Popkolumne, Folge 160

Bühne, Benefiz & Verzweiflung – Welche Rolle spielt Pop im Kriegsfall?

von
Linus Volkmann
Linus Volkmann

Das Frühjahr 2022 gehört zu den düstersten Zeiten, die mir bislang untergekommen sind. Wie viele andere Kulturschaffende stelle auch ich mir die Frage: Was zur Putin-Hölle soll man denn aktuell für eine Rolle einnehmen?

Das Destillat meiner Texte ist ja gemeinhin Vulgär-Hedonistisches wie „Hey, geiler Song, tolle Band, ich habe 1 Selfiestick, hört, knutscht, sauft etc.“ Solche grell verpackten Hedo-Inhalte in diesen Monaten zu verbreiten, fällt mir schwer. Nicht mal weil ich denke, es sei ungehörig, auf der Rasierklinge, dem Vulkan oder Gräbern zu tanzen, nein, ich kann man mich in meine aufgekratzte Text-Persona selbst gerade nicht so gut hineinversetzen.

Das Einzige, was zu helfen scheint, ist Trotz. Denn soll jetzt die ganze bunte Pop- und Livekultur im dritten Jahr Covid wirklich weiter ausdörren? Das könnte all den schlechten Menschen so passen. Kein Bock mehr auf diese lähmende Passivität.

In den letzten beiden Ausgaben dieser Kolumne hatte ich mich entschieden, aktuell erschienene tolle Songs dem verkorksten Hier und Jetzt entgegenzuhalten. Denn bloß weil die von Omikron geknechtete Auftrittskultur nur sehr schleppend wieder anläuft, nur weil weniger geteilte Musikempfehlungen dein tägliches Doomscrolling abfedern und weil eben gerade viel Musik übersehen wird, sie sind ja nicht weg: interessante Acts, die den ganzen Scheiß begleiten, paraphrasieren, deuten.

In dieser Kolumne sei nun aufgezeigt, dass Pop wirklich mehr als nur Fahrstuhlmusik ist, die auf dem Weg nach unten dudelt. Sondern durchaus Einfluss auf die Gesellschaft nehmen will und kann.

Hier ein paar Schlaglichter, in denen Popkultur die Konfrontation mit der hässlichen Realität sucht.

EUROVISION SONG CONTEST 2022

Ab 10.Mai wird wieder der jährliche Eurovision Song Contest stattfinden, den schillernden Tross zieht es dafür nach Turin. Was dem Vorjahressieger Måneskin zu verdanken ist. Wer bereits vorab gut informiert sein möchte über den Ausgang der Veranstaltung, sollte sich unbedingt diesen Song anhören:

Das Kalush Orchestra hat mit „Stefania“ einen typischen ESC-Hit im Handschuhfach: Es ist diese eingängige Mischung aus Feelgood-Pop und Ethno-Elementen. Dass er allerdings heute bereits dermaßen als Favorit gehandelt wird, liegt an der Herkunft der Band: Kalush Orchestra werden für die Ukraine an den Start gehen. Es dürfte eine bildmächtige Inszenierung der Solidarität werden, wenn dieses Stück in der Halle und über die unzähligen Sender läuft. Allein die englische Übersetzung vor allem einer Zeile zeigt schon im Vorfeld, wie aufgeladen dieses Event werden wird:

„I’ll always find my way home / even if all roads are destroyed“

Puh! Mit einem russischen Act direkt werden sich die Ukrainer übrigens nicht messen. Russland wurde vom diesjährigen ESC ausgeschlossen.

EUROVISION SONG CONTEST (Reprise)

Apropos Pop, ESC und Russland. In der nächsten Print-Ausgabe des Musikexpress findet ihr zehn Seiten über den ESC des neuen Jahrtausends. Ich habe dazu mit Lukas Heinser gesprochen. Heinser, seines Zeichens rechte Hand des Kommentators Peter Urban, hat ein Buch über den ESC verfasst – mit dem Titel „Eurovision Song Contest – Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten“. Aus meinem Gespräch mit ihm hier ein kleiner Teaser, weil es gut zu dem Kolumnenthema passt:

„Russland ist hinsichtlich Queer Rights lange schon ein Problem. Als der ESC 2009 in Moskau stattfand, also noch bevor diese ganzen unguten Gesetze kamen, da wurde eine parallel anberaumte Pride-Parade gewaltsam niedergeknüppelt. Das scheint der Unterschied zu ähnlichen Nationen, die bei sowas zumindest noch warten, bis die ganze Presse weg ist – wohingegen Russland auch vor der anwesenden Weltöffentlichkeit draufhaut.“

(Aus dem Interview mit Lukas Heinser, aufgezeichnet noch vor Kriegsbeginn. Das ganze Gespräch erscheint im Musikexpress #5/22)

LIEDER FÜR BESSERE ZEITEN

Auch abseits der großen europäischen Bühne des ESC zeigt Pop sich solidarisch. Unzählige Soli-Sampler kann man finden, vieles spielt sich dabei auf der Plattform Bandcamp ab. Exemplarisch herausgehoben sei diese undergroundlastige Compilation hier, die neben Haltung auch diverse interessante junge Bands führt: Das bisschen Totschlag, Zirkel, Peter Muffin sind unter anderen zu hören. Pop, Beats und Verzweiflung in handliche Formen gepackt. Alle Erlöse von „20 bessere Lieder für Zeiten“ fließen an die Ukrainehilfe der Mission Lifeline.

SCHULTERSCHLUSS MIT STUSS

Extreme Zeiten fordern extreme Maßnahmen. Meine größten Erfolge als Musikjourno feierte ich auf der Bühne mit einem Programm, das den Namen trug: „Die Beatles sind Idioten, Radiohead auch“. Darin sagte ich nicht nur über genannte Bands viele hässliche Dinge, sondern stets auch über die hiesige verjammerte Hitparadenbarden-Szene.

