Bob Dylan: Together Through Life

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Da liegt es also. Klein und unscheinbar, wie eine ganz normale CD eben, noch in die schützende Plastikhülle eingeschweißt liegt es auf dem Tisch und wartet darauf, jeden Moment von den vor Vorfreude bereits zitternden Händen, die dem Schreiber dieser Rezension zuzuordnen sind, ausgepackt, in die Anlage geschoben und danach mit, natürlich stets anmutigen und ergreifenden Worten, verpackt in ausgefeilte und der Genialität entgegen- strebende Satzkonstrukte, besprochen und bis in den Himmel gelobt zu werden.Der tiefe Zwiespalt, der dieser Szenerie innewohnt, offenbart sich dem Leser nicht sofort, und dennoch ist der bereits erwähnte Verfasser dieses Textes hin und hergerissen, weiß er doch als leidenschaftlicher Musikkritiker, dass die persönlich favorisierte Musik nicht unbedingt zur Kritik herangezogen werden sollte. Doch wie soll er widerstehen bei dem Namen, der da auf dem Cover prangt? „BOB DYLAN“ steht da geschrieben, in ver- blassendem Blau auf weißem Untergrund, und der arme Schreiberling kann nicht anders, er muss es hören, dieses neue Werk seines großen Idols, das mittlerweile 33. Studioalbum eines Mannes, der 47 Jahre nach der Veröffentlichung seines selbst- betitelten Debütalbums noch immer zu den festen Größen einer immer unübersichtlicher werdenden Musiklandschaft zählt, der Fans und Kritiker gleichermaßen noch immer in seinen Bann zieht und Objekt der Verehrung und Bewunderung ist, wo auch immer er sich zeigt. TOGETHER THROUGH LIFE nennt sich das gute Stück, das Cover schmückt eine Fotografie, die bereits der von Dylan persönlich bewunderte amerikanische Autor Larry Brown für das Cover eines seiner Bücher verwendete.Wie vor jedem Dylan-Album stellen sich die gleichen Fragen. Was soll bzw. kann man noch erwarten von einem bald 69- jährigen Musiker, der in seiner fast 50-jährigen Schaffenszeit alles erreicht hat, was es zu erreichen gibt, der für den amerikanischen Folk gleichermaßen eine Lichtgestalt ist, wie er es für den Blues und den Rock n’ Roll ist, der Generationen von Menschen seit Beginn an in seinen Bann zieht und der 30 Jahre und 15 Studioalben nach seinem gigantischen Album DESIRE aus dem Jahr 1976 fast schon totgesagt, wieder an die Spitze der amerikanischen Charts kletterte mit immer noch neuen Ideen und einer ungebrochenen Faszination, die sich auf seinem letzten Werk MODERN TIMES fanden.Denn falls es so etwas wie eine Konstante geben sollte in der Karriere Dylans, dann ist es eben genau das Fehlen einer solchen, dann ist es die konstante Veränderung, sowohl menschlich als auch künstlerisch. So macht es sich der nun aufmerksam zuhörende Schreiberling auf der Terrasse bequem, zündet sich eine Kippe an und widmet sich der Rezensionsarbeit, um die vielen anfänglichen Fragezeichen aus dem Weg zu räumen und endlich Gewissheit über das zu Schreibende zu erlangen.Die CD beginnt wie erwartet mit etwas Unerwartetem. Die ersten Töne von „Beyond Here Lies Nothin’“ ertönen und unweigerlich fühlt sich der Beschallte an das Konzert im April erinnert. Die Band spielt ihren mitreißenden Blues an, Bob Dylan steigt mit verrauchter Stimme ein, es kratzt, es drückt und in manchen erhellenden Momenten ist gar ein Rauschen wie auf Vinyl zu vernehmen – Ergebnis der Produktionsarbeit eines gewissen Jack Frost, eines der vielen Pseudonyme Dylans. Mit dem weiteren Verlauf der Platte stellt sich