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Kendrick Lamar untitled unmastered.

Top Dawg / Aftermath / Interscope

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Kendrick Lamar, ohnehin kein Freund großer Worte, sobald man ihm die Mucke abdreht, fasste sich kurz: „Demos from To Pimp A Butterfly. In Raw Form. Unfinished. Untitled. Unmastered.“ Acht neue Tracks hat er in der Nacht zum vergangenen Freitag aus dem (durch einige Fernsehauftritte sorgsam angewärmten) Nichts ins Netz gestellt. Man könnte das zum Anlass nehmen für eine Runde Thinkpieces – Was heißt das im Internet eigentlich, „fertig“? – schön den crazy Kanye und seine in Echtzeit übertragene Herzoperation am lebenden Patienten namens THE LIFE OF PABLO dazudeuten, vielleicht noch ein paar Worte darüber verlieren, wie und wo Musik heute gehört wird und was das für den einst reputablen Beruf des Mastering-Engineers bedeutet. Man kann sich aber auch einfach freuen. Freuen über die rare Gelegenheit, Einblick zu nehmen in den kreativen Prozess eines Hochbegabten an einem sehr besonderen Punkt seiner Karriere. Freuen über mit die beste Rapmusik, die man derzeit bekommen kann, unvollendet hin und her.

Die Grundhaltung ist nach wie vor Jazz, auch lyrisch: Lamar greift immer wieder assoziativ narrative Fäden auf, verliert das Interesse, verliert sich selbst, nur um im nächsten Augenblick durch den Impuls eines Mitmusikers neues Moment zu finden. So springt er auf „untitled 1“ in einer einzigen Minute von gewispertem Schweinkram zu detaillierten Beschreibungen der Apokalypse. Auf „untitled 4“, insgesamt mehr Moodboard als Song, ist ein eindeutiges Thema kaum noch auszumachen. Immerhin hat Sängerin SZA eine klare Botschaft anzubieten: „Head is the answer, head is the future, don’t second guess yourself.“ Das ist typisch für untitled unmastered. und typisch für Kendrick, der manchmal kryptisch ist wie ein Beat-Poet und manchmal konkret wie ein Sozialarbeiter.

Andere Songs folgen dagegen einem klaren Konzept. Es sind vor allem jene, die Lamar im Fernsehen uraufgeführt hat, in den Sendungen von Stephen Colbert und Jimmy Fallon oder bei den Grammys, wo er das ganze Dilemma einer (afroamerikanischen) Generation zu einer Art Hochspannungsmusical von sechs Minuten Länge verdichtete. „untitled 3“ etwa hätte in dieser Form auch auf TO PIMP A BUTTERFLY sein können, wenn es nicht – zu Recht – aussortiert worden wäre. Kendrick trifft vier Menschen aus vier Kulturen. Sie alle bieten Ratschläge an, wie mit Reichtum und Erfolg am besten umzugehen sei. Der Asiate will meditieren, der Indianer will Land, der Schwarze will vögeln, der Weiße (aka die Musikindustrie) will maximalen Profit. Eine wie auch immer geartete Meta-Ebene ist bei diesem Stereotypen-Fest leider nicht auszumachen. Auf „untitled 8“ geht es ebenfalls um neues Geld und die damit einhergehenden uralten Fragen. Kendrick widersteht der Versuchung, sie beantworten zu wollen; er umkreist sie vielmehr mit dieser Mischung aus Beobachtungsgabe ohne Wertung und Selbstreflexion ohne Schonung, die ihn so drastisch abhebt vom Selbstgefälligkeitszirkus Hip-Hop. „untitled 5“ schließlich ist das Psychogramm eines Mannes, gebrochen von Alkohol, Justizwillkür, Selbsthass, Gewalt – die kausalen Zusammenhänge bleiben hier so unklar wie sie nun einmal sind in dieser m.A.A.d world. Musikalisch ist „untitled 5“ der klare Höhepunkt der Platte. Die stoische Bassline, die seltsam aufrührenden Hi-Hats, die stimmlichen Kontraste zwischen Kendrick und seinen Feature-Partnern Terrence „Punch“ Henderson und Jay Rock, der dramaturgische Kniff zum Ende: Man weiß gar nicht, was man sagen soll, weil ja eh alles gesagt ist und trotzdem nichts, was Kendricks derzeitiger kreativer Energie, seiner kulturellen Strahlkraft, seiner gesellschaftlichen Bedeutung gerecht würde.

Noch interessanter ist untitled unmastered. nur dann, wenn man tatsächlich den Eindruck hat, dem Meister bei der Arbeit über die Schulter sehen zu können. „untitled 7“ etwa besteht aus drei gänzlich disparaten Songskizzen, dazwischen hört man Kendricks Clique sprechen, lachen, jammen. So viel Making-of ist selbst im Snapchat-Zeitalter rar. Und dann ist da noch „untitled 2“, gleichzeitig der offensichtliche Hit der Platte und ein Track der offenen Tür in der Werkstatt des Schwerstarbeiters Kendrick Lamar. Inhaltlich geht es um die Crew und deren Geilheit im Speziellen. So eine Pflichtübung spult Kendrick natürlich auf der linken Arschbacke ab, also nutzt er die Gelegenheit, um zwischen den „like Kobe and Phil“-Vergleichen mit seiner Stimme zu experimentieren. Erst hört man eine Art Sprachfalsett, dann ein paar betont gelangweilt vorgetragene Meriten und Drohungen, schließlich eine spielerische Annäherung an das druffe Triumphgeheul moderner Trap-Rapper wie Young Thug oder Future. Oida wow: Was für eine Bandbreite, was für eine Power!

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