Junge Mädchen sind oft die Informanten


Kurz vor seiner Einstellung hatte die „Sun“ behauptet, Elton John konsumiere haufenweise Kokain und feiere Orgien mit Strichjungen. Nachdem Elton schon eine Verleumdungsklage angekündigt hatte, verzichtete er plötzlich doch auf rechtliche Schritte — angeblich nachdem ihm die Zeitungein kompromittierendes Polaroid-Foto gezeigt habe.

Trotzdem will die „Sun“ offenbar erstmal kürzer treten. Ein Mitarbeiter, der nicht namentlich genannt werden möchte, meint: „Es herrschte allgemein das Gefiihl, daß wir mit der Elton John-Geschichte zu weit gegangen waren. Also sollte erstmal ein ’netter‘ Pop-Schreiber her — einer, der den Stars wieder Honig ums Maul schmiert. Dummerweise kommen die ’netten‘ Jungs nicht an die ’schmutzigen‘ Geschichten.“

Und das, obwohl Rick Sky zu den Klatsch-Kolumnisten gehört, die sich jede Menge junge Mädchen als bezahlte Zuträgerinnen halten: „Zeig Popstars ein hübsches Gesicht, und sie erzählen dir alles!“

Aber auch das nutzt Sky nicht viel, zumal die Mädchen mehr Spesen als News produzieren. Als Rick kürzlich in Paris war, stürmte „Sun“-Verleger Rupert Murdoch ins Büro, fragte: „Wer arbeitet für ‚Bizarre‘?“ und fünf Mädchen meldeten sich. Murdoch feuerte sie auf der Stelle.

Musikzeitschriften wie der „NME“ treten solche Geschichten mit Vorliebe breit, sitzen oft genug aber selbst im gleichen Boot. Denn die Tips für ihre Geschichten beziehen die Klatschreporter nicht selten von den seriösen Musikjournalisten, die tatsächlich Umgang mit den Stars haben. Ein paar Indiskretionen am Telefon, ein paar Namen — im Gegenzug kommt der Scheck mit dem Informations-Honorar. Bei den schmalen Zeilenhonoraren der Musikblätter eine willkommene Aufbesserung des Gehalts.

Zur einer wahren Informationsbörse hat sich die Bar des schicken Restaurants „Elainc’s“ im Zentrum von London entwickelt. Journalisten treffen da Journalisten, viele Stars gehören zu den Stammgästen — und selbst das Personal mischt manchmal mit im Geschäft mit dem neuesten Gerücht.

Und das neueste Gerücht über Rick Sky lautet momentan, daß er demnächst einen flotten jungen Nachrichten-Mann zur Seite gestellt bekommt. Zu den aussichtsreichsten Kandidaten gehört Paul Wellings (26). zur Zeit beim „London Standard“.

Wellings gibt offen zu, daß er den Erfolg weitgehend seiner lebhaften Phantasie verdankt. „Es ist mir ganz egal, wem ich weh tue“, erklärt er. „Das wichtigste ist. meine Geschichten unterzubringen und Karriere zu machen. Als ich noch fiir den ,NME‘ gearbeitet habe, habe ich Konzerte besprochen, ohne dagewesen zu sein, und sov,ar Bands erfunden. Ich war darin so gut, daß mich der Standard‘ abgeworben hat. Ich kann eine Band außauen oder kaputtmachen und das wissen die.“

Bands wie die Housemartins, bei denen sogar die Mülleimer durchwühlt sowie Freunde und Familie wochenlang verfolgt wurden, fühlen sich denn auch gänzlich ohnmächtig gegenüber Machenschaften und Berichterstattung der Auflagen-Krieger. „Natürlich könnten wir jedesmal prozessieren, aber das kostet erstmal ein Heidengeld, es dauert und dauert, und was bringt’s uns letztlich ? Wer weiß, was die uns morgen fiir eine Geschichte reindrücken ?“

Bob Geldof und Paula Yates regeln solche Fälle noch von Mensch zu Mensch. Bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit versuchen Klatschreporter zu beweisen, daß die Ehe der beiden völlig im Eimer sei und Paula, die auch als TV-Moderatorin arbeitet, mit einem jungen Popstar nach dem anderen ins Bett steigt (zuletzt war die Rede von Terence Trent DÄrby und Ben-Volpierre-Pierrot von Curiosity Killed The Cat).

Als Geldof/Yates bei der Verleihung der Britischen Musikpreise denselben Tisch zugewiesen bekamen wie John Blake, hielten sie ihm erstmal eine Standpauke, die sich gewaschen hatte (war im Fernsehen zu verfolgen). Beim Pop-Festival in Montreux machten sie dasselbe mit Rick Sky.

Der Mann, den die britischen Tageszeitungen in den letzten Jahren am härtesten in die Mangel genommen haben, nimmt das Pressetreiben inzwischen eher gelassen: Boy George war vom ersten Tag seiner Karriere an jeden Tag auf mindestens einer Pop-Seite vertreten. Er kennt die Mechanismen in- und auswendig: „Das Problem ist: Wenn eine Zeitung an einem lag eine wirklich üble Story über irgendwer! bringt, dann muß sie am nächsten Tag etwas noch Schlimmeres schreiben, um dem eigenen Maßstab gerecht zu werden. Und der Maßstab lautet: ‚Seid so scheußlich wie möglich.‘ Wenn sie heute schreiben, daß George Michael in einer Disco Poppers schnüffelt, dann können sie nicht morgen davon berichten, daß eine Katze vom Baum gerettet wurde.

Die haben mich nicht bloß letztes Jahr so behandelt, die behandeln mich immer so. Als Culture Club ganz oben waren, hieß es einmal. George ist so ein wundervoller Mensch‘ und beim nächsten Mal. George ist ein fettes Schwein‘.

Das wird auch so weitergehen, da bin ich ganz sicher, ob man sich nun versteckt oder nicht. Schau dir doch Michael Jackson an: Der schließt sich ein und ist trotzdem ständig in der Zeitung.“

Ebenso wie Madonna. Bei ihrem vorletzten England-Aufenthalt hatte sie sich so über die Klatschreporter geärgert, daß sie in einer abschließenden Pressekonferenz androhte, nie wieder auf die Insel zu kommen. Prompt brachte die „Sun“ am nächsten Tag einen Kommentar, in dem Madonna als arroganter Widerling beschrieben wurde.

Deutsche Zeitungen würden es sich nie erlauben, so mit Stars umzuspringen. Deutsche Stars würden sich das auch gar nicht bieten lassen (die ME/ Sounds-Redaktion hat da so ihre Erfahrungen). Während in London bereits davon gemunkelt wird, der Pop-Klatsch sei auf dem absteigenden Ast und die Leute würden sich mehr für die königliche Familie und das tägliche Gewinnspiel interessieren, hatten deutsche Zeitungen in den letzten Jahren nichts wirklich Vergleichbares zu bieten. Außer Harald Juhnke vielleicht.

Und wer doch mal eine richtig knackiee Meldung liest, sowas wie „Mönch versuchte nackte Annie Lennox zu erpressen“ oder „Mama hielt A-ha Star im Käfig“, der kann sieher sein, daß seine Zeitung abgeschrieben hat. Vom „Star“, vom „Standard“, vom „Mirror“. Oder von der „Sun“.