten Konzerte spielten sie in einer Kneipe, in der Andy Nicholson kellnerte. Und weil bei diesen frühen Shows kaum jemand zuguckte, kamen die Musiker auf die Idee, ihre Demos auf der Webseite hochzuladen.

Was dann passierte, ist eine Geschichte, wie man sie eigentlich nur aus den frühen Sechzigerjahren und von Bands wie The Who oder den Rolling Stones kennt: Von Woche zu Woche kamen immer mehr Leute in die Clubs, es entwickelte sich zwischen den Fans und der Band ein Community-Gedanke, bald konnte das wachsende Publikum sämtliche Songs mitsingen. Es ging vor allem um die Texte: In Songs wie „Mardy Bum“, „From The Ritz To The Rubble“ und natürlich „I Bet You Look Good On The Dancefloor“ erzählte Turner aus einem Leben, das sein Publikum ebenso führte wie er selbst. Vermeintliche Alltagsbanalitäten, beinahe journalistisch beschriebene Szenen einer Kleinstadtjugend. Es gab keine Barrieren, die Arctic Monkeys sahen genauso aus wie die Leute vor der Bühne. Die Musik, die die Band dazu spielte, bezog sich zwar auf ähnliche Quellen wie etwa die der Libertines, war also durchdrungen von Punk, Postpunk, Britpop, aber der Schmutz in diesen Liedern war ein anderer: Es war kein Straßenschmutz, sondern der Staub der Provinz.

Die ersten Deutschland-Konzerte der Arctic Monkeys werden heute ähnlich verklärt beschrieben wie die frühen Shows von Nirvana

Alles, was danach kam, können viele vermutlich immer noch jederzeit im Schlaf aufsagen: Über das Internet wurde erst die britische Musikpresse auf die Band aufmerksam und dann die Plattenfirma Domino, wo sie bis heute unter Vertrag stehen. Also nahmen sie ihre frühen Demos noch einmal fein säuberlich mit dem Produzenten Jim Abbiss auf, und obwohl diese Songs bereits auf Hunderttausenden Festplatten ruhten, wurden sie begeistert gekauft: Kein anderes Album einer Band hat sich in der Geschichte der britischen Charts so schnell so oft verkauft wie WHATEVER PEOPLE SAY I AM, THAT’S WHAT I’M NOT. In der ersten Woche nach seinem Erscheinen wurden mehr Exemplare abgesetzt als von allen folgenden Top-20-Platzierungen gemeinsam. Es wird seitdem in keiner Bestenliste vergessen und ist bereits jetzt, zwölf Jahre nach seinem Erscheinen, ein moderner Klassiker.

Die Konzerte, welche die Arctic Monkeys bald auch in deutschen Clubs gaben, werden heute ähnlich verklärt beschrieben wie die frühen Shows von Nirvana. In einer Zeit, in der es noch nicht ganz so selbstverständlich war, dass Konzerte in Deutschland zu 80 Prozent von Easy-Jet-Touristen aus England besucht werden, wurde etwa der „Mudd Club“ im Berliner Stadtteil Mitte an einem regnerischen Montag weggefegt wie von einem Sturm: Das überwiegend englische Publikum tanzte, feierte, sang alles mit, und irgendwann kippten die Boxen um. Die Monkeys waren schüchterne kleine Jungs in Polohemden und Nicholson sah aus wie ein Mallorca-Pauschalreisender, aber sie spielten wie besessen. Es war ein historischer Moment.

Die weiteren Eckdaten einer besonderen Karriere: Auf dem zweiten Album FAVOURITE WORST NIGHTMARE, auf dem Nick O’Malley den tourmüden Nicholson ersetzte, verdichteten die Monkeys ihren Stil, sie waren ununterbrochen auf Tour oder im Studio, irgendwann gingen ihnen die Ideen aus. Also empfahl der Domino-Chef Laurence Bell eine Zusammenarbeit mit Josh Homme. Sie gingen in die Wüste, übernachteten im ehemaligen Zimmer von Gram Parsons im „Joshua Tree Inn“, trafen P Diddy in Los Angeles und öffneten sich auf HUMBUG noch etwas orientierungslos der härteren Rockmusik.

