Rückblick

25 Jahre später: Was 2001 der Musik – und der Welt – hinterlassen hat

Von iTunes bis The Strokes: Vor 25 Jahren wurden Weichen gestellt, die Musik, Politik und Alltag bis heute bestimmen. Warum 2001 das wichtigste Jahr des Jahrtausends war.

Nach der maßlosen Enttäuschung des Jahres 2000 nimmt das neue Jahrtausend erst 2001 Fahrt auf – im Guten wie im Schlechten. In diesen zwölf Monaten wurden die Weichen für Entwicklungen gestellt, die Popkultur und Weltpolitik bis heute bestimmen: von der Playlist bis zum Kulturkampf, vom Retro-Rock bis zum Shitstorm. Und dann die Apokalypse: 9/11.

Die Klugscheißer hatten recht – und trotzdem lagen sie falsch

Was haben wir diese Klugscheißer gegrinst, die in der Silvesternacht 1999 mitteilten, das neue Jahrtausend beginne ja eigentlich erst am 1. Januar 2001, da es ein Jahr „Null“ kaum gegeben haben könne. Das waren damals dieselben Leute, die Stefan Raabs polemisches Collagen-Lied vom „Maschen-Draht-Zaun“ witzig fanden. Und „The Bad Touch“ von der Bloodhound Gang auch. Sollen sie reden! Wir anderen feierten Y2K und gingen davon aus, 2000 werde so fantastisch, wahrhaftig, elegant und poetisch wie die Single, die am 3. Januar des frischen Jahres von den Pet Shop Boys veröffentlicht wurde: „You Only Tell Me You Love Me When You’re Drunk“. Schade nur, dass in den folgenden zwölf Monaten kein besserer Popsong mehr erschien.

Musikalisch war das Jahr 2000 eine ziemliche Enttäuschung – eine Pop-Übergangsjacke: nicht mehr Neunziger, noch nicht Nuller. Die Revolutionen fanden erst 2001 statt. Die Klugscheißer hatten also doch recht. Dafür gucken die noch immer Stefan Raab.

iTunes und der iPod: Die Geburtsstunde der Playlist

Am 9. Januar 2001 änderte ein Tech-Konzern, wie wir Musik hören. Zwar hatte Sony das mit dem Walkman bereits 1979 geleistet – das mobile Musikhören erfunden. Der noch größere Einschnitt war daher, dass die Einführung von iTunes durch Apple nicht nur das Hören, sondern vor allem das Organisieren von Musik veränderte. Das Brennen von CDs und das Herunterladen via Napster hatte sich zwar bereits etabliert, führte aber dazu, dass man nervig viele Programme benötigte – und nicht wenige der MP3-Files, für deren Download man Stunden gebraucht hatte, hinterher auf den hintersten Pfaden der diffusen Datenstruktur der Festplatte auf Nimmerwiederhören verschwanden. Der lange gesuchte Stereolab-Remix von „Since I Left You“ von den Avalanches? Mühevoll gezogen. Verloren gegangen. Suche aufgegeben. Nie gehört.

Apple-CEO Steve Jobs versprach beim Launch von iTunes, dass dies nun Vergangenheit sei. Alle glaubten ihm – und er behielt recht. „Apple has done what Apple does best“, sagte er: komplexe Abläufe einfach machen. iTunes hielt das Versprechen. Und mehr noch: Ein halbes Jahr später brachte Apple mit dem ersten iPod das kongeniale mobile Gerät zu diesem Programm auf den Markt – mit fünf Gigabyte Festplatte, genug für tausend Songs in der Tasche. Tausend! Das klang nach wahnsinnig viel. War es auch. Daher war die Sortierung der Musik eine Kernfunktion von iTunes. Es war die Geburtsstunde der Playlists, die im Streaming-Zeitalter zum Motor für Marketing und Musikvertrieb wurden.

The Strokes und der letzte CD-R-Boom

Weil man 2001 für das Einwählen ins Internet noch ein Modem benötigte und das Drinbleiben im Netz schwieriger war als das Reinkommen, blieben gebrannte CDs das Hauptmedium, um Musik unter die Leute zu bringen. Die sogenannten Rohlinge gehörten in den Elektromärkten zur heißen Ware; der größte CD-R-Hype aller Zeiten setzte im Sommer 2001 ein. Es gab da diese Band aus New York City: The Strokes. Entdeckt von Rough Trade Records. Dünne Kerle mit Locken, Bohemian-Hintergrund, Lederjacken und schmalen Schlipsen. Die Musik klang wie ein historisches NYC-Rock’n’Roll-Best-of: The Velvet Underground, The Stooges, The Modern Lovers, Television, Ramones.