diese Atmosphäre auch als der rote Faden der CD heraus. TOGETHER THROUGH LIFE ist anders als der sehr glatt produzierte Vorgänger MODERN TIMES. Rau, dreckig und doch mit all dem, was den „Meister“ und seine Musik ausmacht. Die musikalische Bandbreite pendelt zwischen Blues und verrauchten Balladen. Der Gesang, vielseitiger als je zuvor. Dylan jault und röchelt, krächzt und quengelt wie in alten Zeiten, lotet in „My Wife’s Hometown“ und „Forgetful Heart“ die düstersten Töne und Ecken seiner Stimme aus und erzählt in „I Feel A Change Comin’ On“ warm und sanft: „Some people, they tell me, I got the blood of the land in my voice.“Ungeachtet der musikalischen und klanglichen Komplettdrehung bieten die Texte jedoch leider nicht viel Neues. Vieles klingt wie schon einmal gehört, jedoch ist dies, natürlich, alles Stagnation auf einem hohen Niveau. Denn Dylan wäre nicht der Dylan, der einst für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen wurde, fände sich nicht auch auf dieser CD eine Art der Poesie, die ein großer Teil der Faszination Dylan ist. In „If You Ever Go To Houston“ heißt es etwa:If you ever go to Austin, Fort Worth or San Antone,Find the barrooms I got lost in and send my memories home,Put my tears in a bottle, screw the top on tight,If you ever go to Houston, boy you’d better walk rightDie schlichten Erinnerungen an ein bewegtes Leben, in dessen, damit sollte man vorsichtig sein, Schlussphase Bob Dylan so etwas wie Dankbarkeit zeigt. Das Cover, der Titel, die Texte, sie vermitteln eine Verbundenheit, eine erneute Annäherung an das eigene Frühwerk, auch ein gewisser Stolz ist herauszuhören. Was aus diesem Lebensgefühl resultiert ist eine Besinnung auf die für ihn wichtigen Dinge im Leben, in diesem Fall ist es die Liebe. Die Liebe zu den Menschen, die zu seinem Leben dazugehören, und ohne die, das ist neu, sein Leben leer ist.Since we’ve been out of touch, I haven’t felt that much. From day to barren day, My heart stays locked away. I walk the boulevard, Admitting life is hardWithout you near me.Schlussendlich lässt sich mit einer etwas allgemeineren Frage zum Punkt kommen: Was ist eigentlich Kunst? Kunst ist das, was entsteht, wenn Menschen etwas, das in ihnen versteckt liegt, versuchen auszudrücken. Kunst berührt andere Menschen. Und Bob Dylan hat es stets geschafft, diese Frage für sich zu beantworten. Kunst ist nie an bestimmte Formen gebunden. Vor allem aber ist Kunst nie vorhersagbar, nie gleichbleibend, sondern immer ein Ausdruck der menschlichen Veränderung und Vielseitigkeit, die sich über die Jahre eines einzelnen Lebens zeigt.„It’s All Good“ singt Bob Dylan da am Ende – und lacht. Lacht durchaus dreckig und doch mit der Gewissheit, in seinem Leben stets den für ihn richtigen Weg gegangen, und damit auch stets authentisch und ein ernstzunehmender Künstler geblieben zu sein.Der Schreiber dieses Berichts sitzt auf der Terrasse mit einem Lächeln und denkt nach. Der Aschenbecher ist längt gefüllt, und während er über diesen neuen Bob Dylan nachdenkt, kommt er zu dem Schluss, dass dieses Werk natürlich nicht an frühere Werke wie DESIRE, THE TIMES THEY ARE A-CHANGIN’ oder BLOOD ON THE TRACKS herankommt, es sich jedoch nahtlos einreiht in den oberen Teil der Diskographie eines, da besteht für ihn kein Zweifel, einzigartigen Künstlers.Des vielleicht größten Künstlers unserer Zeit.

Tobias Gralke – 15.05.2009


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