Popkolumne, Folge 158

Bye, Bye Musikjournalismus, Hello Maulwurfshügel: 17 weitere Hits des Seuchenjahres 2022

von
Linus Volkmann
Linus Volkmann

In meiner vorherigen Kolumne habe ich elf Songs des Seuchenjahres 2022 gehighlighted. Habe dafür Popjournalismus in seiner – zumindest mir – liebsten Rolle bemüht: Empfehlungsschreiben verfassen.

Herauskam ein Text inklusive Soundtrack, der zeigen sollte, dass wunderbarer Pop auch in elenden Zeiten seinen Weg findet. Nach Erscheinen der Kolumne bat ich auf Instagram, die Leser*innen mögen mir ihre eigenen Entdeckungen des genauso jungen wie verkorksten Jahres schicken.

Unter uns: Das war eigentlich eher eine Floskel, um die alles dominierenden Algorithmen durch User*innen-Feedback zu triggern. Doch unzählige Songs erreichten mich und pflichtbewusst screenshottete ich sie. Vielleicht würde ich nach meiner Pensionierung oder in Geiselhaft ja einmal Zeit finden, mich durchzuhören? Denn bei allem Respekt vor der sogenannten Schwarmintelligenz – von einem Schwarmgeschmack hatte ich noch nichts mitbekommen. Musikjournalismus gehört in die Hände von Profis.

Die Begeisterung über Linus‘ Listen ist bei den Kids schon sprichwörtlich.

Doch stimmte das wirklich? War nicht längst der Popbetrieb demokratisiert? Wenn ich die Augen schloss oder nachts stundenlang wach lag, bedrängte mich jedenfalls die Gewissheit, dass in diesem Jahrzehnt wohl eher noch Schmied oder Mundschenk zukunftsweisendere Berufe seien denn Musikjournalist. Der einstige Informationsvorsprung (man bekam Promo-CDs Monate vor der Veröffentlichung durch Plattenfirmen) ist von der allgegenwärtigen Streamingkultur aufgefressen worden. Und dass Musikschaffende die Popjournalist*innen benötigten, um mit ihren Fans in Kontakt zu treten, zeigt sich genauso überholt. Dieser Aspekt liegt heute viel mehr bei Social Media. Wenn wir also ehrlich zu mir sind: Der Leuchtturm, den man als Musikjourno in Zeiten physischer Tonträger darstellte, sieht sich heute zusammengeschmolzen auf einen Maulwurfshügel.

Davon bin ich mehr denn je überzeugt, seit ich mich dann doch durch all diese Insta-Einsendungen auf die Frage nach „Hits 22?“ gehört habe. Fühlte sich an wie Petting mit der erstaunlich geschmackssicheren Schwarmintelligenz. Diese Kolumne sei daher euren Empfehlungen gewidmet. Ich habe mir aus dem großen Angebot hier 17 aktuelle rausgefischt.

Too long, didn’t read? Jetzt kommt ein Hitcontainer vom Allerfeinsten, Leute. Dagegen sieht der mechanische Spotify-Algorithmus wie der letzte Blechroboter aus.

17 weitere Hits des Jahres 2022

Tropikel Ltd. X DISSY X MOAT
„Tempo“
Seit dem Neo-Kuschel-Electro-Trap-Klassiker „Puls 1000“ ist mir dieser Act aus Berlin ein Begriff – und ich kann auch dieses neue Stück hier nur mit warmer Hand weitergeben. Für Songzeilen wie „Ich schaue durch deine Zahnlücke direkt in dein Herz“ würde ich jedenfalls all meine Goethe-Erstausgaben und Onkelz-Platten eintauschen.
[Shoutout an: @tony_gioviale, @zwaer.no]

Charlotte Adigéry & Bolis Pupul
„Ceci n’est pas un cliché“
Bei diesem Song hat diese Kolumnen-Idee sich auf jeden Fall auch für mich persönlich gelohnt. Denn sobald Jazz, Soul oder gar französische Lyrics verbaut sind, bin ich gemeinhin ganz schnell wieder zu irgendwas mit Oktav-Bass und Alkopop abgewandert. Man soll ja nicht so streng mit sich sein, es wird schon seine Gründe haben, warum mich ein derartiger Sound anzieht, aber klar ist auch, wenn man immer nur in seinen Vorlieben sitzt, dann verpasst man so einiges. Zum Beispiel dieses tolle Stück. No talk, das höre ich jetzt auch privat, also wenn musikexpress.de und die Tanke zu haben.
[Shoutout an: @chrigi_77]

Wa22ermann
„Bombermann (prod. By SIRIN & JYDN)“
Die Berlinerin mit dem Namen Wa22ermann singt über Bombermann, ein explosives Arcade-Spiel von ganz früher. Damit hat es sich aber erstmal mit Mann, hinter der coolen Attitüde und den grimmigen Beats finden sich emanzipative Lebensrealitäten – und wer mag, zieht Parallelen zur kurdisch wienerischen Rapperin Ebow und dann am besten gleich noch mal an der Hookah, während WA22ermann Ansagen macht wie: „Motherfucker, das ist Kanakenpolitik / pack dein Geld jetzt besser weg / wir essen Naan mit den Händen also weg mit dem Besteck“. Style und Flow sind hier richtig overpowered.
[Shoutout an: @tellerminebeinabtapes]

