Zu laut für die Welt


Nach 19 Jahren haben Dinosaur Jr. in Originalbesetzung ein neues Album aufgenommen. Der Versuch eines Gesprächs mit J. Mascis, dem wortkargen "„Paten des Grunge".

Herr J. Mascis betritt die Lounge des „Hilton“ in Köln mit einer Familienpackung Aspirin, legt seine Trainingsjacke ab und sagt gar nichts. Wer je ein Interview mit dem Kreidezeitgitarrengott und notorischen Wortverschlucker gefuhrt hat, wird sich darüber kaum wundern. Hier sitzt der Pate des Grunge vor dir, der geniale Überwinder aller Hardcore- und Punkschulen der Reagan-Ära. Der einstmals lauteste Bube der East Coast. Eine epochale Type, aber Mascis kann einfach nicht reden. Ein Treffen mit ihm zum „Gespräch“ hochflunkern zu wollen, grenzt an Leserbeleidigung.

„Erkältet?“ Hat er da ein Nicken angedeutet? J. schaut auf die Aspirin-Packung, zieht eine Tablette und nimmt sie mit einem langsamen Schluck aus seiner Apfelsaftpulle. „Musste ziemlich rumlaufen, um das Zeugzu kriegen.“

Vor drei Jahren hätte kein Mensch einen Euro darauf gewettet, dass J. Mascis eines Tages durch europäische Hotels gekarrt wird, um die Wiedergeburt von Dinosaur Jr. in Originalbesetzung auf CD zu „präsentieren“. Auf einem elf Songs starken Album, das vom alten „Dinosaur“-Schriftzug bis hin zu Mascis‘ unerbittlich schöner Stromgitarrenpoesie so ziemlich alles im Programm führt, was die Band in ihren SST-Tagen in den 8oern auszeichnete, beyond ist ein Album in der Besetzung J. Mascis (41, Gitarre), Lou Barlow (40, Bass) und Patrick Murphy (kurz: Murph, 42, Drums). Der DinO galt ja als mausetot. Die gemeinsame Geschichte von Mascis und Barlow endete abrupt nach dem dritten Album bug (1988), als der Gitarrist und phlegmatische Bandleader dem rasenden Bassisten einen gewaltigen Arschtritt verpasste (vorher hatte er ihn schon mit seiner Gitarre auf der Bühne verprügelt). Angeblich soll Mascis Barlow damals die Auflösung der Band mitgeteilt haben, nur um diese ein paar Tage später mit einem anderen Bassisten neu ins Leben zu rufen. Das erfuhr Barlow dann in den MTV-News. Wer da die Eiterpustel im Dino-Park war, will heute keiner mehr genau sagen.

Jetzt sitzt hier nur J. Mascis – Lou Barlow ist auf Tour mit Sebadoh seine Haare erinnern an das Burggespenst Lülü aus der Augsburger Puppenkiste, mit dem Rest-Mascis kann man auf der Stelle eine Werbekampagne für Beruhigungstabletten aufziehen. Aber eine Band? Den Startschuss setzte die Wiederveröffentlichung der drei ersten Dinosaur-Jr.-Alben auf dem Merge-Label, the legend living all ouer us. Wie gut „Freak Scene“ in diesem Moment noch klang, oder das an allen Ecken und Enden hängende, ratlose „Repulsion“ vom 85er Debüt? 2005 dann ein Rumoren der grauen Helden, Wiedervereinigung? Im November 2005 spielten sie im Fillmore in San Francisco wieder in Originalbesetzung, ein Jahr später auf dem von Thurston Moore kuratierten „All Tomorrows Parties“-Festival. Mascis‘ silberblonde Matte fegte wie ein Orkan um das Epizentrum der Ekstase, um den närrischen Gitarristen, der sich nach diesen gewalttätigen Liedern zu verzehren schien, „Little Fury Things“, „The Lung“. Letztes Jahr: Aufnahmesessions in Mascis‘ Heimstudio in Amherst, Massachusetts, Video-Dreh im Haus von Ur-Dinosaur-Jr.-Fan Thurston Moore (Sonic Youth), Regie: Matt Dillon. Volle Breitseite.

Es lief aber auch vorher gut. J. Masdsund Lou Barlow reüssierten seit Anfang der 90er-Jahre fein sauber voneinander getrennt mit unterschiedlichen Solo- und Bandprojekten, der eine mit seinen Postgrunge- und Fast-schon-Classic-Rock-Phantasmen, aufgestiegen zum Lollapalooza-Vorturner und Wah-Wah-Apostel für eine Generation, der Neil Young schon etwas zu rostig klang. Der andere als LoFi-Animateur mit der Tendenz zur Vielstaaterei (Sebadoh, The Sentridoh, The Folk Implosion) und als Indie-Pop-Abenteurer, der für ein paar Tage Urlaub aus dem Underground in der für ihn schwerverständlichen Charts-Welt nahm (mit dem Song „Natural One“ aus dem Slacker-Film „Kids“, der ein Überraschungs – H it wurde). Und j e tzt ist Lou Barlow wieder an Bord, in seiner alten Rolle als Bassist, an der Seite des hassgeliebten Mascis. Das ist eine Geste der Demut beinahe.