Im Mai 2001 erschien eine erste EP mit drei Songs. Das Album war bereits fertig, und weil Geoff Travis von Rough Trade weiß, dass man Hypes feiern muss, wie sie fallen, hielt er die Leute an der langen Leine. IS THIS IT erschien zunächst in Australien, wo die Band auf Tour war. Dann war die Platte rund um die Gigs der Band in Japan zu haben. Schließlich in Großbritannien, pünktlich zu den großen Festivals, bei denen die Strokes spielten. Kurz: IS THIS IT war nur da, wo die Band war. Amerikaner:innen hatten Pech. Das führte dazu, dass massenweise CD-Rs von IS THIS IT an High-Schools und Colleges verteilt oder für ein, zwei Dollar verkauft wurden. Ein letzter Boom der Tonträgerkopie – den heute niemand mehr kennt.

Was bei den gebrannten Dingern häufig fehlte, war das Albumcover: der schwarze Handschuh auf dem unteren Rückenbereich einer Frau. In den USA stand die Platte später mit einem anderen, unverfänglichen Sleeve in den Läden. Das Original von Colin Lane – zu sehen sind Rücken und Hüfte seiner damaligen Freundin – ging 2001 rasch in den Kanon der besten Sleeves aller Zeiten ein, mit Verweisen auf Kunstfotografen wie Guy Bourdin oder Helmut Newton. Rückblickend ist es bemerkenswert, dass die Strokes und ihre Manager in einer Zeit, als die Popkultur verstärkt von Camp und der Dritten Welle des Feminismus geprägt war, ein Cover wählten, das die sexistische 80s-Ästhetik von Acts wie den Cars oder Robert Plant aufnahm. Damit zogen die Strokes durch, was die Parodieband Spinal Tap mit ihrem SMELL-THE-GLOVE-Gag angedeutet hatte: Die LP mit diesem Titel erschien 1982 komplett in Schwarz, weil – so der Witz – das Label die originale Cover-Idee als deutlich zu sexistisch eingestuft hatte.

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The Strokes waren 2001 neu, aufregend und sensationell gut. Zugleich waren sie konservativ – wie viele Vertreter der Welle an Neo-Garage-Bands, die auf den Erfolg der Band folgten: immer neue dünne Typen in Lederjacken, die in Bands mit Namen wie Black Rebel Motorcycle Club oder The Von Bondies spielten. Gut, dass es auch die Gorillaz gab – Damon Albarns und Jamie Hewletts künstlerischen Abgesang auf „Bands“ im herkömmlichen Sinne.

9/11: Die Zäsur, die alles veränderte

Am 25. September 2001 sollte es so weit sein: Ein Gig der Strokes beim CMJ Music Marathon in New York wurde zum Anlass genommen, IS THIS IT endlich auch offiziell in den USA auf den Markt zu bringen. 9/11 verhinderte das. Und damit änderte sich noch einmal alles.

Trotz vieler kriegerischer Konflikte überall auf der Welt – und aus deutscher Sicht im zerfallenden Jugoslawien in unmittelbarer Nähe – hatten die Neunzigerjahre einen vergleichsweise friedlichen Eindruck gemacht. Das lag vor allem daran, dass selbst kluge Historiker:innen und Politikwissenschaftler:innen glaubten, durch die Auflösung des „Ostblocks“ und das Ende der Sowjetunion habe der Westen gewonnen. Und weil der Westen nur Gutes wolle, stehe nun eine Epoche des Friedens und Fortschritts in Aussicht. Hurra! Der Politologe Samuel P. Huntington musste sich einiges anhören, als er 1996 sein Buch über den „Kampf der Kulturen“ schrieb und die Hypothese aufstellte, dass auf den Kalten Krieg zwischen den politischen Systemen im Osten und Westen ein heißer Krieg zwischen dem westlichen und dem islamischen Kulturraum folge. Der Mann begreife die Postmoderne nicht, hieß es. An den Unis lernte man etwas über „Anything Goes“ und das Ende des Nationalstaats. Progressive Gedanken, die im Staub der fallenden Türme des World Trade Centers zerfielen.

