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Blur, Pet Shop Boys und Villagers live – der erste Tag beim Berlin Festival 2013

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Es ist schon wirklich rührend, auf welche Weise die Veranstalter des Berlin-Festivals 2013 konzeptuell auf ihren Veranstaltungsort eingehen. Das Festival findet bekanntlich auf dem Außengelände des stillgelegten Flughafens Tempelhof statt, und so wird man vor dem Gebäude erst einmal von zwei Fluglotsen/Fluglotsinnen in Signalwesten mit roten Plastikstäben durch den Eingang gelotst, um sich dann in der Eingangshalle zum „Check-In“, sprich: zum „Ticket-gegen-Bändchen-Tausch“ zu begeben. Dieser wird, klar, von jungen Damen im Stewardess-Outfit oder, oho, auch von jungen Herren in adretter Flugkapitänskluft durchgeführt.

Der (Ab)Flug gestaltet sich dann allerdings erst mal etwas zäh. Während sich die klimatischen Bedingungen – wunderbar mildes, sonniges Spätsommerwetter, das den Asphalt des Rollfelds hell aufleuchten lässt – als optimal erweisen, macht das musikalische Nachmittagsprogramm – zumindest dem Verfasser dieser Zeilen – leider nicht durchweg Spaß.

Mit den herrlich schrabbelig-kracherten Parquet Courts aus Brooklyn eigentlich recht fein losgeht, denn die rühren eine wirklich ansprechende Melange aus Post-Punk-Klängen, Southern-Rock-Anleihen und dezenten Gitarrenfeedback-Attacken an, die einem schön ungehobelt und gegen den Strich gebürstet entgegenschallt. Fans scheint die junge Band hierzulande ebenfalls zu haben, denn in den vorderen Reihen werden recht ausdauernd zwei Pappdeckel mit der semi-kreativen/provokativen Aufschrift „Parquet Shorts“ in Höhe gereckt, was Gitarrist Austin Brown mit recht verhaltener Freude zur Kenntnis nimmt „Yeah, cool, now you got us really pissed on – good for the show!“

Auf der Hauptbühne spielen derweil die Capital Cities aus L.A., die offenbar sehr gut wissen, mit welcher Musik man irgendwie cool und sexy wirkt, und es gleichzeitig auch in die Playlist von Antenne Brandenburg schafft. Ordentlich fette Kirmes-Beats, Trompeten-Hooks („Safe and Sound“) und ein Madonna-Cover („Holiday“). Au weh. Na ja, zumindest freuen sich sehr viele andere, was sich auch daran zeigt, dass der Aufforderung ans Publikum, man solle jetzt irgendetwas ausziehen und damit in der Luft herumwedeln, brav folge geleistet wird. Okay, zugegeben: Diese Band weiß zumindest wie das Prinzip „Festival“ funktioniert.

Danach der Auftritt von Omar Rodriguez-López‘ Projekt Bosnian Rainbows, der ausdrucksmäßig in etwa so inspiriert gerät wie der oben erwähnte Pappdeckel. Auch wenn sich immer wieder andeutet, was für ein begnadeter Gitarrist Rodriguez-López ist, kommt die Musik dieses Quartetts derart artifiziell, gestelzt und seltsam duster-pathetisch daher, dass viele bald die Flucht ergreifen. Da kann die Sängerin mit dem schönen Namen Teri Gender Bender noch so oft ihr Haar schütteln, grimassieren, fauchen, hüpfen, sich kratzen und in den Schritt greifen – besser wird’s dadurch leider auch nicht. Eher im Gegenteil.

Wesentlich besser machen es später jedoch die Villagers und Get Well Soon auf der Pitchfork-Bühne. Dort fällt einem auch wieder ein, was das Wort „Songwriting“ wirklich bedeutet, was ein Live-Konzert so alles an Gefühl transportieren kann, was es heißt, wenn eine Band emphatisch, „tight“ und mit viel Verve aufspielt. Besonders die Iren um Frontmann Conor J. O`Brien erfreuen ihr Publikum mit einem druckvollen wie emotional aufgeladenen Set. Ganz groß!

Nun bricht die Dunkelheit herein, und die Pet Shop Boys treten in Kostümen auf die Bühne, die aus schwarzen Strohhalmen zu bestehen scheinen. Dazu zwei Tänzer(innen?), die im Folgenden mal als gehörnte Fantasiewesen zwischen Ochse und Pferd in Büroanzügen stecken; mal mit orangenen Puschelköpfen ohne Ausguck, mal als silbern glitzernde Lamettawesen über die Bühne huschen. Sehr unterhaltsam, sehr bunt und witzig, das alles.