Kerosin95
„Trans Agenda Dynastie“
Kerosin95 aus Wien habe ich schon mal und ziemlich genau vor einem Jahr in einer heimeligen Kolumne gefeatured. Da erschien gerade die Debüt-Platte mit dem Titel „Volume 1“.
Und jetzt? Nun, Kerosin95 wirkt ein Jahr später musikalisch und hinsichtlich der Rap-Skills noch mal deutlich stärker, Respekt. Hier braut sich was zusammen. Nur „TERFs kriegen von mir gar nix außer Mittelfinger“ (Kerosin95). Absolut nachvollziehbar.
[Shoutout an: @mrclwckr / @pizzambivalent]

Lila Sovia
„You Know The Dill“
Ab wann wird aus Loyalität zu einem Beschuldigten eigentlich Täterschutz? Ein Thema, das bei ganz vielen #metoo-Debatten eine Rolle spielt, wenn einem die jeweiligen Buddys wieder versichern wollen, dass er „sowas“ gar nicht getan haben könnte – man kenne ihn privat schließlich als total den duften Dude.

Was man bei solchen Debatten allerdings kaum vermuten würde, dass man einen Song, der sich dieses schweren Themas bemächtigt, tatsächlich auch noch gern hört. 100% Haltung, no teaching. Props an „You Know The Dill“, in wolkiger Soundatmo und mit perfekt schläfrigem Trap-Timbre ist Lila Sovia genau das gelungen. Ein dorniger aber griffiger Track, der sich mit Opfern sexualisierter Gewalt solidarisiert und kuschelige Täter-Kokons aufspießt.
[Shoutout an: @babsitollwut / @laurellenkopf]

Isabel LaRosa
„Haunted“
Ihr Instagram-Account fungiert unter der Kategorie „Professionelle Autopflege“. Rätselhaft – aber ein Star ist sie ohnehin viel eher auf TikTok. Ein Social-Media-Portal, das für neue Acts immer wichtiger wird. Sorry, dass ich das so sagen muss, mich nervt diese Entwicklung natürlich auch! Aber hört hier mal, was man verpasst, wenn man sich seine Musikempfehlungen weiterhin nur aus verschnarchten Facebookgruppen und der „ZDF Hitparade“ zieht.
[Shoutout an: @nikkaey]

Yard Act
„Witness (Can I Get A)“
Von diesem Act habe ich schon so einige tuscheln gehört. Klingt extrem britisch, ein wenig Sleaford Mods aber mehr so mit Tennisclub-Vergangenheit. Das ist expressiver Pub-Pop, auf den sich vermutlich noch ziemlich viele einigen werden dieses Jahr. Das ausgewählte Stück ist übrigens keine anderthalb Minuten lang, Progrock gibt’s anderswo.
[Shoutout an: @katikardie / @anka.dracul]

Nichtseattle
„Ein Freund“
Ein neuer Act aus dem Staatsakt-Universum (Chris Imler, Ja,Panik, Christiane Rösinger …) mit dem für mich – ich habe keine Lust, was zu beschönigen – schlimmsten Bandnamen seit der Dortmunder Gruppe Mann kackt sich in die Hose. Die Stimme liegt zudem teilweise sehr nah an Judith Holofernes. Nicht falsch verstehen, Nichtseattle (a.k.a. Katharina Kollmann aus Berlin) macht wirklich was her, vor zwei Wochen war ich drauf und dran, sie in meine eigene Liste zu packen. Hätte ich wohl besser mal gemacht, hört selbst!
[Shoutout an: @andriandruschka]

Pöbel MC
„Boys Cry“
Na, könnt ihr noch? Sehr gut, dann hoch die Tassen, stoßen wir an auf all diese Songs hier – und zwar mit einem randvollen Glas Männertränen. Pöbel MC, das ist einer dieser vielen Sturmhauben-Rapper auf dem Hamburger Audiolith Label. Das Stück ist düster, der Text höhnisch, das ganze Paket cool und gemein. Gebt euch mit „Boys Cry“ einen weiteren vertonten Diss gegen toxische Männlichkeit. Es ist einfach die Zeit dafür – wir haben auch echt lange auf diese Epoche warten müssen.
[Shoutout an: @offthestage_nuernberg]

