Crimson Glory: Die neuen Gesichter


Als Crimson Glory vor knapp fünf Jahren zum ersten Mal festen Bühnenboden betraten, waren Gesichtsmasken dank Kiss und Karneval eigentlich ein alter Hut. Trotzdem entschieden sich die fünf aus Florida, nicht nur das Cover des Debüt-Albums, sondern auch ihre wahren Gesichter mit silbernen Fassaden optisch aufzupolieren. „Eine reine Promotion-Entscheidung“, so Sänger Midnight. Man wollte nicht, daß die Band von Schubladendenkern in die selbe Lade gesteckt wird, in der schon jede Menge „beautiful people“ aus L.A. herumlagen: Gruppen, die kommerziellen Erfolg über lange blonde Locken, Venice-Beach-Bräune und Klamottenkult erzielen wollten. Dann schon lieber Maskerade mit Konzept. Und so konnte man beim Nachfolger TRANSCEN-DENCE 1988 immerhin schon die Hälfte der schönen Gesichter bewundern, deren Träger damals eine gewisse Affinität zur Sagenwelt von Schlössern, Walküren und Drachen nicht leugnen konnten. Doch das Konzept von mystischen Texten, Midnights hochtönender Stimme und dem von Jon Drennings Gitarren-Solo-Sucht geprägten Hochgeschwindigkeits-Power-Sound führte zu internen Differenzen, die nach der TRANS-CENDENCE-Japan-Tournee mit dem Abgang von Schlagzeuger Dana Burnell und Zweit-Gitarrist Ben Jackson endeten. Das übriggebliebene Trio Midnight, Drenning und Jeff Lords am Viersaiter bekam mit Ravi Jakhotia einen Ausnahmeschlagzeuger, der seine indische Abstammung auf dem neuen Album STRANGE AND BEAU-TIFUL im Titel „Promise Land“ mit einer gehörigen Portion Stammesrhythmen festklopft. „Ravi brachte mehr Spontaneität in die Studioarbeit“, sagt Elton John- und Pink Floyd-Fan Midnight, dessen Alptraum es seit Gründerzeiten war, „ein Sklave von Tonmeistern und Studiotechnik zu werden.“ Mehr Live-Charakter, mehr Gefühl, neuentdeckte Liebe zur Akkustik-Gitarre und wahrscheinlich das mehrmalige Hören alter Led Zeppelin-Scheiben prägen die unverhüllte Neufassung von Crimson Glory. Weniger „stränge“ als die Vorgänger, aber wahrlich „beautiful“.