Ein formidables Best-Of-Programm gibt es zu hören, das „Suburbia“ ebenso beinhaltet wie die „West End Girls“, ein von gewaltigen Beats angetriebenes „It´s A Sin“ (Tennant: „Okay, let´s go crazy, Berlin!“) oder „Always On My Mind“. Dazu wird im großen Stil die Laser- und Visual-Keule geschwungen, sich nach fast jedem Stück umgezogen, und irgendwann trägt Chris Lowe doch tatsächlich eine Discokugel auf dem Kopf, die den ganzen Laserwahnsinn ins Publikum hineinreflektiert. Daft Punk wären bestimmt furchtbar neidisch auf dieses Exemplar.

Besonders gegen Ende wird die Freude vor der Bühne immer größer; sogar beim eher grusligen „Go West“ (Tennant: „Everybody in Germany knows this song!“) unterhält man sich bestens – wenn Lowes Konservenklänge nur nicht immer wieder so schrecklich zuckelig aus den Boxen kämen. Gravierende Soundprobleme, zweifellos. Aber egal – wer zu diesem Zeitpunkt inbrünstig bei „Go West“ mitschmettert, den wird auch das nicht weiter stören.

Überhaupt schienen viele die Pet Shop Boys mehr als ein unterhaltsames Appetithäppchen anzusehen, denn danach gab es ja noch ein Stell-dich-ein der eher raren Art:

Einen „Guddnabend!“ wünscht Damon Albarn um punkt halb elf, zählt ein deutsches „1, 2, 3, 4“ ein, und Blur beginnen ihr formidables Set mit „Girls & Boys“, was natürlich für große Begeisterung sorgt, denn „Girls & Boys“ ist natürlich: Tanzmusik. Abgehmusik. Euphorie versprühende Britrockdiscomusic aus einem anderen Jahrhundert, die bei vielen der Anwesenden ein gewaltiges Nostalgiepotenzial freisetzt, was Albarn vielleicht auch mitbekommt, denn anscheinend gehen ihm die vorderen Reihen – wo in der Regel die Hardcorefans stehen – noch nicht genug ab: Immer wieder verteilt er ausgiebige Gratisduschen aus der Wasserflasche, um vielleicht noch ein bisschen mehr Stimmung, Ausgelassenheit und Ektase herauszukitzeln.

Braucht es eigentlich gar nicht, denn während dieser anderthalb Stunden herrscht auch im Trockenen sehr große Beseeltheit und Freude über die Gelegenheit, diese mittlerweile eher sporadisch auftretende Formation mal wieder (oder überhaupt mal) zu Gesicht zu bekommen, die – unterstützt von einem Keyboarder, vier Backing-Sänger(innen) und einer feinen Bläsersektion – auf beeindruckend inspirierte Art und Weise die Qualität ihrer Stücke demonstriert. Herrlich ist das, wenn Graham Coxon zu „Beetlebum“ beweist, dass man auch mit den Haaren Gitarren spielen kann oder „Coffee & TV“ am Ende mit hawaiianischen Gitarrenklängen verziert, die sehr schön mit dem Gospelgesang der Backing-Sänger(innen) kontrastieren; wenn das Publikum sich zum phänomenalen „Tender“ selbst einen magischen Moment beschert, indem es den Refrain „Oh my baby / Oh my baby / Oh why / Oh my“ einfach immer weiter singt, und Albarn dann mit einem improvisierten Kanon noch ein mal in das Stück einsteigt; wenn zu „Country House“ und „Parklife“ gefühlte 98 Prozent der Zuhörerschaft zum Grölen anfängt; wenn sich Albarn den vorderen Reihen immer wieder als Sänger zum Anfassen präsentiert.

Ganz am Ende dann noch eine geradezu aberwitzige Songabfolge. Erst: die traumhafte 90er-Jahre-Hymne „The Universal“ zum Schwelgen, Kuscheln, Knutschen, betört sein. (Streicher hatten Blur leider keine dabei, aber das wäre dann wohl auch zu viel des Guten gewesen…) Dann: drischt Schlagzeuger Dave Rowntree plötzlich wie ein Irrer auf seine Gerätschaften ein; jeder im weiten Rund weiß genau, was jetzt passiert; ein paar ganz Motivierte hüpfen schon einfach schon mal vorher los, und mit einem mal bricht tatsächlich für gut zwei Minuten der komplette Pogowahnsinn aus.

Was bleibt, von diesem Tag, diesem großartigen Konzert – und insbesondere von „Song 2“ – ist ein formschöner blauer Fleck auf Hüfthöhe. Auch ein Andenken.


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