Mola
„Wenn Du springst“

„Wenn die anderen in den Main springen, springst du dann auch?“ Das war einer der zentralen Erziehungssätze, mit denen meine Mutter verlässlich mein „aber die anderen Kinder haben/bekommen/dürfen auch…“ wegbügelte. Hätte ich in meiner Jugendzeit (#Kaiserreich) doch schon diesen Song gekannt. Dann hätte ich bestimmt die Dampfmaschine beziehungsweise die Gamaschen bekommen. Mola singt „Ich lieb dich nur, wenn du mich auch liebst / Ich fühle es nur, wenn du es auch fühlst / Du machst auf cool, schau, ich bin unterkühlt / glaub mir, ich bin sehr, sehr schlau, bin dir einen Schritt voraus / doch wenn du springst, dann spring ich auch!“ Die Musikerin kannte ich nicht, auf ihrer eigenen Seite steht, sie sei sowas wie die deutsche Billie Eilish. Na, dann schnell mal hin zu dem Clip, solange er 4000 Aufrufe hat und noch nicht vier Milliarden.
[Shoutout an: @1liserer / frank_stefan]

Fortuna Ehrenfeld
„Stimmung, gute Laune“
Sind wir mal ehrlich, irgendwie fühlt man sich dann doch noch zu jung für Rainald Grebe. Da mag er noch so geistreich klampfen und singen. Das deutschsprachige Songwriter-Loch in meinem Leben stopfe ich jedenfalls mit Fortuna Ehrenfeld. Sänger, Stola-Träger und Songwriter Martin Bechler ist ja immer auch eher abgründig denn wirklich hochkulturell.
[Shoutout an: @resistent]

Filous & Daði Frey
„Sabada“
Daði Frey kenne ich tatsächlich vom Eurovision Songcontest, da trat er letztes Jahr in Rotterdam für Island an. Das hat zur Folge, dass ich dieses nervige Sonderzeichen „ð“ tatsächlich noch auf Kurzwahl führe, weil ich über seinen ESC-Song zuletzt an anderer Stelle etwas geschrieben habe.

Hier mit Filous nun geht es noch mehr in so eine Indietronica-Richtung. Zart, geschmeidig und trotzdem sehr emotional, ein bisschen wie die früheren Sachen von Jay-Jay Johanson, wenn sich an den noch jemand erinnern kann. Ebenfalls Beachtung sollte man auch auf den Clip legen, ein hochästhetischer Island-Porn.
[Shoutout an: @linaghori]

SASAMI
„The Greatest“
Die Kalifornierin, die in New York Musik studiert hat, verbindet schluffigen Folk mit sehr theatralischen Pop. Das Ergebnis besitzt etwas von einer unheiligen Mischung aus Leonard Cohen, Devendra Banhart und Celine Dion.
[Shoutout an: @the_drug_music]

ZUSTRA
„Drowned Body“
Ariana Zustra ist eigentlich eine Musikjournalistin wie ich und du – aber wenn man genauer hinhört, fällt schnell die Maske und man sieht ihre eigentliche Profession: Popstar halt! Bittersüße Schwermut mit Beats und einer großen Stimme. Und wer bei diesem Stück an der Stelle, wo Ariana singt „The empire strikes back / and they will fuck you into pieces“ keine Gänsehaut bekommt, sollte sich fragen, ob er/sie nicht doch etwas zu deep epiliert hat.

Melting Palms
„Crimson Eye“
Sie gelten als die derzeit lauteste Band Hamburgs und sind ähnlich wie Obelix in den Zaubertrank einst wohl mal in die Plattensammlung ihrer Eltern gefallen. Positiv gemeint! Der Referenzreichtum dieser Shoegazer-Punks mit Noise-Hintergrund ist jedenfalls obszön: ein Schmelztiegel von vier Jahrzehnten Gitarrenmusik. Dazu Junge/Mädchen-Gesang und manchmal – wie bei dem ganz aktuellen Stück „Crimson Eye“ – klingen sie trotz ihres übervollen Kofferraums leichtflügelig wie ein Schmetterling. Wenn ihr mir dieses angestrengte Metaphern-Gulasch mit Insekteneinlage durchgehen lassen mögt!

Avril Lavigne
„Cannonball“
Okay, die Künstlerin muss wohl niemandem mehr vorgestellt werden. Wer beim anstehenden Revival der Nuller Jahre nicht schon begeistert auf „Skater Boi“ schielt, tut mir eh leid.
Aber persönlich hatte ich dieses neue Stück dann irgendwie doch noch nicht gehört. Warum eigentlich nicht? Denn bisschen geil ist dieser Bubblegum-Poppunk immer noch – mindestens ein guilty pleasure.
[Shoutout an: @gesusgrandus]

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Erst schön Spotify-Shaming – dann aber Playlist machen? Genau!

Danke noch mal für euren phänomenalen Input. Ohne euch wäre das alles nicht möglich gewesen. Ich hoffe, ich konnte ihm mit dieser Auswahl ein wenig gerecht werden. Herauskam in jedem Fall eine hochverdichtete Compilation? Ich werde an dieser Stelle nun mal schließen, jederzeit kann der Bauer Verlag anrufen mit der Bitte, dass ich ab jetzt die „BRAVO Hits“-Reihe betreuen soll. Doch vor dem großen Ausverkauf packe ich meine Song-Empfehlungen der vorherigen Kolumne und diese von der Community noch in eine Spotify-Playlist. Klick it like Beckham und see you in hell.

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

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