Über das nachfolgende Album SUCK IT AND SEE ließen sich nicht ganz so gute Geschichten erzählen, dafür war die Musik stimmiger. Die Vermengung von Psychedelic und Stoner Rock mit flirrendem Lee-Hazlewood-Wüstenambiente, Scott-Walker-Grandezza und jenem stürmisch-britischen Aplomb, für den die Arctic Monkeys ursprünglich standen, gelang. Trotzdem: Auf den mittleren Alben gab es Schwächen, die Monkeys waren musikalisch auf der Suche und verzockten sich auch mal, aber man hatte immer das Gefühl, dass es sich lediglich um Momentaufnahmen handelte. Sie würden einfach weitermachen. Weiter wachsen. In den Folgejahren taten die Arctic Monkeys vieles, was Rockstars eben so machen: zogen nach Los Angeles, hatten Supermodel-Freundinnen, unterhielten Nebenprojekte wie Turners Last Shadow Puppets. Helders kreierte eine Klamottenlinie und eröffnete einen Laden in Sheffield, Jamie Cook, von dem man sagt, er hätte vielleicht das Zeug zum Profi gehabt, wenn er drangeblieben wäre, spielte eine Saison mit seiner alten Thekenmannschaft in der Sheffield Sunday League.

Nach AM wurden die Arctic Monkeys erfolgreicher, als es ihre Vorbilder The Strokes jemals waren

Mit dem fünften Album AM wurden die Arctic Monkeys dann 2013 endgültig zu einer großen Band mit Millionenverkäufen, Festival-Headliner-Slots und dem ganzen Gebimmel. Indem sie den coolen Strokes nachgeeifert hatten, waren sie vermutlich eher unfreiwillig genau zu deren Gegenentwurf geworden – und als solcher erfolgreicher, als die Vorbilder es je waren. Zehn Jahre waren vergangen wie im Rausch, im Grunde hatten sie diesen Zug, der sie damals nach London brachte, bis hierhin nicht mehr verlassen. Nach AM verabschiedete sich die Band in eine sehr lange Pause. „Damals hat es sich angefühlt wie das Ende von irgendetwas“, sagt Alex Turner im März 2018 in London. „Bis dahin war alles wie eine ewige Klassenfahrt gewesen. Nun aber hatten einige von uns geheiratet, es gab die ersten Schwangerschaften und Kinder. Es war uns allen klar, dass sich etwas ändern würde. Und so kam es dann auch: Wir haben uns in den vergangenen fünf Jahren viel seltener gesehen als irgendwann sonst in unserem Leben.“

Aus dem extrem gediegenen neuen Album lassen sich keine einzelnen Songs rauslösen, es ist ein Gesamtkunstwerk und hievt den Songschreiber Alex Turner noch mal auf ein völlig neues Niveau. Aber wo finden die anderen Musiker ihren Platz auf diesem, ja wirklich: Meisterwerk? „Ich bin ein Teil dieser Band und hatte nie Interesse daran, ein Soloalbum zu machen, aber ich musste diese Musik schreiben, sie war in mir“, sagt Turner. „Es ist eine Reflexion in Unkenntnis der Zukunft. Ich habe das dringende Bedürfnis verspürt, über diese unfassbare Sensation in unserem Leben zu schreiben, plötzlich zu diesen Leuten geworden zu sein, die wir vorher nur bewundert hatten. Und darüber, was das mit mir und der Welt um mich herum gemacht hat.“ Turner hat die Songs alleine zu Hause in Los Angeles am Klavier geschrieben und aufgenommen. Irgendwann lud er Jamie Cook ein und spielte sie ihm schüchtern vor. „Sein Enthusiasmus für diese Musik hat mir meine Unsicherheit genommen, bald darauf gaben auch die anderen grünes Licht, weil sie die Songs toll fanden und gemerkt haben, wie viel mir dieses Album bedeutet.“

Diese Sätze sagen alles über die Funktionsweise und die große Freundschaft in dieser Band aus, was man wissen muss.

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