Vor wenigen Tagen nun fand Sound Of Peace seine Aufführung. Für das Bündnis zugunsten der Ukraine spielten in Berlin Peter Maffay, Joris, Silbermond und Clueso. Es war auch mein allerliebster Endgegner-Zusammenschluss überhaupt auf der Bühne: Revolverheld mit Marta Jandová. Früher (und demnächst wieder) hätte ich nun eröffnet: Deren gemeinsames Stück „Halt dich an mir fest“ von 2010 stellt die Ursuppe des larmoyanten Bausparer-Pops dar, um dann richtig Maß zu nehmen. Im verfickten Frühjahr 2022 scheint mir nicht mal das angebracht. Sollen sie ihre feschen Tunes doch weiter auf die Bühne schwitzen, von mir die weiße Flagge: Macht nur, liebe Schießbudenfiguren. Selbst eure Stimme scheint mir hilfreich. Wobei ich – so ehrlich möchte ich sein – bei dieser Show lediglich die Rede von Oliver Kalkofe wirklich verfolgt habe.

TOUR D’AMOUR

Spenden sammeln, Awareness schaffen … beides sehr wichtig. Aber die Kunstschaffenden in dem Zusammenschluss Tour D’amour gehen noch weiter: In Pandemiezeiten, als alles stillstand und man nicht wusste, wann je wieder ein Bandbus über die Straßen rollen, wann je wieder ein Club öffnen würde, in diesen Zeiten fand sich die Tour D’amour zusammen. Sie nutzte die Infrastruktur zu jener Zeit brachliegender Veranstaltungsläden, sammelte vor Ort gezielt Sachspenden, die von ebenfalls ungenutzten Bandbussen dann ins Geflüchteten-Lager Moria transportiert wurden. Diese neu geschaffenen Solistrukturen kamen nun im März bei der Ukrainehilfe wieder zum Einsatz.

Vor rund einem Jahr habe ich mit einer der Initiatorinnen, der Hamburger Rapperin Finna, schon mal zu diesem Thema in der Popwoche gesprochen.

UND DANN KAM PUNK

Solidarität zeigt sich natürlich nicht bloß in Form von Spendenbereitschaft, Solidarität ist auch, sich für den anderen zu interessieren, ihm eine Stimme zu geben. Der Podcast „Und dann kam Punk“ hat seit Kriegsbeginn mittlerweile acht Episoden eines „Ukraine-Specials“ aufgestellt. Darin sprechen die beiden Macher vornehmlich mit Aktivist*innen aus dem angegriffenen Land und bieten mitunter mehr Kontext und Erkenntnisse, als einem die Schlagzeilen-Maschine in einem Monat zuteil werden lässt.

TRITTBRETTFAHRER

Respekt vor soviel unterschiedlicher wie konkreter Solidarität der hiesigen Musikszene. Wobei es natürlich nicht nur alles geil ist, das möchte ich euch auch nicht vorenthalten. Als Musikjournalist erreichen mich zum Beispiel täglich Promomails, die von aktuellen Veröffentlichungen, Konzerten, Clips künden. Why not? Das beste am Untergang der Titanic war doch anscheinend auch das an Deck weiterspielende Orchester gewesen. Richtig geärgert habe ich mich allerdings über einen Promo-Dude, der mehrfach den neuen Song eines seiner Künstler in seinem Newsletter damit bewarb, welch bedeutsame Stimme hier zum Thema Krieg erklänge.

>> „Deutschsprachiger Urban-Pop mit authentischen, reflektierten Lyrics“. Und die Zahlen sprechen für sich, denn mit nur zwei Songs hat er bereits 30k Views auf YouTube und 18k Streams auf Spotify erreichen können. <<

Ich möchte der Musik, die zu dem marginalen Mist gehört, hier keine Klicks verschaffen, deshalb nenne ich keine Namen … aber wenn man den Song hört, ist schnell klar, dass das Songwriting offensichtlich nichts mit der aktuellen Lage in Osteuropa zu schaffen hatte. Es ging in dieser Form der Kommunikation nur darum, das eigene Anliegen mit dem Zeitgeist zu verweben.
Den Schock angesichts Bilder wie jener aus Butscha als Promo-Aufhänger zu verwenden, ist echt elend.

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THE KINGS OF DUBROCK

Okay, mit so einem Downer soll es aber nicht aus dieser Kolumne gehen. Geschlossen sei viel eher mit DEM Song-Highlight der Woche. The Kings Of Dubrock mit „Alle Männer“. Es besteht keine Verbindung zum Krieg darin. Außer vielleicht, dass sich die Band rund um Jacques Palminger eben mit dem Phänomen Männer auseinandersetzt. Der Song ist zu mehrbödig, um moralinsauer zu sein, aber dennoch kommt hingehend des hohen Testosterongehalts des Weltenlaufs einiges rüber. Außerdem… wenn sich einer mit toxischer Männlichkeit auskennt, dann ja wohl Palminger, denn er teilt sich die Projekte Fraktus und Studio Braun mit dem Mann Heinz Strunk. Lange Zeit mein Lieblingsautor, heute kriege ich nur noch schlechte Laune, wenn ich was aus seiner ewiggleichen misogynen Echokammer lese. Auf Palminger lasse ich dagegen nichts kommen, im Songtext benutzt er Worte wie Kohlroulade oder Einstecktuch, reimt Gürtelschnalle auf Prügelfalle – und alles ergibt am Ende total Sinn. Dazu dieses Fetisch-Video mit Stockfoto-Dudes. Perfekt!

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

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