Was wir schon immer über das Filmjahr 2013 sagen wollten…

Unser Moment des Filmjahres 2013 gehört einem Werk, das – zumindest in Deutschland – erst ab Januar zu sehen sein wird.

Vollgepumpt mit längst aus dem Verkehr gezogenen Tabletten darf Leonardo DiCaprio als Jordan Belfort das Kino in „The Wolf Of Wall Street“ wieder zu seinen Ursprüngen im Slapstick als wortlose Kunst zurückführen. Degradiert zum unverständliches Zeug brabbelndes Häufchen Elend, schleppt er sich über gefühlt zehn Minuten vom Ausgang des Country Club zu seinem Wagen, den er in einer unmöglichen Verrenkung schließlich mit den Füßen öffnet. Innerhalb von nur einem Jahr ist es bereits das zweite Mal, dass „Der große Gatsby“in die Haut eines charismatischen Bösewichts schlüpfen darf. Bereits Anfang 2013 war es Leonardo DiCaprio als Calvin Candie in Quentin Tarantinos Oscar-Abräumer „Django Unchained“ gelungen, ein paar Glanzlichter setzen zu dürfen neben dem Mann, der dank Tarantino bereits zum zweiten Mal einen Oscar einstreichen durfte: Christoph Waltz.

Was uns das über das Filmjahr 2013 sagt? Das Kino hat zumindest teilweise wieder etwas vom Fernsehen gelernt. Denn immer dann, wenn es auch auf der großen Leinwand eindrucksvoll und preisverdächtig wurde, hatte man es nicht mehr mit strahlenden Helden oder dumpf verliebten Pärchen zu tun, sondern entweder mit schillernden Bösewichten oder mit gebrochenen, aber gleichwohl faszinierenden Borderline-Persönlichkeiten.

Das konnte dann entweder wie von Philip Seymour Hoffman als „The Master“ ganz subtil ausgespielt werden und daraus einen ungeheuerlichen Sog entwickeln oder wie im sensationellen indischen (!!) Gangsterepos „Gangs Of Wasseypur“ (das freilich nur im Heimkino zu erleben war) und Harmony Korines „Spring Breakers“ in Gestalt von James Franco offen zur Schau gestellt werden – der Faszination des „Bösen“ konnte man sich selbst im Blockbuster-Kino der Marke „Star Trek“ (dank eines sensationell aufspielenden Benedict Cumberbatch) kaum entziehen. Kulminiert ist das in der vielleicht schmerzhaftesten Kinoerfahrung des Jahres: „The Act Of Killing“. Hier ist das Böse in Gestalt von Anwar Congo leider nur allzu real, gespiegelt ausgerechnet über die Mechanismen des klassischen Gangsterfilms, den Regisseur Joshua Oppenheimer dazu nutzt, einige am Völkermord in Indonesien beteiligte Killer ihre Taten vor der Kamera noch einmal nachspielen zu lassen.

Angesichts von so viel Bösem musste das Gute in 2013 zumindest gebrochen erscheinen, um sich erzählerisch durchsetzen zu können. Etwa in „Der Geschmack von Rost und Knochen“, wo ein gefühlskalter Straßenkämpfer eine Bindung zur körperlich und menschlich kaputten Marion Cotillard aufbaut. Mit „Inside Llewyn Davis“, dessen Hauptfigur wir auch nicht gerade als grundsympathisch bezeichnen würden. Oder mit „Blue Jasmine“, in dem Cate Blanchett unter der Regie von Woody Allen zur (hysterischen) Form ihres Lebens finden darf. Ausgenommen vielleicht nur die wunderbare „Frances Ha“ und der sensationelle „Blau ist eine warme Farbe“, in welchen die weiblichen Hauptfiguren einfach nur sein durften, wie sie sind: wunderbare und mit dem Leben hadernde Frauen nämlich, die einem den Glauben an das Gute nicht nur im Menschen, sondern auch im Kino zumindest ein Stück weit wieder zurückgegeben haben.