9/11 war eine Zäsur. Sie führte zu Kriegen, die wiederum zu immer weiteren Kriegen führten. Seit 9/11 fliegen wir anders. Funktioniert Terrorismus anders. Denken wir anders über Sicherheit nach. Nutzen rechte Parteien unser Denken über Sicherheit für ihren Populismus aus. 9/11 bietet bis heute die Blaupause für Verschwörungstheorien, die sich übers Internet verbreiten. Stanley Kubrick hatte 1968 mit Blick aufs Jahr 2001 eine „Odyssee im Weltraum“ entwickelt. Was in diesem Jahr aber tatsächlich begann, war eine Irrfahrt im Erdenraum. Sie dauert bis heute an. Und wird immer irrer.

Verbotene Songs und die Mechanik des Shitstorms

Um den Einfluss der Zäsur 9/11 auf die Popmusik zu analysieren, hilft ein Blick auf die Songs, die direkt nach den Anschlägen nicht mehr im Radio gespielt werden durften. Denn etwas zu verbieten ist die schnellste – und eine besonders selbstentlarvende – Reaktion. Vom Sender genommen wurden: „In The Air Tonight“ von Phil Collins, „99 Luftballons“ von Nena, „Killer Queen“ von Queen, „Sunday Bloody Sunday“ von U2, „Sabotage“ von den Beastie Boys, „Walk Like An Egyptian“ von den Bangles. Dazu alle Songs von Rage Against The Machine, „Imagine“ von John Lennon sowie das Lied, das im Titel die neue Weltlage am treffendsten formulierte: „It’s The End Of The World As We Know It (And I Feel Fine)“ von R.E.M.

Ja, „I Feel Fine“. Denn schon im Oktober 2001 wurde wieder gelacht. Zum Beispiel, als die Metal-Band Anthrax ankündigte, ihren Namen nach den Anthrax-Terrorattacken in Basket Full Of Poppies zu ändern – und CNN die Nachricht als Fakt verbreitete. Woraufhin Scott Ian sagte, er fühle sich, als sei es das Jahr 1937 und er trage den Namen Freddie Hitler. Da gab es dann noch mehr Ärger. Was zur These verleitet, dass auch die Mechanik des Shitstorms eine Erfindung des Jahres 2001 gewesen sein könnte.

Was noch? Die wichtigsten Ereignisse 2001 im Überblick

Januar/Februar: Ein Zeichen, dass die Ära der Boy- und Girlbands dem Ende entgegengeht – die Spice Girls lösen sich nach dem Flop des dritten Albums FOREVER auf.

17. Februar Als erste Rockband aus dem Westen spielen die walisischen Klassenkämpfer Manic Street Preachers eine Show in Kuba. Fidel Castro stand auf der Gästeliste.

5. März: Die beste Band der Welt veröffentlicht das vielleicht kürzeste Musikvideo aller Zeiten: „Yoko Ono“ von Die Ärzte läuft gerade mal 45 Sekunden.

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26. März: Das Debütalbum der Gorillaz erscheint und sorgt dafür, dass die Cartoon-Gruppe schon bald einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde erhält: als erfolgreichste virtuelle Band aller Zeiten. Gab es das vorher? Ja – zum Beispiel Alvin And The Chipmunks und Die Schlümpfe.

1. Mai: Musikfernsehen boomt noch! MTV erhält in Deutschland den Ableger MTV2 Pop; Zielgruppe sind Teenager, die dem deutschen Konkurrenten Viva abspenstig gemacht werden sollen. Erster Song: „One More Time“ von Daft Punk.

2. Juli: Napster schaltet sich ab – und folgt damit einer gerichtlichen Verfügung. Noch im Januar hatte das Tauschvolumen mehr als zwei Milliarden Dateien betragen.

25. August: R’n’B-Star Aaliyah kommt bei einem Flugzeugabsturz vor den Bahamas ums Leben, nur einen Monat nachdem sie mit AALIYAH einen Meilenstein des Neo-Soul veröffentlicht hat.

29. Oktober: Michael Jackson veröffentlicht mit INVINCIBLE sein zehntes Album – das letzte zu seinen Lebzeiten. Zuvor hatte er im September sein 30. Bühnenjubiläum gefeiert. Die Vorwürfe des Kindesmissbrauchs sind kaum ein Thema.

29. November: Mit George Harrison stirbt nach John Lennon der zweite Original-Beatle an einer Lungenkrebserkrankung.

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