Hast du dir jemals eine Reunion mit Lou Barlow für eine Platte vorstellen können? J. Mascis guckt mich ausdruckslos an. „Nein, hab ich mir nie Gedanken drü hergemacht.“ Hattest du überhaupt Kontakt mit Lou in all den Jahren? „Ich hab ihn bei ein paar Sebadoh-Showsgesehen, das war’s.“‚Es gab also überhaupt keinen Ansatz für diese Wiedervereinigung? „Nein.“ Wer hat denn dann die Sache auf den Weg gebracht?

„Mein Manager. Ich wusste, dass Murph und Lou Interesse hatten, aber ich musste erst überredet werden. Als ich Lou einmal mit Sebadoh live sah, hat er mich von der Bühne herunter blöd angemacht:, DankefürdieReunionl’lch denke, er war auf Speed oder so etwas. Er war verrückt. Es hat gedauert, bis ersieh bei mir entschuldigte und bis seine Wut auf mich nachließ.“ Jetzt seid ihr zwei weise Männer in den schlimmen Rock-Jahren und habt euch noch einmal verliebt – in den Original-Wadenbeißer-Sound. „Die Spannungen sind nicht mehr da, die Energie schon.“]. Mascis bricht ab. Überlegt. Kann es sein, dass Dinosaur Jr. diese Spannungen gebraucht haben? “ Früher haben uns die Leute sehen wollen, weil wir eine Freakshow aufführten: Das Publikum fragte sich beijedem Konzert:,Was passiert diesmal?’Wie bei einerdieserTV-Shows, wo sich Ehemann und Ehefrau gegenseitig ankeifen undfertigmachen. Das mag Entertainment für die Leute gewesen sein, uns hat das abernicht so viel Spaßgemacht.“

Die Stilisierung zum silbenlahmen Sonderling mit Tendenz zum Losertum (das erst in den goern massenwirksam verkauft werden sollte) ist Mascis von Anfang an in seinen Songs gelungen. Er sitzt da, nascht unentwegt Nüsschen, und wenn er etwas sagt, muss man sich schon vorbeugen, um es zu verstehen. Dinosaur Jr. haben die Zeit ordentlich totgeschlagen. Man braucht keine zehn Sekunden, um zu erkennen, dass BEYOND ein Dinosaur-Jr.-Album ist. Der reißende Gitarren-Strom, die Strom-Gitarre, die auf Solo-Reise geht, auf die Melodie zusteuert, der klebrige, angedickte Slacker-Sound, der dir sagt, langsam ist cool. Fast wie damals. Wie schafft ihr das? „Keine Ahnung.“ Ich glaube, in dem Moment, in dem ihr zusammenkommt, spielt ihr in einer Zeitblase, in die keine feindliche Musik dringen kann. J sagt „Ha.“

Es gibt auch nur Dinosaur in der Dinosaur-Welt. Mit einer Ausnahme vielleicht: „ThislsAlllCameTo Do“mit der George-Harrison-Gedächtnisgitarre in der Mitte. Kommt da der Beatles-Fan in dir zum Vorschein? „Die Beatles .. .ja, die sind ganz okay. Ich steh aber mehr auf dieStones.“ Was macht die Stones besser als die Beatles? „Ich finde Oasis besser als die Beatles. Ich glaub‘, Paul McCartney ist Schuld daran. Ich mag seine Songs überhaupt nicht, sie stören mich.“

Wird die zweiteAusgabe von Dinosaur Jr. länger leben als die erste? „Es kommt darauf an… „murmelt J. Mascis. Worauf? „Ob die Leute es mögen oder nicht.“ Die Leute werden die Platte mögen und euch live sehen wollen. Ihr könnt euch allenfalls selber zum Problem werden. Nennst du Dinosaur Jr. jetzt wieder deine Band? „It’s a band. „Gehen die Jungs von der Band nach getaner Arbeit gemeinsam in den Pub? „Nein, wir haben unsere Frauen.“ Was soll das heißen? „Esgibt eine gewisse Sprachlosigkeit zwischen Lou und mir, immer noch. Kommunikationsmängel. Es hilft aber, wenn unsere Frauen dabei sind.“

Seid ihr immer noch zu laut für die Welt? „Es ist vielleicht zu laut, wenn du keinen Gehörschutz hast.“ Wenn es zu laut ist, bist du zu alt, oder? „Es macht mir Spaß, laut zu spielen. Ich kann nur laut spielen.“ >» www.dinosaur.jr