Denn – ganz ehrlich – haben wir trotz technischer Meisterleistungen à la „Gravity“ in 2013 langsam angefangen, der großen Leinwand „Adieu“ zu sagen. Wovon nicht nur etliche Bestenlisten der ME-Redakteure zeugen, sondern auch eine deutsche Medienlandschaft, in der im vergangenen Jahr endlich auch das US-Fernsehen in der Mitte der Gesellschaft ankommen durfte. Denn auch wenn das Kino in Teilaspekten vom Fernsehen lernen konnte, hat man von wirklichem „großem Kino“ vor allem im seriellen Kontext gesprochen – dank VOD-Diensten wie „iTunes“ und Streamingportalen wie „Watchever“ oft bereits wenige Tage nach Ausstrahlung des US-Originals.

Der Besuch von Facebook? Fast unmöglich, wollte man von sogenannten „Freunden“ nicht gespoilert werden. News-Portale wie „BILD“ oder „SPON“? Sollten besser gemieden werden, wollte man nicht wissen, was sich in der TV-Geschichte schreibenden „Red Wedding“ von „Game Of Thrones“ zugetragen hat oder ob und wie Walter White seinen finalen „Break“ erlebt. Bryan Cranstons fünf Jahre währender Abstieg vom „good guy“ zum „bad guy“ ist ausgerechnet in seinem finalen Jahr zum medialen Großereignis aufgestiegen, „Breaking Bad“ auch in Deutschland zum Synonym für das geworden, was das Fernsehen dem Kino voraus hat: einen langen Atem nämlich. Und keine Scheu davor, seine Identifikationsfiguren am unteren Ende der moralischen Skala anzusiedeln.

Und so konnte eben nicht nur Walter White in die Fußstapfen des großen Tony Soprano (R.I.P., James Gandolfini) treten, es durfte im Dienste der Unterhaltung auch fleißig gemordet werden. Von einem wie „Dexter“ zum vorerst letzten Mal, von Mads Mikkelsens „Hannibal“ Lecter und der psychotischen Familie Bates oft nur mehr zu (sehr) später Stunde, weil die hier gezeigten Grausamkeiten das gewohnte Maß dann doch in erheblichem Umfang übertroffen haben. Und auf eine seit Jahren schon mordende und intrigierende Bikergang, die wandelnden Toten eines Robert Kirkman, den verstörenden Killerkult von „The Following“, die eigentlich russischen „Americans“ und den vermeintlichen Terroristen in unserer Mitte („Homeland“) wollen wir aus Platzgründen nicht weiter eingehen.

Auf einen allerdings schon noch: Denn Ende des Jahres haben zwei weitere Größen des Kinos, Kevin Spacey und David Fincher, gezeigt, dass der Medienrummel um „Breaking Bad“ kein Einzelfall war. Mit „House Of Cards“ hat der US-Streaming-Gigant „Netflix“ die Karten in Sachen TV-Unterhaltung noch einmal neu gemischt und eine Eigenproduktion vorgelegt, die für Abokunden sofort und am Stück verfügbar war. Ein über zehnstündiger politischer Intrigantenstadl, an dessen Spitze Spacey mit offen zur Schau gestellter Boshaftigkeit an Fäden zieht, von denen viele offenbar nicht einmal gewusst haben, dass sie überhaupt existieren.

Und das Jahr 2014? Das bringt uns im Kino erst einmal die Highlights, die schon in 2013 etliche Bestenlisten im Ausland angeführt haben, die aber – anders als der US-Serienstoff – mit einiger Zeitverzögerung in unseren Kinos landen werden: David O’ Russells „American Hustle“, Spike Jonzes „Her“, den sensationellen „Twelve Years A Slave“ und schließlich den eingangs erwähnten „Wolf Of Wall Street“.

Mit dem deutschen Film und dem, was er uns – abgesehen vielleicht von „Oh Boy“ – an wirklich Außergewöhnlichem geschenkt hat, hat das natürlich nur wenig zu tun. Deshalb vielleicht noch so viel: Die letzten großen diesbezüglichen Medienereignisse waren „Fack Ju Göthe“ und Til Schweigers 50. Geburtstag. Jeder halt so, wie er kann.


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